Fritzchen kommt nach Hause und sagt zu seiner Mutter:
Du Mama, wir müssen dringend unter drei Augen reden.
Die Mutter sagt: Nanu – du meinst sicher, dass wir unter vier Augen reden müssen?
Fritzchen darauf: Nein, Mama – unter drei Augen. Denn ein Auge musst du zudrücken.
Ein Auge zudrücken – das heißt ja, nicht so genau hinzuschauen. Das Sprichwort ist bekannt
– ich bin nicht so streng bei einer Verfehlung eines anderen, obwohl ich es sein sollte.
Manchmal sagen wir sogar: Ich muss hier beide Auge zudrücken – nämlich dann, wenn
eigentlich eine ganz andere Reaktion angemessen wäre oder ich eigentlich ziemlich wütend
bin auf jemanden.
Auf dem Bild sehen wir ein offenes Auge. Ein Auge, das hinschaut, aber auch wegschauen
kann, um nicht zu aufdringlich zu werden. Ein Auge, hinter dem ein klarer Verstand steckt
und auch ganz viel Liebe zu den Menschen.
Im Laufe der letzten Jahrhunderte wurde in der Kunst immer wieder das Auge als Symbol für
Gott genommen. Wir finden das auf vielen Bildern. Und damit verbindet sich mehrere
Gottes-Bilder: Einerseits der Gott, der uns ansieht, der uns sieht, der unsere Not sieht, der
Anteil nimmt an unserem Leben und unserem Schicksal. Andererseits der Gott, der immer
und überall alles sieht, uns permanent beobachtet, jeglichen Fehler und jede Verfehlung
sieht und sich alles merkt und in ein Buch schreibt und alles und jedes abrechnen wird und
unbarmherzig und kalt Gericht halten wird.
Mit dem zweiten Gottesbild bin ich teilweise aufgewachsen. Es war Teil meines
Religionsunterrichts in den 70er Jahren und Thema in unzähligen Predigten. Es wurde Angst
geschürt und wir wurden von den Predigern und Religionslehrern unter Druck gesetzt mit
fürchterlichen Bildern.
Bis ich angefangen habe, mir einmal das Wort GERICHT anzuschauen. Natürlich kann ich es
verstehen als Strafgericht. Natürlich kann ich es verstehen als Abrechnung Gottes mit mir am
Ende aller Zeiten. Natürlich kann ich Angst davor haben und mir jegliche Freude am Leben
vergällen, immer im Bewusstsein, dass ich sowieso keine Chance habe, in den Himmel zu
kommen. Und das hat ja auch alles biblische Belege. Im Alten Testament ist oft vom
Strafgericht die Rede. Gott wird Vergeltung üben – und viele Ereignisse werden auch in
dieser Richtung gedeutet.
Im Neuen Testament lesen wir von Johannes dem Täufer, und der kündigt Gottes Kommen
mit Feuer an und fordert Umkehr. Umkehr ist auch bei Jesus ein wichtiges Thema. Zurecht –
denn wir sind permanent gerufen, uns neu auf ihn auszurichten. Auf sein Wort. Unser Leben
zu gestalten in seinem Sinne.
Aber bei Jesus kommt es etwas ganz entscheidendes hinzu, und das lässt das Wort Gericht
nochmal in einem ganz anderen Licht erscheinen. Und er bezieht sich dabei oft auch auf das
Alte Testament – nur eben auf andere Bibelstellen. Zum Beispiel auf Mose, zu dem Gott sagt,
er – Gott – sei barmherzig.
Denn eines der zentralen Themen bei Jesus ist die Barmherzigkeit Gottes.
Barmherzigkeit ist eine christliche Tugend.
Barmherzig zu sein bedeutet, sein Herz zu öffnen, die Not des anderen zu sehen und zu
spüren und in grenzenloser Nächstenliebe so zu handeln, dass der andere, die andere sich
aufgehoben, aufgefangen fühlt. Und zwar ohne aufzurechnen, ohne zu urteilen, ohne zu
verurteilen.
Vielleicht fehlt ja bei unserem Wort „gerichtet“ eine kleine, aber wichtige Silbe? Gericht
kann ich nämlich auch so verstehen, dass ich auf-ge-richtet werde. Dass die Last von mir
genommen wird. Dass ich Gott anschauen darf und nicht immer auf den Boden schauen
muss.
In den Gebeten der Messe heißt es zuweilen: „Die wir vor dir stehen und dir dienen“.
Wir sollen in unserem Leben Gott dienen und ihn verherrlichen und wir sollen sein Reich
verkünden – ein Reich der Barmherzigkeit und der Liebe, in dem wir vor ihm stehen und mit
Jesus an unserer Seite die Erfüllung seiner frohen Botschaft erleben dürfen.
Nochmal zurück zu den 70er Jahren: Es ist eine große Gefahr, die Bibel als Steinbruch zu
benutzen, um seine eigene extreme Sichtweise zu begründen. Das wird ihr aber nicht
gerecht. Bei allen Schwierigkeiten, die wir haben, die Bibel zu verstehen, dürfen wir nie
vergessen, dass Jesus Christus uns mit unendlich liebenden Augen anschaut. Dass er uns
schon in unserem irdischen Leben aufrichten möchte. Oder, um es mit dem Johannes-
Evangelium zu sagen: Dass wir das Leben haben und es in Fülle haben.
Gott muss kein Auge zudrücken. Gott sieht uns in seiner unendlichen Liebe an und richtet
uns auf.
Amen.