Was ich euch im Dunkeln sage

Predigt am 12. Sonntag im Jahreskreis A 21.06.2008 zu Mt 10,26-33

Kennen Sie den Mönch Tenzin Gyatso?

Ich – persönlich nicht. Aber: Ich habe viel gehört und manches gelesen von ihm und über ihn. Er trägt einen ganz berühmten und sehr bekannten Titel: Er ist der 14. Dalai Lama.

Und wenn der Dalai Lama irgendwo in Deutschland auftritt, scharen sich die Menschen um ihn, so, als wäre er etwas ganz besonderes.

Nun möchte ich nicht ausschließen, dass der Dalai Lama etwas besonderes ist.

Und der Respekt, zu dem uns das Zweite Vatikanische Konzil vor den anderen Religionen und Glaubensüberzeugungen ermahnt, der kommt bei mir ganz bestimmt nicht zu kurz.

Aber ich finde es ziemlich auffällig, dass er bei uns so einen großen Zulauf hat, wenn er irgendwo auftaucht.

Wenn er nun Zulauf hätte von lauter Buddhisten, wäre das ja auch ganz normal. Schließlich ist der Dalai Lama das geistliche Oberhaupt der tibetischen Buddhisten.

Nur sind da gar nicht so viele Buddhisten, bei diesen Auftritten des Dalai Lama. Es scheint, als habe der Dalai Lama deutlich mehr Zulauf von katholischen Christinnen und Christen als von Buddhisten.

Einige davon kenne ich persönlich. Sie wohnen hier in Königsbrunn, oder in meiner Heimat, im Rheinland, wieder andere wohnen im Taunus.

Und sie bezeichnen sich als Katholiken, oder als religiöse Menschen ohne feste Bindung, oder als Buddhisten, oder als Ungläubige – aber sie seien, sagen sie oder zeigen sie mir, auf der Suche nach der Wahrheit.

Diese Wahrheit suchen sie nun überall, eben auch und gerade beim Dalai Lama. Er scheint etwas faszinierendes zu haben.

Ich kenne auch Menschen, die mit katholischer Kirche eigentlich gar nichts zu tun haben. Aber wenn der Papst nach Deutschland oder Österreich kommt, dann sind sie mit dabei.

Auch wenn sie sonst, im Alltag, z.B. am Stammtisch oder im Betrieb, ständig über den Papst herziehen, über die angeblich total veralteten Moralvorstellungen der katholischen Kirche oder über die Rolle der Kirche in den vergangenen zwei Jahrtausenden.

Wenn so jemand auftritt, dann gibt es also eine große Anziehungskraft – auf Gläubige und auf Ungläubige, auf Kritiker und Fernstehende und auf mit der Kirche solidarische Menschen, auf treue Rosenkranzbeter und auf ganz normale Gemeindemitglieder.

Das ist ja auch ganz gut so. Ich selbst war auch beim Papst, als er in München die Messe gefeiert hat.

Und 100 weitere Königsbrunner waren auch mit dabei.

Auch der Papst hat etwas faszinierendes.

Ich finde es gut, wenn sich gläubige Menschen innerhalb der eigenen Religion versammeln und den eigenen Glauben feiern. Es stiftet Einheit, es gibt Orientierung und Halt. Und es kann Katholiken helfen, mit dem Papst Gottesdienst zu feiern, so wie es Buddhisten helfen kann, den Dalai Lama zu treffen.

Solche Begegnungen helfen unter Umständen sogar, der Wahrheit des eigenen Lebens und des eigenen Glaubens auf die Spur zu kommen.

Aber solche Begegnungen sind nun mal nicht der Alltag.

Alltag ist in diesem Sinne, dass wir uns jeden Sonntag hier zur Eucharistiefeier treffen.

Alltag ist, dass wir auf das Wort Gottes hören, dass wir uns mit dem Evangelium auseinandersetzen, es ernst nehmen und dann das tun, was Jesus uns sagt.

Denn dieser Jesus ist durchaus faszinierend – viel mehr, als es ein Mensch sein kann, und wenn er noch so viele andere Menschen anzieht.

Und da heißt es heute, ganz besonders auf einen Satz hin zu hören:

Jesus sagt uns heute: „Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern“.

Das heißt also: Was wir an Glaubensüberzeugungen haben, die Art und Weise, wie wir Gott begegnen, unsere ganz eigene Gottesbeziehung, das ist das, was wir anderen erzählen sollen! Dadurch dass wir anderen Menschen ein Zeugnis geben von unserem Glauben, von dem was uns im Glauben an Jesus Christus bewegt, von dem was uns jeden Sonntag in die Kirche zieht, dadurch werden wir selbst zu Menschen, die andere faszinieren können.

Und Jesus spricht ja immer wieder zu uns, in jedem Gottesdienst genauso, wie wir ihn im Nächsten entdecken können.

Damit sollten wir nicht hinter dem Berg halten.

Auch der Papst verweist letztlich immer wieder auf Jesus Christus – und nicht auf sich selbst.

Wenn wir das heutige Evangelium ernst nehmen, dann bedeutet das, dass wir uns auf den Weg machen, jetzt gleich im Anschluss an diese heilige Messe, und anderen Menschen von dem erzählen, was wir selbst empfangen haben.

Es bedeutet, dass wir in unserem Leben diesem Jesus Christus nachfolgen – das geht natürlich auch ohne dass wir viele Worte machen.

Der Blick auf den Herrn – der darf uns nicht verloren gehen. Dann finden wir soviel faszinierendes, dass wir die Begegnung mit einem geistlichen Oberhaupt einer anderen Religion gar nicht brauchen – bzw. schon gar nicht uns seiner Philosophie, seinem Glauben anschließen müssten.

Übrigens legt er selber Wert darauf.

Als der Dalai Lama nämlich Mitte der 90er Jahre schon einmal in Deutschland war, wurde er von einer Reporterin gefragt, ob er gekommen sei, alle Deutschen zu Buddhisten zu bekehren.

Der Dalai Lama schaute sie an und fragte sie, ob sie Christin sei. Sie bejahte dies – worauf er sagte:

Bleiben Sie Christin, behalten Sie Ihren Glauben und leben Sie Ihren Glauben.
Und ich behalte und lebe meinen Glauben.
Wenn uns beiden das gelingt, können wir uns gut unterhalten.

men.

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