Predigt am 09.08.2026 zu Mt 14,22-33 und 1 Kön 19,9a.11-13a
Ich möchte euch mitnehmen auf eine kleine Zeitreise. Wir gehen einmal 23 Jahre zurück, hier in
Seoul, zu einem ganz bekannten und beliebten Treffpunkt und Erholungsort, nämlich zum 청계천 (Cheonggyecheon), diesem Kanal, diesem kleinen Fluss, der so beliebt ist, wo so viel Grün ist und wo man zum Durchatmen kommt.
Vor 23, 24 Jahren war das noch nicht so. Da gab es eine große, ganz breite Straße, die dort
entlangführte. Und als der damalige Bürgermeister Lee dann gesagt hat: „Leute, das reißen wir jetzt ab. Diese Straße kommt weg“, da gab es einen großen Aufstand. Das war ein riesiges Problem. Die Menschen haben gesagt: „Wir haben hier unsere Geschäfte.“ Da waren ganz viele Händler betroffen.
Hunderte, ja Tausende von Menschen waren betroffen. Sie haben sich beschwert, Eingaben gemacht und gesagt: „So geht das nicht. Ihr könnt uns nicht diese Straße wegnehmen. Dann haben wir das Problem, dass die Leute nicht mehr zu unseren Geschäften kommen.“
Und das war ein Sturm, ein Sturm der Entrüstung, ein Sturm, der die Menschen bewegt hat und bei dem sich ganz viele engagiert haben.
Der Bürgermeister ist hingegangen und hat gesagt: „Okay, wir müssen darüber reden.“ Und es
haben dann auf hoher Ebene über 4.000 Gespräche stattgefunden, damit wieder Ruhe einkehren
konnte und damit gemeinsam ein Weg gefunden werden konnte, wie das Problem gelöst werden
kann, sodass die Lösung allen gerecht wird. Nicht nur denen, die ein Naherholungsgebiet und
weniger Verkehr haben wollten, sondern auch den Händlern.
Man hat sich dann darauf geeinigt, dass im Bereich Dongdaemun, im Stadion und an anderen Orten die Händler umziehen konnten, damit sie einen festen Ort hatten, an dem sie wieder verkaufen konnten. Auch danach wurde noch viel diskutiert, und es war noch lange viel los und viel Unmut da. Aber langsam kam etwas mehr Ruhe hinein, ein bisschen ruhigeres Wasser, ein bisschen mehr Frieden in die Stadt.
Ein Vorwurf, den man damals gemacht hat, war: „Wenn ihr uns diese ganz breite Straße wegnehmt, dann wird das einen Verkehrskollaps zur Folge haben. Dann wird hier nichts mehr funktionieren, weil das eine der wichtigsten Straßen hier ist.“
Und genau das Gegenteil ist passiert. Als diese Straße weg war, haben immer mehr Menschen
gesagt: Es gibt noch andere Möglichkeiten, in Seoul unterwegs zu sein. Wir nehmen zum Beispiel
die U-Bahn.
Und tatsächlich nehm der Verkehr nicht zu. Es gab nicht mehr Staus, sondern sogar weniger Staus hier in Seoul. Das ist übrigens etwas, was inzwischen auch gut erforscht ist: Wenn man Straßen wegnimmt oder Straßen sperrt, dann beruhigt sich der Verkehr in der ganzen Stadt. Das ist nicht nur in Seoul so, sondern weltweit an vielen Orten ausprobiert worden.
Man hat also etwas weggenommen, um Ruhe zu finden, um Erholung zu ermöglichen, um den
Menschen zu helfen, besser zu leben. Und ich finde, das ist ein ganz wichtiger Aspekt.
Aber der Punkt ist zunächst einmal dieser Sturm, der damals war, dieser Aufstand, diese Empörung, dieser Streit hier in Seoul um den Cheonggyecheon. Das hat durchaus etwas mit dem heutigen Evangelium zu tun. Denn in diesem Sturm wurden plötzlich Wege gefunden, wie man besser miteinander reden kann. Es wurden Verhandlungstechniken entwickelt und umgesetzt. Die Kommunikation wurde verbessert. Man hat mehr aufeinander gehört und Lösungen gefunden.
Das heißt: Man hat nicht abwarten müssen, bis der Sturm vorbei war, sondern man hat mitten im
Sturm an dem Problem gearbeitet.
Und genauso ist es heute im Evangelium. Denn das, was wir gerade gehört haben, ist: In dem Sturm auf dem See geht dieser Jesus auf dem Wasser. Was natürlich für Aufsehen sorgt. Was macht er da? Wie schafft er das?
Er macht etwas, was keiner erwartet hat. Die Jünger haben Angst im Boot, es gibt viel Gegenwind, viel Sturm. Und dann sagt Petrus: „Herr, ich komme jetzt zu dir.“ Nach dem Motto: Wenn Jesus über das Wasser gehen kann, dann kann ich das ja wohl auch.
Und er schafft es tatsächlich. Er steigt aus dem Boot und geht übers Wasser. Aber dann merkt er:
Jetzt war ich doch ziemlich mutig. Vielleicht hätte ich das doch nicht tun sollen. Er bekommt
Zweifel und fängt an unterzugehen.
Und da streckt Jesus seine Hand aus, zieht ihn hoch und rettet ihn.
Und erst danach, als die beiden wieder im Boot sind, erst danach legt sich der Sturm.
Also: Der Vergleichspunkt damals, der Sturm beim Cheonggyecheon, war zunächst einmal ein
Sturm. Ja, es ging um Existenzen, aber es ging auch um viel Müll und Unrat und Durcheinander.
Und es sollte wieder etwas Ordnung in die Stadt kommen.
Und dann hier: vielleicht das Durcheinander in den Köpfen der Jünger, vielleicht die Zweifel, die
sie hatten. Die Zweifel des Petrus, der untergeht, aber eben doch nicht ganz untergeht, sondern von Jesus gerettet wird.
Ich denke, dass wir nicht einfach sagen können: „Ja, damals vor 23 Jahren, da hat Jesus bestimmt eingegriffen.“ Das weiß ich nicht. Das kann man glauben. Ich vermute schon ein bisschen, dass Gott mit dabei war. Es waren ja auch viele gläubige Menschen dabei. Aber wir wissen es nicht.
Was wir aber wissen, ist, dass Menschen darauf vertraut haben, dass sie eine Lösung finden können.
Und woher bekommen Menschen immer wieder neue Ideen? Woher kommt es überhaupt, dass wir kreativ sind, dass wir uns bemühen, dass wir uns für Frieden einsetzen?
Es kommt daher, dass wir begabt sind. Wir sind begabt durch die Gaben des Heiligen Geistes. Das
ist unser Glaube: dass der Heilige Geist uns beschenkt hat mit vielen Möglichkeiten, mit Talenten,
die wir nutzen können und nutzen sollen.
Und das Tolle ist, dass wir über diesen Umweg wieder an dem Punkt sind, an dem wir sagen
können: Nachdem Menschen ihre Talente eingesetzt und diesen Konflikt gelöst haben, kann man
durchaus sagen, dass Gott mit dabei war.
Aber mir ist noch etwas anderes wichtig.
Wir haben in der ersten Lesung, die Christine vorhin vorgelesen hat, aus dem Ersten Buch der
Könige von Elia gehört. Eine ganz berühmte Stelle: Elia ist in der Höhle, und dann kommt dieser
Sturm. Und Elia denkt sich: Gott ist bestimmt in dem Sturm, weil er Gott sucht.
Aber Gott war nicht im Sturm.
Wenn man weiterlesen würde: Am Schluss ist ein leichtes, leises Säuseln, noch ein bisschen Wind.
Dann geht Elia vor die Höhle, und dann kommt diese Gottesbegegnung tatsächlich. Das haben wir heute nicht gehört, aber sie kommt tatsächlich.
Da war Gott nicht im Sturm.
Auf dem See aber war er im Sturm dabei.
Das heißt: Wenn wir Gott suchen, dann dürfen wir ihn suchen in der Situation, in der wir gerade
sind. Ob wir im Sturm sind oder ob gerade in der Stille unterwegs: Gott lässt sich finden.
Gott hilft uns, dass wir in diesem Leben bestehen. Und Gott gibt uns gute Gedanken. Er gibt uns
Kraft, dass wir uns auch für den Frieden einsetzen.
Frieden bei einem Projekt wie dem Abriss einer großen Straße und der Errichtung eines
Erholungsgebietes hier in der Stadt. Frieden in einem Sturm auf dem See. Oder Frieden in der Welt.
Und ihr kennt mich inzwischen: Ich rede darüber immer und immer wieder neu. Eines der
wichtigsten Themen unserer Zeit ist, dass wir alle für den Frieden arbeiten, dass wir uns alle
einsetzen.
Und das beginnt bei uns.
Frieden beginnt immer bei mir selbst, in meiner Familie, meinem Arbeitsumfeld, an der Schule oder wo auch immer ich gerade bin. Es geht immer darum, dass ich anfange, Frieden in die Welt
hineinzubringen.
Und das ist sicherlich eine der wesentlichen Erkenntnisse, die wir auch aus dem heutigen
Evangelium ziehen können: dass Gott da ist, egal, wie laut oder wie leise es gerade ist. Dass Gott da ist und uns hilft. Und dass Gott da ist, ob ich ihn gerade bemerke oder ob ich ihn nicht bemerke.
An seiner Treue ändert das überhaupt nichts.