Predigt am 12.10.2025 zu Lk 17, 11–19 Tag des Scheiterns
Liebe Schwestern und Brüder,
in Finnland gibt es einen besonderen Tag: den 13. Oktober. Dieser Tag trägt einen Namen, der auf den ersten Blick etwas seltsam klingt. Er heißt Day of Failure – Tag des Scheiterns.
An diesem Tag sprechen Menschen offen über das, was nicht gelungen ist. Unternehmer erzählen von Projekten, die gescheitert sind. Sportler berichten von verlorenen Wettkämpfen. Studierende sprechen über Prüfungen, die sie nicht bestanden haben. Es geht dabei nicht darum, das Scheitern zu feiern, sondern den Mut, überhaupt etwas gewagt zu haben. Denn wer nie scheitert, hat vielleicht auch nie wirklich etwas versucht. Und wer etwas wagt, der wächst.
Der Tag des Scheiterns lädt zur Ehrlichkeit ein. Denn wir alle kennen Tage, an denen nicht alles so läuft, wie wir es geplant haben. Wir kennen das Gefühl, versagt zu haben – in der Schule, im Beruf, in Beziehungen, in unseren Plänen, vielleicht auch im Glauben oder vor uns selbst.
Und genau an diesem Punkt führt uns eine Brücke zum heutigen Evangelium.
Wir hören von zehn Männern, die schwer krank sind – Aussätzige. Sie sind ausgestoßen, isoliert, ohne Hoffnung, ohne Zukunft. Damals wurde Krankheit oft als Zeichen von Schuld oder Versagen verstanden. In den Augen der Gesellschaft waren diese Männer gescheitert – Menschen ohne Perspektive.
Aber sie geben nicht auf. Sie weigern sich, sich mit ihrer Situation abzufinden. Sie wenden sich an Jesus und rufen:
„Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns.“
Und Jesus hört sie.
Er heilt sie nicht sofort, sondern gibt ihnen einen Auftrag: „Geht und zeigt euch den Priestern.“ Das klingt zunächst widersprüchlich. Sie sind ja noch gar nicht gesund. Trotzdem machen sie sich auf den Weg – im Vertrauen, mitten in der Unsicherheit. Und unterwegs geschieht das Wunder: Sie werden gesund.
Doch nur einer von ihnen kehrt zurück. Nur einer erkennt: Das, was geschehen ist, ist nicht selbstverständlich. Es ist Geschenk. Es ist Gnade. Dieser Mann dankt Jesus – und in diesem Dank wird er nicht nur gesund, sondern heil.
Und das Evangelium fügt einen wichtigen Hinweis hinzu: Dieser Mann war ein Samariter. Einer von denen, die aus religiösen Gründen gemieden wurden, weil sie „anders glaubten“. Gerade er ist es, der umkehrt, dankt und die Tiefe des Geschenks erkennt. Damit macht das Evangelium deutlich: Niemand ist ausgeschlossen – weder wegen Krankheit noch wegen Herkunft oder Glauben.
Vielleicht liegt hier die Verbindung zwischen dem finnischen „Tag des Scheiterns“ und dem Evangelium.
Beide erzählen: Scheitern ist nicht das Ende. Es kann ein Anfang sein. Die Aussätzigen erleben: Gott ist da – auch im Schmerz, auch in der Ausgrenzung. Und der eine, der zurückkehrt, erkennt: Entscheidend ist nicht der Erfolg. Entscheidend ist die Dankbarkeit, die das Vertrauen vertieft.
Der finnische Tag des Scheiterns sagt: Hab keine Angst zu scheitern – hab eher Angst, es gar nicht zu versuchen.
Das Evangelium sagt: Hab keine Angst zu scheitern – denn Gott geht mit dir, gerade dann, wenn du schwach bist. In ihm liegt deine Zukunft.
Beides zusammen ist eine starke Botschaft: Mut und Dankbarkeit gehören zusammen. Wer wagt, kann scheitern. Wer vertraut, kann heil werden.
Vielleicht wäre es gut, wenn auch wir Christen hin und wieder einen kleinen „Tag des Scheiterns“ hätten. Nicht, um uns schlecht zu fühlen, sondern um ehrlich zu sein vor Gott – mit dem, was nicht gelungen ist. Und mit der Hoffnung, dass er daraus Neues wachsen lässt.
Amen.