Predigt am 6. Sonntag der Osterzeit
– Erstkommunion – 14.05.2023
Es war einmal ein Mann, der von Geburt an blind war. Er hatte noch nie die
Sonne gesehen oder bunte Blumen. Er kannte nicht den Unterschied der
Farben. Er hatte aber gelernt, sich im Leben zurecht zu finden. Mit Hilfe seines
weißen Stockes konnte er überall hinkommen, und auch zu Hause kam er gut
mit dem Haushalt zurecht.
Eines Tages, es war an Ostern, ging er spazieren und kam an eine große
Kreuzung. Viele Autos und Motorräder fuhren in alle Richtungen, und er musste
an der Ampel warten, bis er die Kreuzung überqueren konnte.
Da kam ein anderer Mann hinzu. Und weil der blinde Mann einen weißen Stock
hatte, wusste der andere Mann, dass er blind war. Und weil gerade die Glocken
einer Kirche zum Gottesdienst läuteten, fragte er den Blinden: Glauben Sie an
die Auferstehung?
Der Blinde wandte sich ihm zu und antwortete: Oh ja!
Der andere sagte: Ich glaube nicht daran. Auferstehung kann es nur geben,
wenn es einen Gott gibt. Und ich habe Gott noch nie gesehen. Also gibt es
keinen Gott und auch keine Auferstehung.
Der blinde Mann lächelte und sagte nichts. Der andere ärgerte sich darüber und
sagte: Was soll das, wieso lächeln Sie? Doch der andere drehte sich zur Straße,
und obwohl die Ampel noch rot war, ging er einfach auf die Straße. Der andere
Mann packte ihn am Arm und rief: He, was soll das? Die Ampel ist rot! Da
fahren noch Autos! Was machen Sie denn?
Der Blinde sagte: Ich habe noch nie eine rote Ampel gesehen.
Aber da ist sie doch! rief der andere.
Ich habe auch nie Autos gesehen!
Aber da fahren sie doch, Autos und Lastwagen und Busse! Genau da!
Das hab ich alles noch nie gesehen, sagte der Blinde. Und dennoch sind sie da.
Der andere schwieg und dachte ein wenig nach. „Wie kommen Sie denn
überhaupt so gut im Leben zurecht?“ „ ich verlasse mich auf mein Hören und
auf meinen Stock. Es wäre schön, wenn ich sehen könnte, aber ich weiß ja
trotzdem, was es in der Welt gibt. Ich habe Vertrauen zu dem, was andere mir
erklärt haben. Und dadurch komme ich gut zurecht im Leben.“
Der andere schaute ihn nachdenklich an. „Ich habe Gott noch nie gesehen –
erzählen Sie mir von ihm?“ Der Blinde sagte: „Sehr gerne mache ich das“.
Und mit der Zeit erfuhr der Mann von dem Blinden, dass man manchmal
einfach gut hinhören muss, um etwas kennen zu lernen, was man nicht sehen
kann.
Liebe Kinder, genauso war es mit den Emmausjüngern. Die haben nicht
geglaubt, dass Jesus auferstanden ist. Aber dann kam er zu ihnen und war mit
ihnen unterwegs. Und er erklärte ihnen alles. Und die beiden Emmausjünger
fingen an, an die Auferstehung zu glauben. Und so richtig erkannten sie Jesus,
als er mit ihnen das Brot brach.
Das machen wir heute auch. Auch für euch wird heute das Brot gebrochen,
auch ihr begegnet heute Jesus. Und wenn ihr später in eurem Leben mal nicht
richtig wisst, wie es weiter geht, dann denkt an heute. Denkt daran, dass es
auch dann gut weitergehen kann, wenn wir Gott nicht sehen. Er ist trotzdem
da.
Amen.