Predigt zu Joh 15,10
Liebe Schwestern und Brüder,
in einer kleineren Stadt in Süddeutschland gab es bis vor einiger Zeit zwei Metzgereien, eine im Süden und eine im Norden der Stadtmitte. Als ich vor 30 Jahren dort war, wurde mir gesagt, dass die eine Metzgerei katholische Inhaber habe, und die andere evangelische Besitzer. Ich war ein wenig verwundert, warum das so wichtig sei, habe aber bald festgestellt, dass ich – als katholischer Seelsorger – beobachtet wurde, wohin ich einkaufen ging. Natürlich sollte ich nur bei der richtigen Metzgerei einkaufen gehen.
Die richtige Metzgerei. Dann war die andere ja die falsche. Falsch, weil evangelisch, protestantisch, andersgläubig – falsch eben.
Im Studium hat mal mein Professor für Neues Testament gesagt: manche Menschen denken, dass die, die nicht zur eigenen Kirche gehören, das falsche Gebetbuch haben. Dass in deren Gebetbuch auch Psalmen und Lieder und Gebete stehen, die den christlichen Glauben zum Ausdruck bringen, wird dabei übersehen.
Das falsche Gebetbuch, die falsche Metzgerei – wir finden immer wieder Gelegenheiten, zu betonen, dass die anderen nicht so richtig glauben und damit nicht so richtig Christ sein können.
Natürlich braucht Glaube immer auch Identität. Natürlich fühlen wir uns in unserer eigenen Kirche wohler, wenn wir Gottesdienst feiern, weil uns die Elemente vertraut sind, weil wir dir Antworten wissen und weil wir auch die meisten Menschen kennen, die jeden Sonntag neben oder vor uns in der Bank sitzen. Das ist auch richtig so.
Wenn wir über Ökumene nachdenken, dann geht es nicht darum, die eigene Geborgenheit aufzugeben. Es geht darum, dass wir dem anderen zugestehen, dass er auch seinen Weg zu Christus geht. Und gleichzeitig dürfen wir erwarten, dass uns dieser Respekt auch vom Gesprächspartner entgegen gebracht wird.
Es ist wichtig, dass wir das Gemeinsame sehen – auch wenn wir das, was uns unterscheidet, nicht gedankenlos wegwischen sollen.
Ich rede hier von einer richtig verstandenen, echten Toleranz. Toleranz heißt: Mein Standpunkt ist klar, und damit gehe ich ins Gespräch. Toleranz heißt nicht: Ich gebe für einen extrem instabilen Frieden, der dann nur ein Scheinfrieden sein kann, meine Überzeugungen auf.
„Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein“ – dieser etwas flapsige Spruch hat hier eine große Bedeutung. Ich muss nicht alles gut finden, ich muss nicht alles, was ein andere sagt oder glaubt für mich adaptieren. Wir nennen das im Deutschen ja zurecht „AUSEINANDERSETZUNG“, lustigerweise sagen wir das, wenn wir uns gerade ZUSAMMENGESETZT haben. Ich setze mich auseinander mit den Gedanken und Überzeugungen des anderen, komme auch selber zu Wort und wir beide machen uns auf die Suche nach dem Verbindenden.
Jesus sagt uns im heutigen Evangelium: Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben. Die Gebote sind ihm sehr wichtig, weil sie das menschliche Miteinander regeln und zudem unsere Beziehung zu Gott betonen.
Und daraus folgt für ihn, dass die Liebe das wichtigste überhaupt ist. Die Liebe unter uns Menschen, die Liebe zu Gott, und natürlich Gottes Liebe zu uns, ohne die das alles nicht existent wäre.
Jesus geht aber noch einen Schritt weiter: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn jemand sein Leben für seine Freunde hingibt“. Damit spielt er sicher auf seinen eigenen Tod am Kreuz an. Aber das ist nicht alles: Denn dieser Satz gilt ja auch für uns.
Dabei können wir davon ausgehen, dass es nicht nur und ausschließlich um die Hingabe des Lebens durch den Tod handelt.
Sein Leben hinzugeben, das fängt schon an bei der Liebe zwischen Mann und Frau, die zuweilen sehr intensiv füreinander sorgen müssen, die das Leben gemeinsam stemmen, mit allen Herausforderungen, die die auftauchen – und zwar mit viel Hingabe, mit viel Lebensenergie. Das ist auch gemeint.
Oder die Sorge um Menschen, die schwer krank sind, die pflegebedürftig sind. Das ist auch Lebenshingabe! Genauso wie das Ertragen eines Menschen, der seelisch belastet ist durch Trauer, durch Depression, durch Angst.
Jesus möchte aber nicht, dass wir nun alle permanent in ernster, düsterer Stimmung durchs Leben gehen. Er möchte, dass seine Freude in uns ist und dadurch unsere Freude vollkommen wird. Und gerade durch diese tiefe, innere Freude, die wir durch das Evangelium lernen, haben wir die Basis für ein Leben im Sinne Jesu.
Die Hingabe an den anderen, die richtig verstandene Toleranz und der Respekt vor der anderen Überzeugung – all das ist Teil des Evangeliums.
Gehen wir froh in diesen Tag hinein!
Versuchen wir stets das Gute, das Verbindende zu sehen!
Und außerdem: Zeigen wir einander, dass wir im christlichen Sinn uns alle lieben.
Amen.