03/12/2022

Ein Blick – Einblick: Alltag

Was machen wir hier eigentlich den ganzen Tag?

Aufgenommen in einem großen Kino. Christine meinte, ich sollte mal sehr grimmig schauen. Das muss ich noch üben.

Also – Urlaub ist es nicht.

Und im Kino sind wir auch nur durchgelaufen, um ein Restaurant zu finden.

Gerade läuft die Klimaanlage hier im Wohnzimmer, und sie hat auf 26 Grad herunter gekühlt.

Das ist schon eine echte Erleichterung. Die Klimaanlage läuft aber nur ab und zu; mal abgesehen von den ethischen Aspekten gehen die Strompreise hier auch durch die Decke.

Und hier kommt ein Panoptikum von dem, was uns jeden Tag so beschäftigt. Dabei von Alltag zu sprechen, wäre aber nicht richtig: Erstens ist jeder Tag anders, nur ein paar Eckpunkte sind gleich. Typisch für einen Seelsorger. So beginnen wir jeden Tag mit dem Morgengebet, der Laudes.

Und zum anderen lernen wir ja jeden Tag dazu, so dass sich schon einiges verändert hat. Vor allem unsere Einstellung zu den asiatisch-koreanisch-konfuzianischen Phänomenen wandelt sich. Vieles ist sehr anstrengend und lässt uns immer wieder mal etwas ratlos zurück. Da tut es uns so gut, so viele „alte Hasen“ um uns herum zu haben. Denn unsere Gemeinde besteht aus vielen sehr unterschiedlichen Menschen (soweit alles normal), von denen die meisten aber eine jahre- oder jahrzehntelange Auslandserfahrung auf teilweise mehreren Kontinenten haben. Und das ist hier eben auch normal – nur wir sind da nicht so normal… Immerhin kann ich auf einen rheinischen Migrationshintergrund verweisen, mit dem ich 36 Jahre in Bayern gelebt habe. Das muss ja auch mal festgehalten werden! 😉

Ob nun diplomatischer Dienst für Deutschland, Österreich oder Schweiz, EU-Delegation, internationaler Konzern, internationale akademische Hochschulwelt, Außenhandelskammer, Goetheinstitut, politische Stiftungen oder Auslandsschulwesen – die Menschen bringen so reichhaltige Erfahrungen mit, dass diese ihnen das Leben in einem immer wieder neuen Land erleichtern. Sie kommen zum Teil aus einem deutschsprachigen Land, haben dann irgendwo auf der Welt ihre Lebenspartner/innen gefunden und lebten, bevor sie nach Korea kamen, in Indonesien, auf den Philippinen, in China, Japan, Thailand, USA, Chile, Peru und in vielen europäischen Ländern sowieso. Und wir profitieren davon – zum Beispiel von der Gelassenheit im Umgang mit Behörden.

Denn diese Gelassenheit ist dringend nötig. Zur Zeit warten wir auf unsere verschifften Sachen. Sie sind inzwischen in Korea angekommen, und mit der Ankunft im Hafen von Busan begann das Verwirrspiel: Die koreanische Spedition meldete sich bei uns und verlangte einen Stapel von Dokumenten

und Informationen, die wir aber schon fast alle der Augsburger Internationalen Spedition gegeben hatten bzw. über die nur diese Spedition verfügte. Denn von Ladegewicht, Name des Schiffes und Registrierungsnummer der Ladepapiere wussten wir bis dato nichts. Als alle diese Infos eingeholt und weiter gegeben worden waren, kamen pro Tag 1-2 Mails, in denen der eine Mitarbeiter der koreanischen Spedition weitere Infos anforderte, die wir seiner Kollegin schon gegeben hatten, und umgekehrt. Zur Zeit schreiben wir alle Informationen an alle uns bekannten Emailadressen dieser Spedition, um dem etwas vorzubauen. Immer wieder, täglich (!) kam die Aufforderung, unser Visum einzureichen, das wir aber erst am 25. Oktober bekommen werden. Was wir auch unzählige Male erklärt haben, per Mail und mündlich, per Rauchzeichen und durch Brieftauben und auch mit Hilfe von Eulen, die wir aus Hogwarts von Harry Potter ausgeliehen hatten. Wir waren sogar vor Ort in den Büros der Spedition. Das war eine weite Fahrt, fast 1,5 Stunden einfache Strecke mit dem Bus.

Also haben wir unsere Einreiseerlaubnis abfotografiert, die uns ja nur 90 Tage Aufenthalt ermöglicht. Und dann die Terminbestätigung für das Immigration Office. Und den Aufkleber im Reisepass, der unsere Einreise dokumentiert. Und den Antrag auf das Visum. Und meine Schuhgröße beigelegt. Hauptsache irgendwelche Papiere einreichen. Zu den Papieren sollte unabdingbar die Alien Registration Card (ARC) gehören. Diese bekommt man aber erst nach Erteilung des Visums. Und ohne die ARC ist man hier als Ausländer kein Mensch, so dass man auf gar keine Fall auf die eigenen Sachen zugreifen darf. Außerdem mussten wir nachweisen, dass wir verheiratet sind. Das wäre gar kein Problem gewesen, schließlich hatte ich eine internationale Heiratsurkunde aus Deutschland mitgebracht und bei der Firma eingereicht. Aber diese wurde nicht anerkannt. Unser Plan, mit gefühlt 100 Dokumenten zum hiesigen Bürgeramt zu gehen und dort eine Familienbescheinigung zu beantragen ist noch nicht ausgeführt.

So ist das hier. Die Regularien sind so formuliert, dass einer gewissen Willkür Tür und Tor geöffnet sind. Die Gemeinde sagt uns: Wenn man mal registriert ist, läuft alles besser. Wir bleiben also zuversichtlich. Währenddessen schreibe ich am Blog, bereite den morgigen Gottesdienst vor und kümmere mich um die anlaufende Firm- und Erstkommunionvorbereitung. Außerdem ist für den 9. Oktober ein

Foto aus der Einladung zum Gottesdienst

Ehejubiläums- und

Partnerschaftssegnungsgottesdienst angesetzt.

Dessen Vorbereitung ist etwas aufwendiger, auch musikalisch wollen wir einen besonderen Akzent setzen. Das wird aber eine Überraschung, daher schreibe ich jetzt noch nix davon.

Meine Kollegin aus der evangelischen Gemeinde deutscher Sprache, Pfarrerin Mi-Hwa Kong, die aus der rheinischen Landeskirche kommt und schon 5 Jahre hier ist, und ich haben uns auf eine gute ökumenische Zusammenarbeit verständigt. So planen wir gerade zusammen mit dem deutschen Kindergarten und der deutschen Schule eine große Martinsfeier mit 300-400 Personen, die wir gerade von den Behörden genehmigt bekommen haben. Ich bin sehr dankbar für die gute Zusammenarbeit auch mit der Deutschen Schule und dem daran angeschlossenen Kindergarten. Die Martinsfeier

wird wahrscheinlich im Namsan-Park, nicht weit weg von hier, als sternförmiger Spaziergang durchgeführt mit einem Martinsspiel am Schluss. Wir sind gespannt.

In Planung ist zudem die Nikolausaktion,

und die Sternsinger

sind auch schon ökumenisch angedacht. An Allerseelen feiern wir übrigens einen ökumenischen Trauergottesdienst. Und so planen wir uns durch das Kirchenjahr.

Quelle: Pixabay

Im Oktober vertrete ich meine Kollegin für 12 Tage, da sie nach Australien fliegt zu ihrer Regionalkonferenz der evangelischen Auslandsseelsorge und noch ein paar Tage Urlaub dranhängt. Bis Sydney ist ein weiter Weg: Sie fliegt von hier über 8300 km weit. Zum Vergleich: von Seoul nach München sind es 8500 km.

Für mich ist für eine ähnliche Aktion der Juni 2023 angedacht. Gerade kam aus Bonn die Vorplanung für unsere katholische Regionalkonferenz in Indonesien. Das sind dann 4800 km. So langsam gewöhnen wir uns an die Dimensionen des Begriffs „Regionalkonferenz Asien/Australien“… Zu meiner Konferenz gehören die Kollegin und die Kollegen in Peking und Hongkong, auf den Philippinen, in Sydney, Shanghai, Indonesien, Neu Delhi, Tokio, Bangkok und Singapur. Alle eng verbunden mit dem Katholischen Aulandssekretariat in Bonn.

Manchmal erreichen uns Grüße aus Deutschland. Vor ein paar Tagen kam ein Brief aus England. Heute morgen eine sehr liebe und gut tuende Mail aus Königsbrunn von Simone.

Von der Post aus Amerika hab ich ja schon erzählt. Die Verbundenheit, die hier zum Ausdruck kommt, tut uns sehr gut. Ansonsten versuchen wir mit WhatsApp und Zoom in Kontakt zu bleiben. Das ist uns sehr wichtig, und wir freuen uns über jede noch so kleine Nachricht. Und während ich diesen Artikel überarbeite, bringt mir Christine eine Postkarte aus Bonn. Danke, Rania – und liebe Grüße an eure religionsverbindende Notfallseelsorge!

Übrigens darf man uns auch anrufen, zum Beispiel über WhatsApp. Das kostet dann gar nichts. Lediglich der Zeitunterschied ist zu beachten: Solange in Deutschland noch Sommerzeit ist, sind wir 7 Stunden voraus; mit der Zeitumstellung auf Winterzeit sind es dann 8. Und ab 22 Uhr koreanischer Zeit sind wir manchmal etwas schläfrig.

Eigentlich ist Korea weltweit das Land mit dem besten Internet. Das bestätigen Untersuchungen. Es ist toll, in allen Bussen und der Metro immer W-Lan zu haben. Und die Leitungen sind generell großartig. Unsere eigene Versorgung mit Internet, hier in der Wohung, ist dagegen sehr bescheiden. Die Leitung, die hier gelegt wurde, ist gefühlt 1000 Jahre alt, das Modem etwas jünger

und die Upload- und Downloadwerte sind katastrophal. Manchmal kann ich keine Mail über W-Lan verschicken, wenn sie mehr als 1 MB als Anhang hat. Der Upload eines 8-Minuten-Videos geht natürlich gar nicht. Das muss ich dann alles über das Handy machen, was aber ziemlich teuer ist. Wir haben folglich einen Techniker beauftragt, die Leitungen durchzumessen. Das Ergebnis: Der Vorplatz und die Straße müssten aufgerissen werden, um eine neue Leitung zu legen. Ansonsten sei hier nichts zu machen. Ich bleibe aber an dem Thema dran – so schnell gebe ich nicht auf. Vielleicht komme ich mit einem mobilen Modem weiter. Damit haben wir in der Notfallseelsorge sehr gute Erfahrungen gemacht. Nur brauche ich dafür aber erst die ARC. Man muss eben erst mal Mensch sein. Und viele Dokumente vorweisen können.

Apropos Mensch sein: Ein bisschen Mensch sind wir hier schon. Denn seit Montag haben wir unsere Visitenkarten. Und die sind kulturell sehr sehr wichtig. Man überreicht sie mit beiden Händen und empfängt sie auch so, mit einer Verneigung verbunden und dann wird die Karte intensiv studiert.

Ich habe schon jetzt eine kleine Schachtel voller Visitenkarten.

Außerdem geht es hier um Titel. Wer keinen Titel und/oder keinen außergewöhnlichen Beruf hat, ist nicht besonders viel wert. Ich sehe das durchaus anders – und ab und zu rede ich auch darüber. Zumindest mit einigen Leuten. Als Christen sollten wir grundsätzlich anders denken.

Rot ist noch nicht die höchste Stufe. Darüber steht lila: Sehr ungesund und dann als höchste Stufe rotbraun: sehr gefährlich. Dann bleibt man am besten komplett zu Hause.

Zwischendurch beschäftigen wir uns mit der Luftverschmutzung hier in Seoul. Da gibt es eigene Apps, die uns informieren. 3 Wochen lang war der Wert im grünen Bereich, aber seit vorgestern steigen die Werte in ungesunde Dimensionen. Das liegt an China, aber auch an Seoul.

FFP2-Maske zu tragen ist daher nicht nur wegen Corona wichtig. Seit Montag gibt es keine Maskenpflicht mehr im Freien – aber mindestens 90 Prozent der Leute tragen die Maske trotzdem. Ob die Werte der Luft nun grün oder rot sind. Ab und zu wird hier mal gegen die Maske protestiert – in dem sie nur über dem Mund getragen wird. 😉 Im Ernst: Das ist hier ganz normal, die Maske zuverlässig zu tragen. Es ist zudem so, dass man wegen einer Erkältung oder Fieber nicht der Arbeit fernbleibt. Man zieht eine Maske an und geht ins Büro. Punkt.

Wir freuen uns aber, dass wir bei unseren Spaziergängen in den Parks hier ab und zu mal die Maske abnehmen können, wenn wenig Menschen in der Nähe sind. Diese Parks tun uns richtig gut. Ein paar Eindrücke:

Heute abend arbeiten wir weiter an der deutsch-französischen Freundschaft. Die französischsprachige Gemeinde, an deren Gottesdiensten wir regelmäßig teilnehmen, hat keinen eigenen Gemeindesaal und heute ist Premiere: Sie sind bei uns zu Gast zu einer Begegnung nach dem Gottesdienst. WIr freuen uns sehr darüber.

Abschließend ein ganz entscheidender Punkt: Was ist das wichtigste Utensil in der Küche?

Es ist diese Kanne in der Mitte mit dem orangen Deckel. Denn da ist eiskaltes Zitronenwasser drin, das vor der Zitronensaftzugabe vom Brita-Filter gereinigt worden ist. Es tut gut und erfrischt sehr – und trinken ist hier das A und O. Essen ist bei weitem nicht so wichtig, wenngleich wir das auch nicht vergessen. Ich werde Christine bitten, demnächst mal aus ihrer Sicht darüber zu schreiben. Und auch überhaupt: Wie sie das Leben hier sieht. Das ist dann ihr Ein-Blick.

Soweit das heutige Panoptikum. Herzliche Grüße in alle Welt!

PS: Die Klimaanlage ist wieder aus…

…to be continued.

Ein Gedanke zu “Ein Blick – Einblick: Alltag

  1. Lieber Edgar, liebe Christine,
    ganz liebe Grüße aus der Heimat! Hier ist es nach eurer Abreise plötzlich Herbst geworden und es hat endlich so viel geregnet, dass überall wieder zartes grünes Gras gewachsen ist… Und die Pilze kommen!
    Wenn Ihr gern Post bekommt – wie ist eure Adresse? Was muss alles von der Visitenkarte abgeschrieben werden? (Nein, bitte nicht die koreanischen Schriftzeichen! 😉
    Und euch beiden weiterhin Geduld für den Papier-Marathon, oder Humor – was euch lieber ist! Vielleicht beides abwechselnd?
    Herzliche Grüße,
    Karen

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