Wie oft soll ich vergeben und verzeihen?
7 mal oder 70 mal oder 7 mal 70, also 490 mal– das sind letztlich Zahlenspiele. Es steckt eine tiefe Symbolik dahinter. Jesus ist niemand, der Buch führt oder mit Strichlisten unterwegs ist.
Denn wer ein paar hundert mal seinem Nächsten vergibt, der zählt auch nicht mit. Es ist eine Haltung, die hier zum Ausdruck kommt. Diese Haltung hat also eine Qualität, keine Quantität.
Die Qualität unseres Handelns ist wert-voll, voll mit Werten, die wir im Miteinander des Lebens dringend brauchen.
Vergeben heißt nicht vergessen. Wenn Menschen uns Böses tun, dann macht das etwas mit uns. Es gibt viele Wunden, die geschlagen werden, und die nur langsam heilen. Und selbst wenn sie geheilt sind, gibt es Narben, auf dem Körper und auf der Seele, und auch in unseren Gedanken und Gefühlen.
Was Jesus heute von uns verlangt, ist daher nicht so einfach zu erfüllen. Narben sind sichtbar und spürbar, zumindest von uns selbst. Und dann immer und immer wieder neu vergeben, fühlt sich an, als wäre es menschlich nicht machbar.
Das Problem ist dabei, dass unsere Standards immer weiter sinken, die Latte immer tiefer gehängt wird. Das geht schrittweise.
Erster Schritt: Ich werde verletzt. Ich hab meine Standards und versuche, erwachsen damit umzugehen. Und zu vergeben.
Zweiter Schritt: Ich werde erneut verletzt. Das Vergeben wird schon schwieriger.
Dritter Schritt: Wenn ich verletzt werde, dann verletze ich zurück.
Vierter Schritt: Ich wurde ja früher schon mal von jemandem verletzt, daher senke ich meine Standards und behandle nach und nach alle anderen Menschen auch schlecht. Die sollen sehen, wie sie zurecht kommen. Wenn ich meine Narben mit mir herumtrage, dann sollen die anderen auch nicht verschont sein.
Fünfter Schritt: Der Begriff der Vergebung gerät in Vergessenheit und wird ersetzt durch die Rache.
Und so wird die Latte immer tiefer gehängt und das Miteinander wird immer problematischer.
Das ganze eskaliert immer weiter, und es entsteht ein dauerhafter Unfrieden, der sich wie ein Krebsgeschwür ausbreitet und alles zerfrisst und der letztlich die Grundlage ist für Krieg und Bürgerkrieg.
Das klingt dramatisch in euren Ohren? Genauso ist es. Es ist aber nicht nur ein Drama, es ist eine Katastrophe.
Die Welt droht zu zerbrechen. Demokratien sind in akuter Gefahr. Und die Menschlichkeit bleibt völlig auf der Strecke.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 haben weltweit weit über 200 bewaffnete Konflikte und Kriege stattgefunden. Ich will nicht streiten über die Bezeichnungen. Die Politik findet überall Wege, einen Krieg als etwas anderes zu bezeichnen, nur um irgendwie besser dazustehen.
Menschen sterben, Menschen werden traumatisiert, Menschen verlieren ihre Heimat. Und das alles, weil Menschen brutal sind, weil Menschen nur noch die Rache kennen, weil Menschen nicht mehr auf Gott hören.
Wehret den Anfängen – dieses Schlagwort war in den letzten Jahren sehr oft zu hören. Es bezog sich auf die Epidemie des Rechtsradikalismus, der die Seelen der Menschen vergiftet. Wir sind schon lange über diesen Punkt hinweg. Es geht nicht mehr um irgendwelche Anfänge; die Epidemie ist zur Pandemie geworden, nur dass niemand dafür sorgt, dass ausreichend Masken zum Schutz gegen dieses Virus zur Verfügung stehen.
Wehret den Anfängen – das darf trotzdem nicht vergessen werden. Wir alle sind verantwortlich für die Menschlichkeit. Und es beginnt nun mal damit, dass wir einander vergeben und verzeihen. So schwer das auch ist – wir sollen es nicht einmal oder zweimal oder siebenmal tun, sondern siebenmal 70 mal. Also immer und immer wieder neu, ohne mitzuzählen.
Christ sein, Christin sein heißt nicht, es bequem zu haben und fünf gerade sein zu lassen. Wir haben einen klaren Auftrag von dem, der das Wichtigste in unserem Leben und in unserer Welt ist: Jesus Christus.
Jeder und jede von uns soll von Herzen seinem Bruder, seiner Schwester vergeben. Das gilt für uns, und das gilt für alle verantwortlichen Politiker dieser Welt. Erst recht für die, die sich selbst Christ nennen.
Die heutige erste Lesung zeigt uns das sehr deutlich.
Groll und Zorn, auch diese sind Gräuel und ein sündiger Mann hält an ihnen fest.
Wer sich rächt, erfährt Rache vom Herrn; seine Sünden behält er gewiss im Gedächtnis.
Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden dir, wenn du bittest, deine Sünden vergeben!
Ein Mensch verharrt gegen einen Menschen im Zorn, beim Herrn aber sucht er Heilung?
Mit einem Menschen gleich ihm hat er kein Erbarmen, aber wegen seiner Sünden bittet er um Verzeihung?
Er selbst – ein Wesen aus Fleisch, verharrt im Groll. Wer wird seine Sünden vergeben?
Denk an das Ende, lass ab von der Feindschaft, denk an Untergang und Tod und bleib den Geboten treu!
Denk an die Gebote und grolle dem Nächsten nicht, denk an den Bund des Höchsten und übersieh die Fehler!
(Jesus Sirach 27,30.28,1-7)
Die Weisheit Gottes spricht aus diesem Text, und das tut sie seit 2200 Jahren.
Auch wenn es nicht einfach ist für uns Menschen, immer wieder neu zu vergeben: In den Augen Gottes ist das der Schlüssel zum Himmelreich. Und das Himmelreich, liebe Schwestern und Brüder, wartet nicht erst nach unserem leiblichen Tod auf uns. Es soll und wird schon jetzt und hier beginnen. Wir haben es selbst in der Hand.