Predigt am 13. Juli 2025 zu Lk 10,29–37 Wer ist mein Nächster?
Liebe Schwestern und Brüder,
die Frage, die Jesus heute gestellt wird, ist eine, die über Jahrhunderte hinweg Menschen bewegt hat -und auch heute noch aktuell ist: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Der Gesetzeslehrer erwartet von Jesus eine gelehrte Antwort, vielleicht sogar eine theologische Diskussion. Doch Jesus antwortet -wie so oft -mit einer Gegenfrage: „Was steht im Gesetz geschrieben?“ Und der Mann antwortet richtig: Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst.
Doch dann die Nachfrage: „Wer ist mein Nächster?“ Und an dieser Stelle könnte man sagen, dass Jesus etwas völlig Unerwartetes tut -er antwortet nicht mit einem Prinzip, sondern mit einer Geschichte. Einer Geschichte, die alles verändert: das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.
Die Straße von Jerusalem nach Jericho war eine gefährliche. Fast 30 Kilometer steiler Abstieg durch unwegsames Gelände. Kein Ort für einen Spaziergang. Wenn man sich auf diesen Weg begab, wusste man um das Risiko -und vielleicht ist es kein Zufall, dass Jesus genau diesen Ort wählt, um uns das Wesen der Nächstenliebe zu erklären.
Ein Mann wird überfallen, ausgeraubt, halbtot liegen gelassen. Zwei Menschen kommen vorbei: ein Priester und ein Levit -Männer des Glaubens, Männer der Religion. Doch sie gehen vorüber. Aus Angst? Aus Prinzip? Aus Bequemlichkeit? Wir wissen es nicht. Jesus verurteilt sie nicht einmal ausdrücklich -er schildert einfach nur die Tatsachen.
Und dann kommt der Dritte: ein Samariter -aus Sicht der Juden ein religiöser Außenseiter, ein Abweichler. Und gerade er lässt sich berühren, hält an, hilft, versorgt die Wunden, bringt den Verletzten in Sicherheit und bezahlt sogar für ihn.
Jesus kehrt mit diesem Gleichnis das Denken um: Nächster ist nicht der, der geografisch oder familiär nahe ist -sondern der, der sich als Nächster verhält. Der Samariter handelt nicht aus Pflicht, sondern aus Mitgefühl. Er sieht nicht weg, sondern hin. Seine Nächstenliebe ist konkret, tatkräftig, selbstlos.
Damit wird klar: Nächstenliebe ist nicht bloß ein Gefühl oder ein Ideal. Sie ist keine bloße „Sympathie“, sondern bedeutet, sich verletzbar zu machen, Zeit und Kraft zu investieren, Verantwortung zu übernehmen -für den, der mir vor die Füße gelegt wird.
Im Brief an die Kolosser hörten wir heute: Christus ist das Haupt der Kirche, der Erstgeborene der neuen Schöpfung. In ihm ist das sichtbare Bild des unsichtbaren Gottes. Und genau das sehen wir im barmherzigen Samariter: das Bild Christi selbst, der sich uns zuwendet, wenn wir verwundet und ausgeblutet am Wegesrand liegen -durch Angst, Schuld, Einsamkeit, Krankheit oder das Gefühl, vergessen zu sein.
Christus bleibt nicht auf Distanz. Er kommt uns ganz nah, nimmt unser Leid auf sich, salbt unsere Wunden mit Erbarmen und trägt uns dorthin, wo wir heilen können -in die Gemeinschaft der Glaubenden, in seine Kirche.
Und in der Lesung aus dem Buch Deuteronomium hörten wir: „Dieses Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“ Es geht nicht um etwas Fernes, Kompliziertes oder Übermenschliches. Die Liebe, zu der Gott uns aufruft, ist in uns angelegt. Jeder von uns kann Nächster werden -durch Taten, Worte, Gesten.
Aber: Wir müssen hinschauen. Wir müssen unsere Komfortzonen verlassen. Wir müssen aufhören zu fragen: Was bringt mir das? -und anfangen zu fragen: Was braucht der andere?
Vielleicht ist der Nächste die Kollegin, die jeden Tag schweigend das Büro betritt. Vielleicht der Nachbar, der nervt. Vielleicht der Flüchtling, der nichts versteht. Vielleicht das eigene Kind, das einfach Aufmerksamkeit braucht.
Es geht nicht darum, jedem Bedürftigen der Welt zu helfen -aber darum, dem nicht auszuweichen, der mir begegnet. Wer „vorübergeht“, verpasst den Moment der Gnade. Wer stehen bleibt, handelt im Sinne Christi.
Wenn wir uns auf diese Form der Nächstenliebe einlassen, wird sich unsere Haltung verändern. Doch was geschieht dann in unserem Innern? Wie bleiben wir offen für Gottes Gegenwart im Alltag? Nächsten Sonntag begegnen wir Martha und Maria -ein neuer Schritt auf unserem Weg: Vom Handeln zum Hören. Vom Aktivsein zum Ankommen bei Christus.
Amen.