Das Kirchenjahr ist kaputt

Predigt zu Christkönig 2022, 20.11.2022

Liebe Schwestern und Brüder,

das Kirchenjahr ist kaputt. Das ist eine Aussage eines 10jährigen Mädchens, der letztes Jahr aufgefallen war, dass da etwas nicht stimmen konnte.

Denn heute, am Ende des Kirchenjahres werden wir mitten in den Karfreitag hineingeworfen.

Der nächste Karfreitag ist aber erst 2023, und zwar am 7. April. Aber im heutigen Evangelium hören wir, wie Jesus am Kreuz verhöhnt wird. Dabei feiern wir doch heute das Christkönigsfest. Ein Christusfest. Die liturgische Farbe ist weiß, Priester und Diakon tragen weiße Gewänder-an Karfreitag wären sie rot.

Hier ist also etwas durcheinander geraten. Müssen wir jetzt das Kirchenjahr reparieren?

Man könnte vermuten, dass das passiert ist, weil wir am Ende des Kirchenjahres sind und am Ende von einer Aktion passieren manchmal seltsame Sachen.

Oder vielleicht hat man in Rom zwei Zettel vertauscht und deswegen ist heute das Evangelium vom Karfreitag?

Nein, so ist es nicht. Das Kirchenjahr ist nicht kaputt, denn es hat einen ganz besonderen Sinn, heute genau diese Bibelstelle zu hören und zu bedenken.

 

Vor 97 Jahren, im Jahr 1925, hat Papst Pius XI. dieses Fest in der Katholischen Kirche eingeführt. Kurz zuvor waren mehrere König- und Kaiserreiche untergegangen, zum Beispiel Österreich-Ungarn und Russland.

Man könnte ganz lapidar sagen: Die Kirche wollte den Menschen sagen: Ihr habt immer noch einen König – nämlich Jesus Christus. Und das ist der viel bessere König in eurem Leben – die weltlichen Könige und Kaiser waren und sind nicht so wichtig.

Pius XI hatte aber noch einen anderen Punkt im Kopf, als er das Fest einführte: Er wandte sich ausdrücklich gegen den Laizismus, also die Trennung von Kirche und Staat und rief alle Katholiken auf, dafür zu sorgen, dass diese Entwicklung nicht weiter ging sondern die Kirche weiter ihren Einfluss auf den Staat behalten könnte.

Das ist mit heutigen Ohren und heutigen Augen schwer nachzuvollziehen – viele Staaten haben diese Trennung vollzogen. Und es ist ja auch tatsächlich so, dass wir als Kirche in erster Linie das Evangelium zu verkünden haben. Nur ist dieses Evangelium, wenn wir es wirklich ernst nehmen, extrem politisch, zum Beispiel in seiner Ausrichtung auf alle Menschen, die in Not sind. Und wir sind natürlich aufgerufen, Einfluss auf die Welt und die Gesellschaft und die Politik zu nehmen und einzustehen für die Armen in der Welt.

Das Prinzip muss aber sein: Wir machen das gewaltlos, friedlich, und unser Handeln wird begleitet von unserem Beten und von unserer Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift.

Und dafür steht Jesus Christus. Er, der am Kreuz gestorben ist, ist dort absolut hilflos und ergibt sich in den Willen des Vaters. Und wer das macht, ist im christlichen Sinne ein König. Und dazu kommt, dass wir alle gerufen sind, König oder Königin zu sein. Denn bei unserer Taufe heißt es: Du wirst mit Chrisam gesalbt zum König, zum Priester und zum Propheten.

Jede und jeder ist gerufen, königlich zu leben und Christus als König anzuerkennen. Dieser König begegnet uns nämlich mit übergroßer Liebe und Barmherzigkeit. Und das können wir gar nicht oft genug hören.

Daher ist das Evangelium des Karfreitags auch das heutige Evangelium. Das Kirchenjahr ist doch nicht kaputt – es hat einen guten Zweck.

Amen.

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