Richtig still

Predigt zum dritten Advent, 11. Dezember 2022

Liebe Schwestern und Brüder,
wann haben Sie das letzte Mal gesagt: Es ist still? Also so richtig still. Ohne Straßenlärm mit Hupen und lauten Lastwagen, ohne laute Maschinen, ohne Straßenverkäufer, die laut ihre Waren
anpreisen?
Und – wenn Sie das mal erlebt haben, dass es äußerlich still war – wie sah es dann in Ihrem Inneren aus?
Wir Menschen sind manchmal ziemlich seltsame Wesen. Eine Seltsamkeit ist, dass es in uns ganz laut sein kann, aber eine anderer neben uns merkt das meistens nicht. Denn wahrscheinlich ist es auch in ihm sehr laut.
Es ist laut in uns, auch wenn es um uns herum leise ist. Oder anders ausgedrückt: Gerade dann, wenn es leise wird, hören wir den Lärm in uns noch viel besser.
Und das macht uns zu schaffen. Warum ist es nicht wenigstens in uns still?
Um das zu verstehen, müssen wir uns selber anschauen. Wie verhalten wir uns von morgens bis
abends? Gibt es Zeiten der Ruhe? Gibt es überhaupt Momente der Stille? Oder sind wir nicht alle
permanent in der Gefahr, nur noch die Lasten des Lebens zu sehen? Nur noch die Pflichterfüllung?
Nur noch das zu hören, was andere von uns wollen?
Viele Menschen kennen diese Erfahrung. Auch in Busan oder in Seoul. Als ob das Leben besser
würde, wenn wir ständig in Eile sind. Stellen Sie sich mal an eine Bushaltestelle und schauen Sie, wie Menschen, wenn Sie aus dem Bus ausgestiegen sind, sich danach bewegen. Viele fangen an zu rennen. Zumindest ein paar Schritte. Denn das hält ja keiner aus, immer weiter zu rennen. Aber die Hektik des Tages und die Stürme des Lebens zwingen uns scheinbar dazu.
Immer weiter können wir nicht rennen. Wir tun es dennoch, immer wieder! Es ist eine permanente Hektik hier. Und die macht uns krank. Das ist nicht das, was Gott uns wünscht.
Gott möchte sich von uns finden lassen. Er steht an unserer Seite, und alles was wir tun müssen, ist, uns nicht so sehr von den Stürmen des Lebens beeindrucken zu lassen.
In der Lesung aus dem Buch der Könige geht es auch darum: Da kommt ein Sturm. Ein Sturm kann sehr verheerend sein, kann viel kaputt machen, und manchen Menschen macht er auch Angst. Ist der Sturm nicht aber ein Zeichen, dass Gott wirkt? Nein, ist es nicht . Der Sturm bringt für Elija keine Erkenntnis, keine Gottesbegegnung.
Dann kommt ein Erdbeben. Und wieder gibt es Anlass zur Sorge, zur Hektik. Am 29. Oktober gab es einen landesweiten Alarm, weil es hier in Korea ein Erdbeben gab. Diese Information ging bis nach Deutschland, und Freunde haben besorgt gefragt, ob es uns gut geht. Schon die Meldung des Erdbebens hat Angst gemacht; wenn man es direkt erlebt, ist das noch viel deutlicher zu spüren.
Elija erlebt auch so ein Erdbeben. Aber Gott ist nicht im Erdbeben zu spüren.
Erst als danach ein sanftes, leises Säuseln, also ein leichter Wind aufkommt, beginnt eine Zeit, in der Elija etwas ganz besonderes spürt.
Man kann jetzt auch nicht sagen, dass Gott in diesem leichten Säuseln war. Aber die Stille, die sich nach dem Sturm und nach dem Erdbeben ausbreiten konnte, die hat Elija angesprochen.
Und das gilt auch für uns. Wenn wir uns auf Weihnachten wirklich vorbereiten wollen, dann gilt es, diese Zeiten nach den Stürmen und den Erdbeben unseres Lebens zu schätzen. Jeden Moment der Stille zu genießen. Sich bewusst zu sagen: Das ist jetzt mein Moment. Ich brauche Momente des Friedens und Momente der Sorge für mich selbst, damit ich in dieser Stille auch Gott begegnen kann.
Gott lässt sich finden.
Im Weihnachtsevangelium heißt es: Der Engel sprach zu den Hirten: Fürchtet euch nicht. Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.
Auf diesen Moment sollten wir uns vorbereiten. Uns wird an Weihnachten verkündet, dass der
Heiland geboren ist. Dass Gott Mensch geworden ist. Dass sich alle Menschen freuen werden.
Lassen wir uns nicht um diese Freude bringen. Bereiten wir uns vor auf diesen Moment. Und das tun wir am besten, wenn wir immer wieder still werden. Es ist dabei hilfreich, wenn es auch um uns herum still ist. Es geht aber auch anders: Wenn ich das nämlich eingeübt habe, wenn ich immer wieder Momente der Stille gefunden habe, dann kann ich dieses Gefühl auch bewahren. Und mich daran erinnern, wenn der nächste Sturm kommt. Und genau dieses Gefühl, genau so einen Moment haben wir an Weihnachten. Wenn wir uns in der Familie oder im Freundeskreis oder auch alleine uns klar machen: Jesus ist geboren. Gott ist Mensch geworden. Und zwar: Für mich. Für mein Leben. Für meine Freude.
Amen.

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