Wir brauchen Ostern dringender denn je

Auf der Homepage unserer Gemeinde hab ich ein Zitat von Frère Roger veröffentlicht, dem Gründer der Gemeinschaft von Taizé.

Er hat mal gesagt, dass wir das, was wir vom Evangelium verstanden haben, auch leben sollen – auch wenn es noch so wenig ist.

Ich hab das immer verstanden als ein Aufruf, sich nicht zu überfordern. Wer kann schon alles erfüllen, was in der Bergpredigt steht? Und zugleich gilt: Wenn ich mich mit der Bibel, mit dem Evangelium beschäftige, dann sollte immer auch im Mittelpunkt stehen, etwas dazu zu lernen, weiter zu wachsen im Glauben, eigene Positionen zu überprüfen und sich von Christus inspirieren lassen zu einem besseren Leben.

Genauso ging es den Jüngern. Das waren ganz normale Menschen, und sie brauchten ihre Zeit, um sich dem Evangelium zu nähern und es in ihr Herz aufzunehmen.

Und so endet das heutige Evangelium nicht mit einem großen Chor der Engel, die an diesem Ostermorgen Halleluja singen und alle Anwesenden mit großer Freude erfüllen. Der letzte Satz heute lautet: „Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse.“

Die Schrift verstehen. Das ist das Ziel, zu dem wir alle gerufen sind. Verstehen heißt hier: Ganz eintauchen in die Schrift. Die Schrift inhalieren, ja sogar aufessen. In uns wachsen lassen. Und danach leben. Ausstrahlen in die Welt. Von Freude getragen sein. Gott lieben. All das heißt: Die Schrift verstehen.

Es gibt wohl nicht so viele Menschen, die das von sich sagen könnten. Aber alle sind wir gerufen, Christus als den Auferstandenen, den Messias, den Erlöser zu bekennen.

Er ist der Einzige. Es gibt keinen anderen Messias außer ihm. Jeder Versuch, einen Menschen zum Messias zu machen, ist einfach Blasphemie – und es zeigt zugleich, dass in diesem Fall die Schrift ganz sicher nicht verstanden worden ist.

Aber es gibt leider auch Menschen, die genau das tun. Wir erleben das in diesen Tagen in den USA, wo eine spirituelle Begleiterin des Amerikanischen Präsidenten diesen mit Jesus Christus verglichen hat: Sie sprach davon, dass Trump verraten und falsch beschuldigt worden sei und verglich dies mit der Leidensgeschichte Christi.

Ausdrücklich wurde einen Parallele konstruiert: Christus hat gesiegt nach dem Verrat durch Judas durch den Tod am Kreuz, und so sein auch Präsident Trump siegreich. Der Präsident wurde als von Gott “erhoben” beschrieben, als Führer “für eine Zeit wie diese”. Er wurde nicht nur als Gewählter, sondern als Berufener dargestellt.

Und wenn man das dann in den großen Kontext der Propaganda rund um den Irankrieg stellt, dann wird klar, dass es hier auch um die Rechtfertigung des Krieges geht. Es wurde gebetet und der Irankrieg in biblische Zusammenhänge gestellt. Widerstand gegen das Regime sei Teil eines größeren Kampfes. Und Trump sei ein göttlich legitimierter Akteur.

Dem muss gerade an Ostern und gerade aus christlicher Sicht klar widersprochen werden. Papst Leo hat betont, Gott könne nicht zur Rechtfertigung von Krieg herangezogen werden. Und er hat auch gesagt, dass die, die Krieg führen, nicht erwarten dürfen, dass Gott ihre Gebete erhört.

Liebe Schwestern und Brüder,

wir brauchen Ostern dringender denn je.

Ostern, das ist die Botschaft, dass der Herr auferstanden ist, die Botschaft der Überwindung von Verrat und Sünde und Intrige und von Waffen und von Leiden und Tod.

Ostern, das ist der Aufbruch des menschenfreundlichen Frühlings in der brutalen Eiseskälte unserer eigenen Unbarmherzigkeit.

Ostern, das ist der Neubeginn, den wir uns schenken, weil wir uns nach einem heftigen Streit wieder in die Augen sehen und uns die Hand reichen.

An Ostern wird uns die Kraft geschenkt, dem schreienden Unrecht in der Welt entgegen zu treten und Diskriminierung, Willkür und Gier entgegen zu treten.

Und warum ist das so?

Damit wir die Schrift verstehen, dass Jesus von den Toten auferstehen musste.

Dieser Satz muss sich einbrennen, wie ein Tattoo, in unser Denken. Er muss Teil werden unseres Morgengebetes. Er muss Teil unserer DNA werden, unseres genetischen Bauplans. Denn unsere DNA ist quasi die Bedienungsanleitung unseres Körpers. Und wenn wir die Botschaft von der Auferstehung Christi als Bedienungsanleitung für unseren Glauben nehmen, dann verändern wir uns genau dahin, wohin wir uns verändern sollen. Dann fangen wir an, die Heilige Schrift zu verstehen. Und wenn das geschieht – davon bin ich zutiefst überzeugt – verändern wir die Welt.

Frohe Ostern! Frohe und gesegnete Ostern!
Christus ist auferstanden, Halleluja, Halleluja.

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