28. Sonntag iJ C Predigt Segnungsgottesdienst 09.10.2022
Liebe Schwestern und Brüder,
es wäre ziemlich leicht für mich gewesen, bei diesem Segnungsgottesdienst die
Predigt heute zu beginnen mit den Worten: „Heute feiern wir die Liebe.“ Das
würde sich doch eigentlich anbieten, oder? Nach 25 Jahren oder 30 Jahren Ehe
und Partnerschaft ein Loblied auf die Liebe zu singen, das wäre doch eigentlich
das richtige. Aber ich möchte heute ganz anders anfangen:
Liebe Schwestern und Brüder,
Charles Dickens hat einmal gesagt: „Ich denke an jede Kleinigkeit zwischen mir
und ihr und fühle, dass Kleinigkeiten die Summe des Lebens ausmachen.“
Was macht eine gute Beziehung aus? Was trägt eine Ehe, eine Partnerschaft,
eine Freundschaft? Nach dem ersten, stürmischen Verliebtsein und den ersten
Jahren des Aufbaus eines gemeinsamen Lebens gibt es ja bei vielen Paaren eine
Phase der Ernüchterung – wenn zum Beispiel kleine Kinder das Leben
durcheinanderwirbeln. Kaum sind die Kinder dann aus dem Haus, stellen viele
Paare fest, dass ihnen etwas fehlt und das kann zu großen Konflikten führen.
Das Wort von Charles Dickens tut da richtig gut. Dickens verweist auf die
unzähligen Kleinigkeiten, die für ihn den Reiz der Beziehung ausmachen – und
diese Kleinigkeiten ergeben in der Summe dann das ganze gemeinsame Leben.
Es sind eben oft nicht die ganz großen Gefühle, die sich über Jahrzehnte zeigen.
Es ist eher so, dass es eine gesunde Basis gibt, und die vielen Kleinigkeiten
sorgen dafür, dass die Beziehung erhalten bleibt.
Was sind das für Kleinigkeiten?
– Der eine ist ein Morgenmuffel, und vor der ersten Tasse Kaffee nicht
ansprechbar. Der andere steht ganz fröhlich auf und wirbelt durch die
Wohnung. Hier könnte die Kleinigkeit sein, dass beide einander so lassen,
wie sie sind – vielleicht versucht jeder, sich dem anderen ein winziges
Stück anzunähern. Man darf auch im Bett einen Kaffee serviert
bekommen.
– Die eine achtet sehr auf gesunde Ernährung, der andere hält nicht soviel
davon und isst sehr viel Fett, um den Effekt dann mit Alkohol
abzumildern, was nicht so gut ankommt. Hier könnte ein kleiner Schritt
aufeinander zu hilfreich sein – aufeinander hören, dem anderen Raum
geben und ihm zugestehen, dass er seine Gründe hat.
– Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, so lautet ein Sprichwort.
Das kann manchmal eine Blume sein, muss aber nicht immer etwas sein,
das man gekauft hat. Schon ein kleines Lächeln oder ein aufmunternder
Händedruck sind sehr wertvoll. Ein gutes Wort an den Partner, der einen
anstrengenden Tag im Büro hatte. Das Ausräumen der Spülmaschine,
obwohl man selber gerade sehr müde ist, um den anderen zu entlasten.
Das sind alles sehr wichtige Kleinigkeiten. Und die Summe ist das Leben.
Wie lange wir auch immer in unserer Partnerschaft oder Ehe nun zusammen
sind, es gibt doch etwas, das uns hält, das uns auch bei Problemen Mut
macht, weiter zusammen zu bleiben. Und das ist – ein Augenzwinkern. Das
Leben etwas leichter nehmen. Immer wieder verzeihen. Und das alles ist
eben auch Teil der Liebe. Einer Lieb, die sich aber nicht immer in der selben
Art und Weise zeigt. Es gibt eine stille Liebe und eine tatkräftige Liebe. Es
gibt eine Liebe, die sehr vieles aushält und eine Liebe, mit der man sich
aufopfert. Es gibt so viele Formen von Liebe!
Und wir sind gerufen, unsere eigene Form von Liebe zu leben. Wir können
alle nicht aus unserer Haut, aber wir können uns überlegen, was für uns
Liebe bedeutet und wie ich sie dem anderen, der anderen zeigen kann und
zeigen möchte. Und dabei sollten wir viel Gelassenheit einüben: Denn unser
Leben in einer Partnerschaft funktioniert nicht auf Knopfdruck.
In all den vielen Kleinigkeiten unseres Lebens gibt es etwas, das wir nie
vergessen sollten: Und das ist das Wort aus dem heutigen Evangelium. Wir
sollen Salz der Erde und Licht der Welt sein. Das gilt für uns alle, die wir in
einer Partnerschaft leben, und das gilt für alle, die Single sind. Denn wir alle
sollen füreinander da sein. Als Paar können wir für einen Single da sein, und
als Single kann man auch gut für ein Paar da sein. Salz der Erde zu sein heißt:
Dem Leben Würze geben, da wo es langweilig geworden ist, fast schon ohne
Geschmack. Das ist ja nun wirklich ein leichtes Thema hier in Korea, wo die
Würze eines Gerichtes eine so zentrale Rolle spielt.
Und Licht der Welt zu sein, das brauchen wir alle erst recht: Es gibt so viel
Dunkles im Leben eines Paares und im Leben eines Singles, dass wir alle, so
wir heute da sind, gerufen sind, Licht zu sein. Es geht uns ja nicht allen
gleichzeitig schlecht. Jeder von uns hat mal eine dunkle Phase, und da gilt
es, das von außen wahrzunehmen und ein gutes Zeichen zu setzen. „Ich bin
für dich da“ oder „wenn du magst, können wir uns im Café treffen“ oder:
„was brauchst du gerade?“ – das alles sind zeichenhafte Worte, die gut tun
können. Sie müssen deswegen aber nicht zwingend auch angenommen
werden. Manchmal reicht auch, zu wissen, dass ich die Freundin oder die
Nachbarin anrufen könnte – und das hilft mir schon weiter.
Heute feiern wir also tatsächlich die Liebe – und zwar die Liebe in allen
Facetten, die Liebe in Dunkelheit und Licht, in Verzweiflung und Trauer und
Zuversicht und Hoffnung.
Gott steht an eurer Seite, ganz gleich, welches Leben ihr lebt.
Amen.