Dankbarkeit, Erinnerung, Dienst

Predigt  am 05.10.2025 zu Chuseok (Lk 17,5–10)

Liebe Schwestern und Brüder,

in diesen Tagen feiern wir in Korea Chuseok, das große Ernte- und Familienfest. Familien kommen zusammen, um für die Gaben der Erde zu danken, die Gräber der Vorfahren zu besuchen und die Gemeinschaft neu zu stärken. Für viele ist es eine Zeit voller Freude, und manchmal auch voller Spannung, wenn viele Generationen auf engem Raum zusammenkommen.

Als Christen dürfen wir Chuseok im Licht des Evangeliums deuten. Wir danken Gott, dem Schöpfer, für die Früchte der Erde. Wir gedenken unserer Verstorbenen nicht, indem wir ihnen Opfer darbringen, sondern indem wir sie Gott anbefehlen. Das tun wir im Vertrauen, dass er sie zur Auferstehung führt. Und wir nehmen das Fest als Gelegenheit, einander in Liebe und Respekt zu begegnen.

Im heutigen Evangelium rufen die Apostel Jesus zu: „Stärke unseren Glauben!“ (Lk 17,5). Eine einfache, aber sehr tiefe Bitte. Wir Menschen spüren: So wie die Felder Regen und Sonne brauchen, so braucht unser Leben den Glauben, damit es Frucht bringt.

Jesus antwortet überraschend: „Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, dann würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus und verpflanz dich ins Meer! Und er würde euch gehorchen.“ (Lk 17,6)

Das Senfkorn ist winzig, und doch steckt darin eine große Kraft. So ist es auch mit dem Glauben: Nicht die Größe zählt, sondern die Verbindung zu Gott. Ein kleiner, echter Glaube kann Berge versetzen. Oder eben, wie Jesus sagt, Bäume ausreißen.

Dann erzählt Jesus vom Knecht, der vom Feld kommt. Der Herr erwartet, dass er zuerst das Mahl bereitet und erst danach selbst isst. Am Ende sagt Jesus: „Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.“ (Lk 17,10)

Das klingt hart. Aber Jesus möchte uns zeigen: Glaube bedeutet nicht, auf Lohn zu schielen. Glaube heißt: dienen. Dankbar sein, ohne Berechnung. Tun, was Gott uns aufträgt – nicht, weil es uns Vorteile bringt, sondern weil es gut und richtig ist.

Wenn wir das auf Chuseok beziehen, können wir drei Impulse mitnehmen:

  1. Dankbarkeit: Wir danken Gott, nicht nur für volle Tische, sondern für das Leben selbst. Jeder Atemzug ist Geschenk.
  2. Erinnerung: Wir gedenken der Vorfahren im Gebet. Aber wir schauen weiter: Unsere Hoffnung ist die Auferstehung, nicht nur das Grab.
  3. Dienst: Wir nutzen die Zeit der Begegnung, um füreinander da zu sein. Vielleicht indem wir Streit beilegen, indem wir zuhören, indem wir den Älteren dienen, oder den Kindern Mut machen.

So wird Chuseok für Christen zu einem Fest, das uns tiefer in den Glauben hineinführt: Ein kleiner Funke Glauben, so klein wie ein Senfkorn, kann ein ganzes Familienfest verwandeln.

Liebe Schwestern und Brüder,

die Jünger baten Jesus: „Stärke unseren Glauben!“ Auch wir dürfen diese Bitte sprechen. Gerade an Chuseok, wenn wir sehen, wie wichtig Gemeinschaft, Dank und Erinnerung sind, dürfen wir Gott darum bitten, unseren Glauben wachsen zu lassen.

Dann wird unser Leben, wie klein es manchmal auch erscheint, zu einem Feld voller guter Frucht.

Dann wird aus Dankbarkeit Hoffnung.

Dann wird aus Erinnerung Trost.

Dann wird aus Dienen Freude.

Amen

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