25/03/2023

Armut

An der Tankstelle in Victoria Falls: Der Tankwart bringt das Kartenlesegerät zur Zapfsäule und Christine gibt ihm ihre Kreditkarte. Der liest sie ein, druckt die Belege aus- für uns war klar, dass Christine jetzt unterschreiben muss- und dann läuft der Mann plötzlich mit Kartenlesegerät und Kreditkarte weg. Kurze Schrecksekunde. Charles und ich denken natürlich sofort, dass der jetzt das Weite sucht, und laufen ihm hinterher.
Dann sehen wir, wie der Mann außerhalb der Tankstelle wild mit seiner Kollegin diskutiert, und bleiben in ein paar Metern Entfernung stehen. Charles fordert ihn erst auf Englisch, dann auf Sindebele mehrfach energisch auf, zurückzukommen. Der Mann reagiert darauf nicht, diskutiert weiter, gestikuliert. Wir schauen die ganze Zeit, ob er irgendwas seltsames und illegales mit der Kreditkarte tut, aber das scheint nicht der Fall zu sein; ich kann sie die ganze Zeit sehen. Endlich kehrt er wieder zu uns zurück. Seine Kollegin kommt dazu, sie scheint begriffen zu haben, warum wir so ärgerlich sind. Die Sache löst sich langsam auf: Der Tankwart hatte nicht gewusst, dass das Kreditkartensystem manchmal die PIN und manchmal die Unterschrift verlangt. Er kannte nur das PIN-System. Christine unterschreibt, bekommt ihre Kreditkarte wieder und wir fahren zügig weg.

Es war letztlich nur eine fehlende Information, die zu der Situation geführt hat. Und natürlich hätte der Tankwart nicht mit der Karte weglaufen sollen.

Aber die ganze Szene hat mir wieder gezeigt, dass wir hier gar nicht genug Augen haben können. Das hätte ja auch eine neue Diebstahlsmasche sein können. Und dieser Gedanke führt mich wieder zur übergroßen Armut hier.

Die allermeisten Menschen hier sind sehr arm. Gerade sind wir auf der Straße nach Bulawayo an einer Frau vorbeigekommen, die mit Hilfe einer Schubkarre mehrere große Behälter transportierte, wohl um Wasser zu holen. Eine Schubkarre zu besitzen, ist schon richtig gut. Die meisten Frauen tragen jeweils ein Wassergefäß auf dem Kopf. Wobei das Wort „Gefäß“ alles umfasst, was auch nur im entferntesten daran erinnert.

Wasser ist hier nicht nur selten, man muss auch noch aufpassen, welches Wasser man wofür nimmt. Zum Zähneputzen nehmen wir nur „bottled water“, also Mineralwasser, in 0,5 l Flaschen abgefüllt. Das Wasser aus dem Wasserhahn ist dafür zu gefährlich, da drin sind viel zu viele Keime, die zu schweren Durchfallerkrankungen führen können. Charles und Senzeni kochen zu Hause immer wieder Leitungswasser ab.

Wenn wir essen gehen, lasse ich grundsätzlich den Salat weg, auch wenn er zum Gericht mit dazu gehört. Ich befürchte, dass er entweder gar nicht oder mit dem falschen Wasser gewaschen wurde. Beim Bestellen von offenen Getränken im Restaurant sagen wir ausdrücklich dazu, dass wir keine Eiswürfel wollen. Nur wenn es sich um garantiertes borehole water handelt, also Wasser aus Tiefenbohrungen (Grundwasser), ist die Gefahr nur sehr gering bzw. nicht da. Borehole water kann daher auch als Ersatz für bottled water genommen werden.

Das Personal in der Guest Paradise Lodge bekommt sicherlich auch nur sehr wenig Geld für die Arbeit. Das fördert nicht die Motivation, sich besonders anzustrengen und führt zum Beispiel dazu, dass die Frau, die das Frühstück gemacht hat, gestern zuerst English breakfast brachte, allerdings waren Bohnen und Kartoffeln schon wieder kalt, dann kam eine lange Pause, wonach sie Kaffee und Tee brachte, und am Schluss, wieder erst nach 10 Minuten, brachte sie den Toast (auch wieder kalt). Ob wir Milch zu Kaffee oder Tee hätten haben wollen, wurde erst gar nicht erfragt. Folglich gab es auch keine. An so etwas muss man selber denken und es extra benennen.

Auf unsere Frage nach Servietten meinte sie zum Beispiel, die seien alle in der Reinigung. Und als heute Senzeni nach dem fehlenden Bacon fragte, war der nicht einfach vergessen worden, sondern natürlich gab es keinen mehr. Von den schon am ersten Abend monierten kleinen und großen reparaturbedürftigen Dingen in unserer Luxussuite können wir ganz schweigen. Da ist nämlich weniger als gar nichts passiert.

Unsere Fahrt gestern zum Schiff auf dem Sambesi fand in einem Kleinbus statt, der für 9 passengers zugelassen ist. Das stand ganz groß mit weißer Farbe auf die Verkleidung des Beifahrerairbags gemalt (also links, wir haben hier Linksverkehr). Mit Fahrer also 10 Personen. Das waren wir auch, sieht man von den 6 Kindern ab, die auch noch mitgefahren sind. Das war jetzt mal keine Frage des fehlenden zweiten Fahrzeugs, wie ich zuerst gedacht hatte. Denn die Organisation verfügt über eine ganze Flotte von Fahrzeugen. Das war eine Frage der Mentalität. Wenn noch auf irgendeinem Schoß oder auf dem Boden Platz ist, kann noch jemand einsteigen. Das Herz des Notfallseelsorgers war dann doch leicht besorgt…

In den Reiseführern, die wir dabei haben, wird immer wieder vor diesen Kleinbussen gewarnt, weil die Begriffe TÜV und eigene Verantwortung für die Autos hier Fremdwörter sind. Das ist mir aber erst wieder auf der Fahrt zum Fluss eingefallen. Ich war einfach automatisch davon ausgegangen, dass solche Autos in Ordnung sind. Typisch deutsches Denken. Deutsch war auch: Christine und ich waren die einzigen, die angeschnallt waren.

Vielleicht macht Armut ja auch gleichgültig diesen Gefahren gegenüber.

Ich hab ja schon über den Zusammenhang von Armut und Korruption geschrieben.
Wir haben nun bestimmt an die 20 verschiedene Polizeikontrollorte passiert. Überall wurden LKW, Busse und PKW angehalten und kontrolliert und abkassiert. Auch auf einem Parkplatz in VicFalls. Und wirklich jedesmal, wenn die Polizisten Christine und mich auf der Rückbank des Autos gesehen haben, wurden wir durchgewunken. Inzwischen denke ich, dass unsere Anwesenheit die Polizisten von ihrem korrupten Verhalten abhält. Wir könnten uns ja bei der Botschaft beschweren oder so.

Und tatsächlich gibt es hier auch eine Antikorruptionskampagne. Ich habe Plakate davon gesehen. Ob und wann sie wirksam wird?

Auf jeden Fall hab ich mir einen bestimmten Griff angewöhnt, wenn wieder mal die Polizei die Straße gesperrt hat. Je nachdem, was ich gerade auf dem Schoß habe, Kamera oder IPad: Die Kamera kommt sofort in die Fototasche, die deshalb immer offen steht, und das IPad in das Netz der Rückenlehne des Beifahrers, und jeweils Jacke drüber. Die Gefahr ist einfach zu groß, doch belangt zu werden, nur weil man die Möglichkeit gehabt hätte, die Polizei zu fotografieren. Was ja strikt verboten ist, und was ich auch nicht tue. Eine Beschlagnahmung der Geräte wäre genauso denkbar. Und Christine nimmt sofort ihre Sonnenbrille ab, damit es auch nicht den kleinsten Anlass gibt zu vermuten, wir hätten irgendwas zu verbergen.

Während ich dies schreibe, kommen wir wieder zu einer Kontrolle. Das IPad verschwindet planmäßig und erfolgreich. Der Officer erkundigt sich bei Charles, ob alles in Ordnung sei, und schaut dabei mehrfach Christine und mich an. Charles fängt höchst freundlich und zuvorkommend einen Smalltalk an und erzählt, dass alles in Ordnung sei, nur der Zustand der Straße lasse zu wünschen übrig. Schließlich sei das ja eine Mautstraße, und hier seien einfach zu viele Schlaglöcher. Zum Fahren vor allem bei Nacht sei das sehr gefährlich. Da könnte doch mal investiert werden. Und so weiter. Der sehr junge Officer, dem so eine Freundlichkeit wohl nicht so oft begegnet, weiß nicht so recht, was er darauf antworten soll, schaut noch mal mich an, dann Christine, dann wieder Charles – und es passiert schon wieder: er lässt uns ohne weitere Fragen fahren…

Aber irgendwo muss das Geld ja sein. Zum Beispiel hier:  Das gesamte Viertel, in dem unsere Lodge in VicFalls liegt, mit mehreren Dutzend Gästehäusern, wurde von einem Minister der aktuellen Regierung gekauft. Die Regierung wird ihn sicherlich für seine hervorragende Arbeit mit einer entsprechenden hohen und regelmäßigen Gratifikation ausgestattet haben. Etwas anderes kann ich mir natürlich überhaupt nicht vorstellen.

Der amtierende Chef dieses Landes lässt überall sein Konterfei aufhängen, immer mit dem Titel His Excellency. Ich wünsche seinem Land, dass endlich mal wirklich exzellente Arbeit für die Menschen getan wird. Denn wenn man mit den (richtigen) Menschen in’s Gespräch kommt, dann spürt man auch ihre Herzlichkeit. Immer wieder bedanken sich Menschen bei uns. „Thank you so much!“ Christine bringt das in Verbindung mit der Tatsache, dass wir überhaupt da sind und Geld ins Land bringen. Und hoffentlich von der Freundlichkeit der Leute und der Schönheit des Landes erzählen, damit andere auch hierher kommen.

Vorhin kamen wir einer Verkaufsstelle für Töpferwaren vorbei.



Natürlich haben wir nichts kaufen können. Wenn ich daran denke, wie ramponiert unsere Koffer letzte Woche in Johannesburg aus dem Flugzeug rausgekommen sind, ist an einen Transport von Tonwaren überhaupt nicht zu denken. Aber hier wird immerhin aktiv versucht, aus dem Elend rauszukommen. Hoffentlich haben sie Erfolg.

Die Menschen verkaufen alles immer und überall.

Diesem Markt gegenüber hielt gerade ein Bus, als wir dort ankamen. Sofort liefen etliche Obstverkäuferinnen dorthin, um ihre Ware durch die Seitenfenster an die Passagiere zu verkaufen.


Wir haben dort auch gehalten. Ein Cousin von Charles betreibt dort eine kleine Lodge, ihn trafen wir eher zufällig. Außerdem hatten wir schon seit Bulawayo mehrere Behälter Gemüse an Bord, die dort ausgeladen wurden und an jemanden aus der Großfamilie übergeben wurde.

Übrigens ist der “Cousin” hier nicht wörtlich zu nehmen. Charles hat überall in Simbabwe brothers and sisters and oncles and aunts and cousins und so weiter. Christine z.B. ist auch his dear sister, seine liebe Schwester.

Charles ist ambitioniert. Er hat seit seinem Rentenbeginn schon verschiedene Dinge ausprobiert, um die offensichtlich karge Rente aufzubessern. So steht in seinem Hof ein alter Reisebus, dem aber ein Ersatzteil fehlt.


Der Bus ist Anfang der 80er gebaut worden, und Ersatzteile gibt es hier nicht. Dennoch bleibt er dran, um seinem Traum, Reisen anzubieten, näher zu kommen. Vorhin kamen wir an einer kleinen Siedlung vorbei, in der auch so ein Bus herumsteht. Er hat angehalten und Kontakt aufgenommen, um vielleicht auf diese Weise weiter zu kommen.

Zur Zeit züchtet er Hühner, an die hundert Stück sind schon da. Im Haus gibt es etliche Gefriertruhen, um an den Tagen der Schlachtung genügend Platz zum Lagern zu haben. Dann soll das Fleisch verkauft werden. Der Markt ermöglicht zur Zeit einen Verkaufspreis von 8 Dollar. Das ist viel Geld hier.

Wir sind ja hier am Ende des Winters. Dabei sind es gerade (13h40) 27 Grad Celsius draußen. Einen Anfang zur Verbesserung der Situation könnte das Wetter machen. Die Menschen brauchen jetzt den Regen, nicht erst zur Hauptregenzeit März/April. Mehrere Wochen mit Regen würden den Menschen schon wieder Hoffnung geben. Und sie hätten dann vielleicht auch mehr Mut und mehr Kraft, die Probleme hier anzugehen.

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