Ich habe dich beim Namen gerufen

Liebe Schwestern und Brüder hier vor Ort in der International Catholic Church
in Seoul, in Korea, in Deutschland und Österreich, in Singapur und in Thailand,
in weiteren Ländern Asiens und wo auch immer Sie sich heute zugeschaltet
haben.
„Ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir!“ So schrieb der Prophet
Jesaja einst, und er zitierte damit Gott selbst. Gott spricht mich, spricht Sie,
spricht uns alle an, und zwar mit unserem Namen. Mein Name gehört unlösbar
zu mir und meiner Persönlichkeit, meinem Charakter, meinen Talenten und
meinen Grenzen. Und ich selbst gehöre mit meinem Namen und meiner ganzen
Seele, meiner ganzen Existenz, zu Gott, der nichts anderes will, als mir seine
große Liebe zu zeigen und mich mit seiner zärtlichen Fürsorge zu umhüllen.
Darauf dürfen wir aus ganzem Herzen vertrauen.
So sollte unser Leben sein: Tagtäglich zu spüren, dass Gott meine Stütze und
mein Fels ist, dass mir nichts passieren kann. Als lebenserfahrene Menschen
wissen wir aber, dass wir ganz andere Erfahrungen machen, machen müssen.
Der Verlust von geliebten Menschen ist oft nur sehr schwer auszuhalten. Dies
gilt vor allem, wenn es sehr plötzlich geschieht, auch unter Umständen, die wir
nicht beeinflussen konnten.
Manche Menschen können sich auf den Tod vorbereiten, anderen ist das nicht
vergönnt.
Ich denke an plötzliche schwere Erkrankungen, die in kürzester Zeit das Leben
beendet haben.
Ich denke an tödliche Auto- und Motorradunfälle.
Ich denke an das große Unglück vor einem Jahr, als nicht weit von hier, in
Itaweon, 159 Menschen in einer Massenpanik ums Leben gekommen sind.
Und immer ist da diese Frage nach dem Sinn. Keiner von uns hat eine
unmittelbar zu verstehende Antwort auf die Frage nach dem Sinn von Leid, von
Tod und von Trauer, besonders unter solchen Umständen.
Und das macht es uns oft so unendlich schwer. Wie gehen wir damit um? Wie
können wir uns helfen?
Ich finde, dass es gut tut, wenn wir uns über drei Punkte klar werden.
Der erste Punkt ist:
Auch wenn ich mich so fühle, bin ich nicht allein. Es mag sein, dass ich alleine
im Raum sitze, dass ich alleine durchs Leben gehe, dass niemand mit mir
darüber spricht, wie es mir geht. Das alles kann sehr schwierig sein. Dennoch
gibt es sehr viele Menschen, die ähnlich fühlen, ähnlich denken, eine ähnliche
Sehnsucht haben. Menschen, die ähnlich sprachlos sind, die überwältigt sind
von ihren Gefühlen, die Wut und Trauer und Hilflosigkeit und Lähmung spüren.
Auch wenn ich diese Menschen nicht unbedingt persönlich kenne – es gibt sie,
vielleicht schon neben an im nächsten Apartment. Und ich werde ich dann
herausfinden, wenn ich versuche, ein gutes Miteinander zu pflegen, den
anderen Menschen in Liebe begegne, offen bin für ihre Anliegen. Dann eröffnen
sich manchmal ganz neue Themen – und entsteht eine neue Verbundenheit.
Der zweite Punkt:
Wir können uns die Frage stellen: Aus welcher Kraft lebe ich? Wie sah mein
Alltag aus, bevor ich diesen geliebten Menschen verloren habe? Woran kann ich
mich festhalten? Gibt es ein Hobby, das ich wieder aufgreifen kann? Tut mir
Musik hören gut? Hilft mir der Sport? Oder eine Tasse Tee? Jeder und jede von
uns ist anders, hat andere Möglichkeiten und Ideen und ist anders kreativ. Wie
kann ich mir selbst helfen? Kann ich einen neuen Alltagsrhythmus finden, der
mir Struktur gibt? Wer könnte mir dabei helfen?
Und der dritte Punkt, über den es sich lohnt nachzudenken:
Wie sieht meine Verbindung zu Gott aus? Sehe ich Gott als den an, der mich
erschaffen hat und der möchte, dass ich das Leben habe, das Leben in Fülle?
Wie sieht meine Verbindung zu Jesus Christus aus, der für mich gestorben und
auferstanden ist und der mich erlöst hat? Der an meiner Seite steht als mein
Bruder und Freund?
Wie sieht meine Verbindung zum Heiligen Geist aus, der mir meine Kreativität
gegeben hat, meine Talente, meine neuen Ideen, der mich erfüllen möchte mit
seiner Kraft und seiner Liebe?
Unser dreifaltiger Gott ist ein solidarischer Gott. Er ist uns treu, und er hilft uns
in den dunklen Zeiten unseres Lebens, zumindest den Ort zu sehen, an dem ich
den nächsten Schritt machen kann. Und der zugleich mein bester Freund ist,
der mich aushält, mit all meinen Zweifeln. Ja, es ist oft dunkel in unserem
Leben. Wir dürfen, ja wir sollen uns aber immer wieder sagen – einander und
jeder für sich: Es wird nicht dunkel bleiben. Amen.

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