Da wird das Leben unbewohnbar

Predigt am 33. Sonntag C zu Lk 21,5-19

Es  geht wieder los!

Jedes Jahr, so gegen Ende des Kirchenjahres, werden Texte im Gottesdienst vorgelesen, die schwer verdaulich sind. Vor allem sind es Textabschnitte aus dem Evangelium, die so seltsam klingen. Haben Sie das vorhin gehört? Da hieß es:

Kein Stein bleibt auf dem anderen

alles wird niedergerissen

Kriege und Unruhen

gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte; schreckliche Dinge werden geschehen.

Nun – EVANGELIUM UNSERES HERRN JESUS CHRISTUS?

Evangelium heißt ja frohe Botschaft. Und das nun sollen wir als frohe Botschaft ansehen – das ist doch Weltuntergang pur, oder? Frohe Botschaft? Nun, um diesen Text gut verstehen zu können, muss man beachten, wann er geschrieben wurde. 

Als der Evangelist Lukas sich hinsetzte, um diesen Text aufzuschreiben, da war in Jerusalem etwas furchtbares geschehen. Der Tempel, das religiöse Zentrum des Judentums, war von den Römern zerstört worden! Das war im Jahre 70 nach Christus. Und mit diesem schockierenden Ereignis im Gedächtnis setzte sich Lukas nun hin und schrieb auf, was man damals noch von Jesus wusste, was er gesagt und getan hatte.

Der  Tempel wurde zerstört, so nachhaltig, dass tatsächlich fast kein Stein auf dem anderen blieb; so nachhaltig, dass es nur noch die Westmauer gab – jene Mauer, die bis heute in Jerusalem von den Juden als Klagemauer genutzt wird. Der Tempel war der Ort der Zusage Gottes: Ich bin euch nahe, ich bin tatsächlich da. Auch für die ersten Christen war es selbstverständlich, sich im Tempel zu treffen, sie hatten dort ihre geistliche Heimat. Wir können das in der Apostelgeschichte nachlesen. Mit der Zerstörung des Tempels ging die geistliche Heimat verloren. Und wenn die geistliche Heimat verloren geht, dann geht etwas wesentliches zu Bruch.

Kein Wunder, dass Lukas diese Situation mit drastischen Worten beschreibt. Er hatte mitbekommen, was da passiert war, und er drückte die Gefühle vieler seiner Mitmenschen aus.

Lukas schrieb das auf für seine Gemeinde, für die Christinnen und Christen der damaligen Zeit. Er zeigte ihnen damals, dass er ihre religiösen Gefühle nach der Zerstörung des Tempels verstand, und er setzte dies in Verbindung mit den Worten Jesu, um den Menschen Mut zu machen. Den Tempel als geistliche Heimat zu verlieren war extrem schwer auszuhalten. Und Lukas machte seinen Mitchristen klar, dass Jesus auch in dieser schweren Situation bei ihnen war.

Und zu dieser traumatischen Erfahrung des zerstörten Tempels kamen dann noch die Verfolgungen der Christen hinzu. Auch hier musste Lukas Worte finden, Worte, die die überlieferte Aussage Jesu den Menschen nahe brachte.

Soweit also der historische Rückblick, die  historische Einordnung der Bibelstelle. Und wenn wir jetzt noch an das Ende des heutigen Evangeliums schauen, dann lesen wir dort: „Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden .“ Damit will Lukas seinen Leuten sagen, dass sie letztlich gerettet werden. Das ist sozusagen das Siegel, das alles bestätigt – Jesus ist da, also macht euch keine Sorgen. PUNKT AUS FERTIG.

Und für uns gilt das natürlich auch.

MOMENT MAL. Für uns gilt das auch?

Haben wir unter dem Verlust einer Kirche zu leiden? Wurde unsere Kirche von einer fremden Besatzungsmacht in den letzten Jahren dem Erdboden gleich gemacht? Abgesehen vielleicht von Kriegserlebnissen glaube ich kaum, dass jemand das so erlebt hat. 

Was bedeutet denn dann das Evangelium für uns heute? Wir sind keine Juden, wir haben nicht den Jerusalemer Tempel als geistliche Heimat, und wir haben schon gar nicht seine Zerstörung als traumatisches Erlebnis in unserer Biographie.

Was also nehmen wir heute mit? Für mich ist das Stichwort hier der Verlust der geistlichen Heimat. Das was die Menschen damals erlebt haben, das waren traumatische Erfahrungen.

Da ist ganz viel zerbrochen, und das Grundvertrauen, auch das Vertrauen in Gott, ist zerstört gewesen. Und solch traumatische Erfahrungen, die an der eigenen Beziehung zu Gott zweifeln lassen, die machen viele unserer Mitmenschen. 

Da gibt es Gewalt gegen Kinder. Oder Gewalt in der Ehe. Da werden Kinder sexuell missbraucht. Da werden Frauen vergewaltigt.

Da fährt jemand stockbetrunken einen Mann über den Haufen, und für die Ehefrau und die Kinder bricht die Welt zusammen. Da wird ein Mensch aus Habgier oder Eifersucht schwer verletzt oder ausgeraubt und hat lange an den Folgen zu tragen.Das alles sind auch Erfahrungen, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. 

Da wird das Leben manchmal unbewohnbar. Das sind Zeiten der Dunkelheit, weil es schreckliche Dinge sind. Da geht oft das Vertrauen in die Mitmenschen verloren. Und genauso oft geht die geistliche Heimat verloren. Da gibt es massive Zweifel, z.B. dass es überhaupt einen Gott gibt. Solche Erfahrungen können Menschen entwurzeln. Auch von ihrer geistlichen Heimat.

Solchen Menschen zu sagen: „Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden.“ Das geht gar nicht. Das ist ungefähr so, als würden wir einer Mutter, die ihr Kind durch plötzlichen Kindstod verloren hat, sagen: „Alles wird wieder gut.“

Nichts wird wieder gut! Da ist etwas entscheidendes, etwas wesentliches zerbrochen. Da bleibt kein Stein auf dem anderen.  Bei all diesen Erfahrungen von plötzlichem Tod, von Gewalt, von Mord und Totschlag und von Missbrauch, da werden nicht nur Haare gekrümmt.

Da sind Menschen zutiefst körperlich und seelisch verletzt.

Und daher gibt es auch nur eine einzige Möglichkeit, diesen Menschen zu begegnen: Indem wir ihre Situation und ihre Zerbrochenheit mittragen. In dem wir aushalten, aushalten und nochmal aushalten, was da an unendlichem Leid da ist.

Der letzte Satz des heutigen Evangeliums lautet: Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen. Das bezieht sich selbstverständlich zuerst auf die schwierige Situation der Christen zur Zeit des Lukas.

Aber es lohnt sich, diesen Satz auch auf die genannten traumatischen Erlebnisse zu beziehen. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen. Standhaft bleiben heißt dann: Aushalten, was der andere, was die andere erlebt hat. Standhaft bleiben heißt dann: sich selbst zurückzunehmen, um dem anderen die Chance zu geben, über das zu reden, was ihn bewegt.

Standhaft bleiben heißt dann auch: Auf die Gegenwart Christi vertrauen. Und wenn wir das tun, während wir beim anderen aushalten, dann brauchen wir dem Menschen, der so verletzt sind, gar nicht viel zu sagen. Denn dieser wird irgendwann spüren, welche Kraft von Jesus ausgeht. Und das ist letztlich das, was sie heilen kann. Nicht wir handeln, sondern Jesus handelt durch uns. Denn uns ist tatsächlich zugesagt: „euch wird kein Haar gekrümmt werden“. Bleiben wir standhaft. Amen.

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