Warum sollen wir beten?

Predigt am 16.10.2022 

Warum sollen wir beten? Beten bringt gar nichts, nur wenn wir selber etwas tun, dann verändern wir etwas.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendlichen,

vor kurzem hörte ich diese Frage hier in Seoul, und zwar von gleich zwei Personen in sehr unterschiedlichen Gesprächen.

Ich finde diese Frage berechtigt.

Wenn eine solche Frage gestellt wird, dann setzt sich doch jemand mit dem Thema BETEN auseinander. Und das ist gut – unser Glaube lebt auch vom In-Frage-Stellen, vom Zweifeln und vom Nachfragen.

Was bringt uns das Beten?

Die Aussagen von Jesus selbst sind sehr vielfältig. Wir könnten eine lange Zeit damit verbringen, nur die Bibelstellen vorzulesen, in denen es um das Beten geht. Ich greife mal zwei heraus: Bei Markus heißt es: „alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.“ Und bei Johannes heißt es: „Bis jetzt habt ihr noch nichts in meinem Namen erbeten.“

Jesus fordert uns heraus, zu beten, immer wieder, jeden Tag. Und er verspricht uns, dass wir das bekommen, um was wir beten. Und er möchte, dass wir in seinem Namen beten.

Ich bete immer wieder, zum Beispiel morgens mit meiner Frau Christine. Wir beten zum Beispiel regelmäßig um den Frieden in der Welt. Aber offensichtlich klappt das nicht – es gibt in der Ukraine und in vielen weiteren Ländern weiterhin Krieg. Sollten wir also aufhören mit dem Gebet, wenn es doch nicht funktioniert?

Drei Punkte möchte ich heute dazu benennen und ich lade zum Weiterdenken ein.

  1. Punkt:
    Ein Gebet ist keine Zauberformel. Wenn in Kinderbüchern eine Hexe hext oder wenn Harry Potter in Hogwards eifrig das Zaubern erlernt, dann ist das eine schöne Phantasie. Und in diesen Geschichten funktioniert natürlich in der Regel jeder Zauberspruch. Ein paar Worte, ein Wedeln mit dem Zauberstab – und die Welt verändert sich. Durch die Zauberworte wird die Natur gezwungen, sich zu verändern und müssen Menschen gegen ihren Willen etwas tun oder etwas lassen.
    Beim Beten ist das anders. Beten heißt, sich ganz und gar Gott anzuvertrauen. Vertrauen heißt aber nicht bestimmen. Wir können Gott nicht zwingen zu einem bestimmten Verhalten.

 

  1. Punkt:
    Gebet heißt, dass ich mit dem Kontakt aufnehme, der mich erschaffen hat. Mit Gott. Ich bin überzeugt davon, dass er mich hört. Auch wenn ganz viele Menschen gleichzeitig zu ihm beten, hört er zu. Gott hat ja kein überlaufenes E-Mail-Postfach für Gebete, das er nur nach und nach abarbeitet und alle Gebete, die ihm nicht passen, in den Papierkorb verschiebt. Gott ist Gott und hat viel mehr Möglichkeiten, zuzuhören, als wir uns das vorstellen können.

 

  1. Punkt:
    Unser Gebet findet zwar in unserer Realität statt – in unserer Zeit, in unserem Leben, in unserem Wohnzimmer oder hier in der ganz konkreten Kirche. Aber auch wenn Gott bei uns ist, steht er doch auch über unseren begreifbaren Dimensionen. Er handelt auf seine Art – und die ist sehr schwer zu begreifen. Vielleicht ist aber auch genau das das Problem: Wir Menschen wollen immer alles begreifen, mit dem Verstand durchblicken und es analysieren. Gott analysieren zu wollen ist aber nicht möglich. Es geht nicht um Analyse, es geht um Liebe und Vertrauen.

Und was heißt da jetzt? Was ist jetzt mit dem Versprechen von Jesus Christus, dass wir alles erhalten, worum wir bitten?

Zum einen: Wir sollen nicht aufhören zu beten, und zwar im Namen Jesu beten, auch wenn wir keine Ergebnisse sehen, die wir uns doch so sehr wünschen. Denn diese Ergebnisse gibt es vielleicht doch – nur nicht so, dass ich sie sehen und begreifen könnte.

Zum anderen: Wer von uns kann denn tatsächlich begründet sagen, dass das Gebet nichts verändert? Wenn wir uns mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft, und dazu noch voller Liebe dem Gebet widmen, dann verändert sich etwas ganz bestimmt: Und das sind wir selbst. Unsere Beziehung zu Gott wird gestärkt, und wir werden empfänglich für seine Botschaft, für seine Liebe, für seinen Auftrag an uns. Und wenn das geschieht, dann fangen wir an, etwas auszustrahlen von dieser Liebe Gottes. Da, wo wir sind. In der Familie, im Büro oder im Urlaub. In der Schule oder in der Metro. Mein Verhalten ändert sich, meine Blicke, meine Worte, meine Gestik. Meine Haltung ändert sich – hin zu dem, wie Gott mich sieht und wie er mich geschaffen hat. Ich fange an, mich selbst zu entdecken, meine Talente und Möglichkeiten. Und das alles verändert die Welt. Wenn ich morgens für den Frieden in der Welt bete, werde ich letztlich etwas friedlicher. Auch wenn ich Putins Armee dadurch nicht direkt stoppen werde.

Und damit ist der allererste Schritt zum Frieden in der Welt getan. Beten wir um Frieden, und tun wir es in Liebe und mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft. Und wir werden erhalten, um was wir beten.

Amen.

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