Predigt an Allerheiligen 2007
In diesen herbstlichen Tagen, besonders an Allerheiligen und Allerseelen, denken wir an den Tod unserer lieben Angehörigen, Freunde und Bekannten. Auf allen Friedhöfen finden Gedenkfeiern statt, weil wir an den Tod der anderen denken. Das ist auch gut so, dass wir sie in Erinnerung behalten. Unzählige Erinnerungen haben unser Leben geprägt, das Leben, das jetzt anders weitergehet, weil die anderen nicht mehr da sind, weil sie gestorben sind.
Was uns immer wieder traurig macht, ist aber auch die eigene Sterblichkeit. Die Gewissheit: auch ich muss einmal sterben.
Was wäre eigentlich, wenn ich morgen sterben müsste? Was, wenn ich jetzt gesagt bekäme: Ganz sicher, morgen ist es soweit! Wie würde ich reagieren? Ich weiß es nicht. Ich bin mir nur ziemlich sicher, dass ich alles andere als begeistert wäre. Ich würde mich – glaube ich – mit Händen und Füßen dagegen wehren. Vielleicht würde ich zu verhandeln versuchen, um noch einen Tag, eine Woche, einen Monat oder auch mehr herausschinden zu können.
Ich will noch nicht weg!
Sollte das verkehrt sein? Müsste ich nicht begeistert sein? Es geht doch um das Reich Gottes! Christus verheißt uns ja die ewige Seligkeit – und auf die müsste ich mich doch freuen und mit wehenden Fahnen ihm entgegengehen – lieber heute als morgen.
Nun – ich hänge an diesem Leben – ein Leben, das soviel bietet und bei all seiner Mühsal und Beschwer, doch noch so viele glückliche Stunden bereit hält, wenn man sie nur zu entdecken weiß.
Und liege ich da so falsch? Ich glaube nicht. Warum sollte ich das Leben nicht lieben, wenn Gott es doch nicht weniger tut. Ja, ganz im Gegenteil, wenn ich von diesem Leben nichts halten würde, das würde doch bedeuten dass ich das größte Geschenk Gottes an uns Menschen im Letzten gering achten würde.
Ich darf das Leben lieben – ja, ich glaube, ich muss es sogar. Denn ich bin davon überzeugt, dass ich gar kein anderes Leben bekomme!
Das Evangelium macht uns schließlich recht deutlich, dass das neue Leben in Christus mit Jesus Christus bereits begonnen hat. Die Vollendung unseres Lebens steht noch aus, aber begonnen hat es schon lange. Unser Leben wird verwandelt werden, aber es wird kein ganz anderes sein. Und wenn ich mit diesem Leben hier nicht zurecht käme, wenn ich es mit mir oder mit anderen Menschen zusammen nicht aushalten würde, dann wäre das ein Anlass, inne zu halten, und zu überlegen, mit wem ich mich versöhnen müsste, oder was es hier zu klären gibt. Ohne Versöhnung hier auf der Erde ist wahrscheinlich auch die Seligkeit, das ewige Leben, nur schwer zu genießen.
Das haben die Menschen schon von Alters her gewusst. In der Kunst gibt es unzählige Darstellungen darüber.
Vielleicht kommen Sie einmal nach Freiburg. Wenn Sie dort den Figurenzyklus in der Torhalle des Münsters betrachten, dann achten Sie einmal auf die Darstellung der Auferstehung der Toten. Da werden zwei Gruppen unterschieden: auf der einen Seite quälen sich die Menschen ganz allein aus den Gräbern. Das sind die, die unter der Last der Steine, der Last ihres Lebens verzweifeln und zusammenbrechen. Auf der anderen Seite werden Menschen gezeigt, die freudig einander beistehen, sich gegenseitig helfen die Steine wegzuräumen und dabei fröhlich strahlen. Das sind die Seligen, denen es in diesem Leben gelungen ist, eines zu lernen: Nämlich miteinander zu leben, dieses Leben miteinander zu tragen und es gemeinsam genießen zu können.
Mein Leben mit den anderen Menschen gemeinsam schon hier als Gottes großes Geschenk genießen und gemeinsam gestalten zu lernen, das ist für mich die große Aufgabe dieses Lebens. Christus selbst hat es so beschrieben: Sich und den anderen, so wie mich selbst, lieben zu lernen, das ist – gepaart mit der Liebe zu Gott – die Erfüllung all dessen, was er von uns erwartet.
Nachfolge Christi kann deshalb nie bedeuten, nur auf das Jenseits zu schielen oder die Menschen links liegen zu lassen, ihnen aus dem Weg zu gehen und noch viel weniger, nichts für sie übrig zu haben. Nachfolge Christi kann auch nicht bedeuten, das Leben nicht mehr genießen zu können. Nicht umsonst sagt das Sprichwort, dass der, der nicht mehr genießen kann am Ende ja selbst völlig ungenießbar wird.
Ja, ich glaube, es ist alles andere als verkehrt, dieses Leben zu lieben. Gott hat es mir geschenkt. Und er will nichts anderes von mir, als dass ich es zu leben lerne, so, dass es für mich und für die Menschen mit denen ich zusammen lebe, zu einem guten, einem erfüllten Leben wird.
Und genau dieses Leben, das wird sich durchhalten, das wird er hindurchtragen – durch den Tod hindurch. Das hat er verheißen und darauf darf ich vertrauen.
Ich werde deshalb vermutlich kaum begeisterter sein, wenn es dann wirklich daran geht, dass ich sterben muss. Aber ich darf darum wissen, dass dies keinen wirklichen Bruch bedeuten wird. Es wird sich all das, was mir in diesem Leben wichtig geworden ist – meine Gedanken, mein Gefühl, ich selbst, und all die Menschen, die mir teuer und wertvoll waren, all die Beziehungen und die gemeinsame Geschichte mit ihnen – all das wird sich durchhalten, durch das Sterben und den Tod hindurch. Es wird diese neue Wirklichkeit von Leben, genauso positiv und liebenswert prägen, wie es mein Leben hier schon lebenswert gemacht hat.
Und sein Wille, der möge geschehen. Amen.