Über das Vater unser

Predigt 27. Sonntag iJ C 02.10.2022 über das Vater unser

Es gibt einen alten Witz, und der geht so:
Mr. Jones, ein Vertreter von Coca-Cola, bekommt eine Privataudienz beim
Papst. Anwesend sind der Papst, sein Privatsekretär und eben Mr. Jones.
Der Privatsekretär gibt Mr. Jones ein Zeichen, und der fängt sofort an zu reden:
Heiliger Vater, ich bitte Sie um die Änderung des Vater unsers. Meine Firma,
die Coca-Cola-Company in Atlanta, bietet Ihnen 1 Million Dollar, wenn es ab
sofort nicht mehr heißt: Unser tägliches Brot gib uns heute, sondern: Unsere
tägliche Coca-Cola gib uns heute.
Der Papst lehnt dieses Angebot natürlich sofort ab.
Mr. Jones sagt: In Ordnung, wir bieten Ihnen 10 Millionen Dollar.
Auch dieses Angebot wird abgelehnt.
Mr. Jones hat aber vom Vorstand seiner Firma alle Vollmachten bekommen,
und deswegen setzt er ein drittes Mal an:
Heiliger Vater, wir bieten Ihnen 1 Milliarde US-Dollar für die Änderung des
Vater Unsers: Unsere tägliche Coca-Cola gib uns heute.
Da beugt sich der Papst zu seinem Privatsekretär und fragt ihn leise:
Monsignore, wie lange geht noch unser Vertrag mit der Bäckerinnung?
***
Als dieser Witz entstanden ist – und ich kenne ihn schon seit meiner Kindheit –
war es undenkbar, dass jemals an einem Text wie dem Vater unser irgendetwas
geändert werden könnte oder dürfte.
Es ist das Gebet Jesu, und ein solches Gebet darf man doch generell nicht
verändern, oder?
Das ist auch grundsätzlich richtig. Wir sind gehalten, behutsam mit der Heiligen
Schrift umzugehen.
Und dennoch verändert sich unsere Gebetssprache. Im Ave Maria wurde früher
wie selbstverständlich gebetet: du bist gebenedeit unter den Weibern. Das geht
schon seit Jahrzehnten nicht mehr – wir beten heute: Gebenedeit unter den
Frauen. Und da würde heute auch niemand mehr zurück zur alten Formulierung
wollen.
Und beim Credo hieß es früher: Hinabgestiegen in die Hölle – heute heißt es:
hinabgestiegen in das Reich des Todes.
Die Sprache unseres Betens wandelt sich im Laufe von Jahren und Jahrzehnten.
Und auch von Generation zu Generation. Ich halte es für wichtig, die nächsten
Generationen mit den Grundgebeten vertraut zu machen. Aber jeder von uns
muss seinen eigenen Weg, muss ihren eigenen Weg finden, sich an Gott zu
wenden – und da gibt es viele Möglichkeiten:
Zum Beispiel eben mit den Grundgebeten, deren Texte man einfach nachlesen
kann.
Oder mit ganz freien, eigenen Worten
– oder ganz ohne Worte, in der Stille, lediglich mit der intensiven inneren Bitte
an Gott: Nimm mich so, wie ich bin – ich hab keine Worte, aber du, Gott, weißt,
was ich meine.
Man kann auch tanzen und sich so Gott anvertrauen. Das wird auch in vielen
Kulturen sogar im katholischen Gottesdienst gemacht. Auch Kunstwerke
können Teil eines Gebetes sein. Es gibt so viele Möglichkeiten, mit Gott in
Verbindung zu kommen!
Wichtig ist es dabei, ehrlich zu sich selber und zu Gott zu sein. Ehrlich zu beten
heißt auch: Authentisch zu beten. Ob ich 16 Jahre oder 56 bin oder fast 80. So
wie ich bin. Und es ist dabei immer entscheidend, welches Bild ich von Gott
habe. Mein eigenes Gottesbild prägt auch mein Beten. Wenn ich von einem Gott
ausgehe, der alles kontrolliert und alles bestraft, dann werde ich mich vielleicht
ganz klein machen beim Beten und voller Angst sein.
Wenn ich aber an einen Gott glaube, der seinen Sohn gesandt hat, um mich zu
erlösen und aufzurichten und mir das ewige Leben zu schenken, dann bete ich
vielleicht freier und dankbarer und spüre schon ein wenig die Erlösung durch
Jesus Christus.
Und genau diese Frage hat sich vor ein paar Jahren Papst Franziskus gestellt.
Unser Papst kommt ja aus Argentinien, und dort spricht man spanisch. Und im
Spanischen lautet die sechste Bitte des Vater unsers nicht „Und führe uns nicht
in Versuchung“ sondern „lass uns nicht in Versuchung geraten (no nos dejes
caer en la tentación).
Und weil der Papst das aus seiner Muttersprache von Kindesbeinen an so
kannte, hat er den Vorschlag gemacht, auch in den anderen Sprachen das Vater
unser an dieser Stelle anders zu beten.
Der Papst geht von einem anderen Gottesbild aus: Wenn es heißt: „Und führe
uns nicht in Versuchung“, dann gibt es ja die Möglichkeit, dass Gott uns
bewusst in die Irre führt, dass er bewusst uns dem Bösen aussetzt.
Beten wir aber: „Lass uns nicht in Versuchung geraten“, oder auch „Überlasse
uns nicht der Versuchung“, dann gehen wir von einem Gott aus, der absolut nur
Gutes für uns will und der es ernst meint mit der Erlösung durch seinen Sohn
Jesus Christus.
Die französische und die italienische Kirche haben den Vorschlag des Papstes
inzwischen umgesetzt. Im französischen heißt es Et ne nous laisse pas entrer en
tentation, im Italienischen entsprechend.
Im Deutschen haben wir das noch nicht. Aber es wird zumindest darüber
gesprochen. Wir als deutschsprachige Gemeinde in Korea werden den Ritus
nicht ändern. Das müssten die deutschsprachigen Bischofskonferenzen
entscheiden.
Was wir aber machen können, das ist unsere Haltung zu diesem Text
anzuschauen. Denn damit verbindet sich unser Gottesbild. Welches Gottesbild
habe ich – das Bild eines Gottes, der mich bewusst in die Versuchung führen
will? – oder das Bild eines Gottes, der ausschließlich das Beste für mich will
und den ich deswegen bitte, mich vor der Versuchung zu bewahren.
Und – was hält mich ab, in meinen persönlichen Gebetszeiten einfach mal diese
Vaterunser-Bitte zu ändern, ganz im Sinne des Heiligen Vaters?
In der zweiten Lesung haben wir gehört: Gott hat uns nicht einen Geist der
Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der
Besonnenheit.
Ich finde, dass wir diese Aussage auf unser Leben und unseren Glauben
anwenden sollten. Wenn wir spüren, dass wir ganz verzagt sind, wenn wir an
Gott denken, dann ist es wirklich allerhöchste Zeit, dass wir uns sagen: Dieser
Gott hat mir seinen Geist gegeben, und zwar den Geist der Kraft und der Liebe
und der Besonnenheit. Und ein Gott, der so etwas tut, der meint es nun wirklich
nicht böse mit mir.
Haben wir den Mut, unser Gottesbild zu hinterfragen. Und verändern wir
unseren Blick auf das Leben: Jeden Tag, nicht nur am Sonntag um 10 Uhr in der
Kirche, sind wir gerufen, die Kraft und die Liebe seines Geistes zu leben. Und
das sollten die anderen Menschen dann auch mitbekommen.
Amen.

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