Predigt am 07.09.2025
Liebe Schwestern und Brüder,
im Internet tauchen immer wieder neue Trends auf. Manches davon ist schnell vergessen. Aber manchmal findet man etwas, das berührt, das klug ist und zum Nachdenken anregt.
Vor ein paar Tagen habe ich ein kurzes Video gesehen. Ein Paar sitzt auf einer Bank. Von hinten kommt ein Mann, ganz unauffällig, und drückt dem Mann eine Blume in die Hand – hinter dem Rücken seiner Partnerin. Der Blumenbringer verschwindet sofort wieder. Der Mann schaut kurz überrascht, versteht, was passiert ist, und überreicht die Blume seiner Frau oder Freundin. Und sie beginnt zu strahlen.
Diese Szene wiederholt sich mit verschiedenen Paaren: beim Spazierengehen, auf einer Parkbank, im Alltag. Immer das gleiche: eine kleine, unerwartete Gabe. Und immer wieder sieht man die Freude, das Lächeln, das Aufleben der Beziehung.
Was geschieht dort?
Jemand organisiert etwas für andere. Ohne dass sie es geplant haben. Ohne dass sie dafür bezahlt oder sich angestrengt hätten. Sie werden einfach beschenkt. Und dieses Geschenk verändert die Stimmung, bringt Freude, lässt Beziehung wachsen.
Jemand handelt für mich.
Und genau darum geht es auch im Glauben. Auch im heutigen Gottesdienst geht es um diese Erfahrung: Nicht alles liegt in meiner Planung. Nicht alles hängt von meiner Leistung ab. Es gibt Dinge, die mir geschenkt werden.
In der ersten Lesung haben wir gehört:
„Welcher Mensch kann Gottes Plan erkennen? Oder wer begreift, was der Herr will?“
Es ist Gottes Plan – nicht meiner. Mir wird etwas geschenkt. Und am Ende heißt es: Durch die Weisheit wurden die Menschen gerettet. Durch Gottes Weisheit.
In der Bibel gibt es dazu ein wichtiges Wort, im Psalm 111:
„Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn.“
Dieses Wort kann missverstanden werden. Es geht nicht um Angst vor Gott. Gemeint ist Ehrfurcht. Respekt. Die Anerkennung: Gott ist größer als ich. Er ist Gott – und ich bin Mensch. Das macht mich nicht klein, sondern stellt mein Leben in die richtige Ordnung.
Wenn wir von dieser Ehrfurcht sprechen, dann geht es um drei Fragen.
Die erste Frage betrifft mein Gottesbild.
Wie stelle ich mir Gott vor?
Ist er ein strenger Kontrolleur, der nur meine Fehler sieht? Ein Buchhalter, der alles notiert? Oder ein ferner Gott, von dem ich nicht weiß, ob er überhaupt existiert?
Oder ist er der Gott, der sagt: „Ich bin da“ – der mich begleitet durch Höhen und Tiefen, der an meiner Seite steht?
Es lohnt sich, über das eigene Gottesbild nachzudenken. Denn hier beginnt Weisheit.
Die zweite Frage betrifft mein Menschenbild.
Wenn jeder Mensch Ebenbild Gottes ist – wie sehe ich dann andere?
Sehe ich nur das Negative? Nur das Fremde? Oder bin ich bereit, auch von Menschen zu lernen, die anders denken, anders leben, anders glauben?
Ehrfurcht vor Gott bedeutet auch Respekt vor dem Menschen.
Und die dritte Frage betrifft meinen Glauben.
Ist mein Glaube von Angst geprägt – oder von Vertrauen?
Macht er mich klein – oder führt er mich in die Freiheit?
Paulus sagt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“
Glaube heißt: Hoffnung. Zuversicht. Liebe. Und die Gewissheit, dass ich getragen bin.
So hängen drei Dinge zusammen: mein Gottesbild, mein Menschenbild und mein persönlicher Glaube. Wenn diese drei zusammenfinden, entsteht eine Einheit. Dann wird das Leben im Glauben verständlich und tragfähig.
Und dann verstehen wir auch das Bild mit der Blume:
Ich muss mir nicht alles selbst organisieren. Ich werde beschenkt. Immer wieder neu. Gottes Weisheit, seine Führung, seine Gegenwart – all das ist Geschenk.
Darum lohnt es sich, die Bibel immer wieder aufzuschlagen. Texte nachzulesen. Sich auf den Gottesdienst vorzubereiten. Sich Zeit zu nehmen für Gottes Wort.
Am Ende der Lesung heißt es:
„Wer hat je deinen Plan erkannt, wenn du ihm nicht Weisheit gegeben und einen Heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast? … Durch die Weisheit wurden sie gerettet.“
Das ist die Botschaft: Die tiefste Erkenntnis kommt nicht aus unserer eigenen Anstrengung. Sie ist Geschenk. Ein Geschenk Gottes.
Und wie die Blume im Video kann dieses Geschenk unser Leben zum Leuchten bringen.
Amen