Die Büchse der Pandora

Predigt zum 3. Advent 2007 zu Mt 11,2-11

Kennen Sie die Büchse der Pandora?

Diese Büchse war in der griechischen Mythologie ein Geschenk des Göttervaters Zeus an Pandora. Allerdings war es kein gewöhnliches Geschenk, denn diese Büchse sollte nicht geöffnet werden. Doch Pandora war einfach zu neugierig, und sie öffnete sie trotzdem. Ab diesem Zeitpunkt kam alles Schlechte über die Welt. Zuvor hatte die Menschheit keine Übel, Mühen oder Krankheiten gekannt, und die Menschen waren außerdem – wie die Götter – unsterblich. Das änderte sich mit dem öffnen der Büchse. Als alles schlechte entwichen war, merkte Pandora, was sie angerichtet hatte, und schloss die Büchse schnell wieder. Nur leider war es nicht mehr rückgängig zu machen – die ganze schlechten Eigenschaften hatten sich bereits in der Welt verteilt, beeinflussten die Menschen, die dadurch unendliches Leid über andere Menschen brachten.

Wenn ich die Zeitung aufschlage, dann kommt mir so der Gedanke, dass da etwas dran sein könnte, dass diese Mythologie kein Märchen ist, sondern eine ganz tiefe Wahrheit anspricht. Denn das, was da aus der Büchse entwichen ist, das finden wir in der Zeitung wieder.

Wir müssen dazu auch nicht in die weite Welt reisen, sondern können ganz einfach in Königsbrunn bleiben. Gewalt, Mord und Totschlag, Betrug, Beleidigungen und vieles mehr, das gibt es auch hier in Königsbrunn. Ganz aktuell ist jetzt gerade die Ermordung von Nora. Und weil das so ist, deswegen gibt es auch viel Angst. Viele Menschen fragen sich zur Zeit: Wie können wir denn in Ruhe leben, wenn all das passiert?

Ich habe in den letzten Tage über diese Frage viel nachgedacht, weil sie mir oft genug gestellt worden ist. 

Die Frage ist doch: Wieso passiert all das?

Die Antwort ist eigentlich sehr einfach: Weil wir Menschen sind, und weil wir Menschen eine riesengroße Freiheit haben, zu tun, was auch immer wir wollen. Diese Freiheit umfasst sehr viel Gutes und sehr viel schlechtes. Nur ist das, was in den Medien nachzulesen ist, was so bedrohlich ist, zwar von Menschen getan, aber es ist deswegen keineswegs mensch-lich. Als menschlich empfinden wir das, was im Guten getan wird, was an aufrichtiger Zuwendung anderen Menschen geschenkt wird, was selbstlos getan wird, in guter und lauterer Absicht.

Das andere – das ist un-menschlich.

Wir sollten bedenken:

Die Medien berichten  fast ausschließlich über das schlechte in der Welt. Die guten Dinge, die guten Taten, die guten Ideen und Projekte – die gehen unter, die sind nicht so wichtig, die interessieren nicht so sehr. Aber es gibt dieses Gute, wir müssen nur genau hinschauen und hinhören, dann bemerken wir es auch. Es gibt viel Menschlichkeit in unserer Welt!

Das, was wir an Bösem, an bösen Taten wahrnehmen, worunter wir indirekt oder direkt zu leiden haben, was uns eben Angst macht, das sind die Taten, bei denen Menschen ihre eigene Menschlichkeit vergessen, in denen sie ihrer Habgier oder ihren sexuellen Phantasien völliges Vorrecht einräumen, in denen sie letztlich vergessen, was ihnen an Talenten gegeben ist – oder in dem sie ihre Talente und ihr Wissen missbrauchen zum Schaden von anderen.

Und dieser Missbrauch, diese Gewalt, eben diese Unmenschlichkeit, die verunsichert so sehr.

Wir träumen doch alle von einem erfüllten, von einem friedlichen Leben! Und solche Träume sind wichtig, solche Sehnsüchte sind ganz und gar legitim.

Wie gehen wir also mit dieser Unmenschlichkeit um? Wo ist denn da das Heil, das uns die Kirche verspricht, das Heil, das uns Jesus Christus versprochen hat?

Wir sollten in das heutige Evangelium hinein hören.

Johannes sitzt im Gefängnis, völlig unschuldig, einfach aus reiner Schikane. Er muss leiden, und weiß eigentlich gar so recht, warum ihm da Gewalt angetan wird. Und in dieser Situation lässt Johannes Jesus fragen: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?

Ich gebe diese Frage an Sie Abend weiter.

Welche Antwort geben Sie Johannes? Haben Sie das Vertrauen, dass Ihnen das Heil versprochen ist, und dass Sie das Heil auch erfahren werden, trotz aller böser und unmenschlicher Taten, von denen wir lesen und die uns Angst machen?

Und wenn Sie jetzt sagen: Eigentlich fange ich an, das Vertrauen zu verlieren, ich habe einfach zu viel Sorge, zu viel Zweifel und zu viel Angst, bei all dem, was ich mitbekomme – dann erinnern Sie sich bitte daran, dass Sie selbst ein Mensch sind, und dass Sie eine große Sehnsucht nach Menschlichkeit haben, und dass sie alle Möglichkeiten und jegliche Freiheit haben, ihre eigene, menschliche Antwort zu geben und in Ihrem Leben zu bezeugen.

Und wenn Sie das zwar vorhaben, aber nicht wissen, woher Sie die Kraft nehmen sollen, um all das zu tun – dann denken Sie daran, dass in ein paar Tagen Weihnachten ist. Und an Weihnachten feiern wir eigentlich das einzigartige Fest der Menschlichkeit, weil damals Gott Mensch geworden, weil er menschlich geworden ist.

Und er ist menschlich geworden genau in unsere Welt hinein, die so geprägt ist von so viel Bösem.

Genau auf dieses Fest der Menschlichkeit bereiten wir uns zur Zeit vor.

So kann der Blick auf Weihnachten uns durchaus Kraft geben, weil Gott selbst es ist, der Mensch, der menschlich geworden ist, und weil er durch Jesus Christus für uns da ist.

Das ist die christliche Antwort auf diese schweren Fragen.

Und – die Antwort aus der griechischen Mythologie? Pandora hat zwar alles Böse aus ihrer Büchse gelassen. Aber sie hat die Büchse noch ein zweites Mal geöffnet. Und dabei kam das heraus, was noch in der Büchse drinsteckte – und das war die Hoffnung.

Amen.

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