Predigt am 4. Advent 2007 zu Mt 1,18-24
„Seht! Die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären“
Über diesen Satz, den uns der Evangelist Matthäus da von Jesaja zitiert, haben Generationen und Generationen von Theologen und Philosophen, von Buchschreibern und Redakteuren, von allen möglichen Menschen am Stammtisch und auf dem heimischen Sofa nachgedacht. Man hat ihn gedeutet, hingebogen, wie es gerade passte, interpretiert gegen die Lehre der Kirche oder im Sinne der Kirche. Man hat über ihn gelacht und hat ihn verlacht und ihn als Quatsch abgetan.
Gestritten wurde und wird immer weiter, was das zu bedeuten hat.
Braucht man diese Aussage über die Jungfrauenschaft Mariens überhaupt? Was soll das? Ist das überhaupt noch zeitgemäß, so etwas zu behaupten?
Eines kann ich ihnen sofort sagen: Nein, es ist nicht zeitgemäß. Es war auch noch nie zeitgemäß, weil es nichts, aber auch gar nichts zu tun hat mit einem Zeitgeist, und auch nichts zu tun hat, ob so eine Aussage in irgendeiner Weise opportun ist, ob sie den Menschen gefällt oder nicht.
Es geht hier nicht um Gefallen oder Nichtgefallen.
Die Aussagen der Bibel sind überhaupt nicht aufgeschrieben worden, weil sie irgendjemandem gefallen sollen, oder weil jemand auf die Idee kommen soll, sie nett zu finden.
Es sind keine Nettigkeiten, die da in der Bibel aufgeschrieben worden sind.
Die Worte der Bibel sind uns überliefert, weil gläubige Menschen in diesen Worten einen Bezug gesehen haben zu Gott, zu seinem Wirken in dieser Welt.
Diese Menschen hatten ein Gespür dafür, was in der Welt passierte, und haben dies im Glauben gedeutet. Einerseits war dieser Glaube ganz individuell, weil zunächst jeder Mensch ein Individuum ist, das mit seinen eigenen Möglichkeiten und Talenten und mit seiner eigenen Lebenserfahrung eine Beziehung zu Gott aufbaut – oder, andersherum, spricht Gott jeden Menschen einzeln an, spricht in sein Leben hinein, möchte Platz finden im Leben dieses einzelnen Menschen.
Andererseits aber ist jeder Glaube angewiesen auf einen Rückhalt in einer größeren Gemeinschaft, die auch so denkt und glaubt – einer Gemeinschaft, in der wenigstens die Grundzüge des Glaubens gemeinsam und akzeptiert sind.
Einer Gemeinschaft, in der auch die Zweifel des einzelnen Menschen Platz haben, weil es gar keinen Glauben ohne Zweifel geben kann. Ein Glaube ohne Zweifel, das ist eine Ideologie, kein Glaube.
Der einzelne Gläubige in der Gemeinschaft der Glaubenden – und alle haben Christus als ihre Mitte, als ihr Ziel. Das ist der Kern von einer christlichen Gemeinschaft.
Um diese Mitte und dieses Ziel zu finden und zu bewahren, haben sich seit vielen Jahrhunderten immer wieder Menschen auf den Weg gemacht, um sich den Aussagen der Heiligen Schrift zu stellen.
Das ist manchmal nicht so ganz einfach.
Denn wenn ich den Mut habe, mich der Heiligen Schrift zu stellen, wenn ich mich öffne für das, was Gott mir da sagen will, dann könnte es sein, dass er mich tatsächlich anrührt – dass er in mein Leben hinein spricht, dass er mein Leben verändert, dass er mir einen Auftrag gibt.
Und Gott hat viele Möglichkeiten, uns anzurühren, uns zu bewegen zu einem andern Leben, aufzubrechen zu neuen Ufern, und Dinge zu tun oder zuzulassen, die bis dahin eigentlich undenkbar waren.
Eine dieser Möglichkeiten des Wirkens Gottes ist gerade im Matthäus-Evangelium mehrfach erwähnt: Es ist der Besuch eines göttlichen Boten – wir sagen Engel dazu -, der einen Auftrag, eine Botschaft, eine Aufforderung, ein gutes Wort Gottes überbringt.
Und er tut es in ganz konkrete menschliche Situationen hinein – wie z.B. der Engel, der in Marias Leben eingreift und ihr den Auftrag Gottes überbringt, den Erlöser zur Welt zu bringen.
Oder eben wie der Engel, der Josef erklärt, dass er Maria zu sich nehmen soll. Das ist so schnell erzählt – aber es steckt so unendlich viel dahinter! Denn diese Botschaften Gottes verändern das Leben von Maria und Josef ja außerordentlich.
Aber sie lassen diese Veränderungen zu, sie stellen sich dem Anspruch des Gotteswortes, sie lassen Gott in ihr Leben eingreifen.
Das ist keine Frage, an der man lange herumdiskutieren oder erklären sollte. Maria und Josef haben dieses als Wunder als Wirken Gottes angenommen. Was heute für uns so ein großes Problem ist -die Jungfrau wird ein Kind bekommen – das ist ein Problem vor allem deshalb, weil wir immer alles erklären wollen, weil wir so verkopft an unseren Glauben herangehen.
Glaube hat auch viel mit Vertrauen zu tun. Vertraue ich Gott? Traue ich Ihm – letztlich: traue ich ihm zu, dass er die Macht hat, eine Frau durch den Heiligen Geist schwanger werden zu lassen?
Das ist nämlich im Grunde gar keine biologische Frage im Sinne eines naturwissenschaftlichen Erklärungsversuchs, sondern eine Frage des Vertrauens, eine Frage des Glaubens an einen Gott, der diese Welt, der uns alle geschaffen hat, und dessen Wirken einfach unseren Verstand übersteigt.
Maria hat sich da auf ein riesiges Projekt eingelassen – anders kann ich die Erlösung der gesamten Menschheit nicht nennen – ein Projekt, das durch Jesu Tod und Auferstehung verwirklicht wurde.
Und es wurde möglich durch ihr Ja. Und es wurde möglich durch das Ja des Josef. Beide haben sich dem Anruf Gottes gestellt, haben ihr Leben auf Gott völlig neu ausgerichtet. Die Jungfrauenschaft Mariens sollte uns deswegen kein Anlass zum Zweifeln sein.
Gott war ganz besonders nahe bei Maria. Ihre Jungfrauenschaft kann daher auch als ein Zeichen ihres ganz besonderen Herausgehobenseins gesehen werden – und das ist das, was wir mit dem Wort Heiligkeit bezeichnen.
Die ganze Geschichte um Maria und Josef sollte uns ein Beispiel dafür sein, wie wir uns von Gott ansprechen lassen sollen: Voll Vertrauen, dass er nur Gutes im Sinn hat, dass er bei uns ist.
Gott ist mit uns – das ist der Name, den wir schon bei Jesaja lesen: Immanuel – Gott mit uns.
Vertrauen wir darauf.
Amen.