Zwei Koreanerinnen stehen im Hanbok, der hiesigen traditionellen Tracht, vor einem Altar. Die Szene war Teil einer Hochzeitsfeier im Januar, und die beiden Damen waren die Mütter des Brautpaares. Auf den ersten Blick hin hätte diese Szene in einer Kirche stattfinden können, der Altar und die Kerzen hätten das vermuten können. Stattdessen waren wir in einer sehr auf Show und Konsum ausgerichteten Wedding Hall. Davon gibt es hunderte in Seoul, und sie sind Teil einer ganzen Hochzeitsindustrie.
Innerhalb von 45 Minuten war das Brautpaar vielleicht fünf Minuten im Raum, ohne dass jemand sie herumgeschoben, am Brautkleid gezupft oder die Schleppe gerichtet hat. Es ging ausschließlich um die Fotos, die alle perfekt sein mussten. Auch der Ringtausch war nicht zu sehen, da die Fotografin dabei direkt vor dem Brautpaar stand und deren Hände mehrfach neu arangierte. Die beiden Damen hatten jeweils eine Kerze angezündet; weil aber bei der einen die Fotos nicht perfekt waren, wurde die Kerze ausgeblasen und erneut angezündet – erst dann war die Fotografin zufrieden.
Die geladenen Gäste, etwa 200 an der Zahl, unterhielten sich die ganze Zeit, selbst während des Eheversprechens begrüßten sie die später ankommenden Freunde lautstark. Was “da vorne” passierte, war nicht so interessant.
Nach der Zeremonie gingen alle zum Essen, es war ein fantastisches Buffet. Das war wiederum sehr interessant.
Ich hatte mich auf die Feier gefreut. Gegangen bin ich sehr nachdenklich.
Im Nachklang spüre ich, dass es eine Feier war, die nur sehr wenig mit der traditionellen Art koreanischer Hochzeit zu tun hatte. Denn diese ist geprägt von hohen Werten: Von Respekt, von kultureller Identität, vom Bewusstsein, dass ein wichtiger Ritus von zwei Menschen vollzogen wird, die sich einordnen in genau diese Tradition.
Hier aber war das Brautpaar Objekt von Regie, Fotografie und Organisation. Die Hochzeit wurde ziemlich erfolgreich dokumentiert, aber wie schön wäre es gewesen, wenn sie auch erlebt worden wäre? Wenn Eigenpräsenz und Würde des Brautpaares beachtet worden wären? Wenn Eheversprechen und Ringtausch einfach dem Brautpaar gehört hätten als ihr ganz eigener Moment? Wenn die Eventlogik dem wirklichen Feiern gewichen wäre?
Der Ort des Geschehens war eine Anleihe aus dem religiösen Bereich: ein Altar, zwei Kerzen. Wer braucht noch Religion, wenn die ja irgendwie zumindest ein ganz klein bisschen auch vorkommt?
Riten haben ihre Bedeutung, wenn sie nicht ausschließlich für die Kamera inszeniert werden, sondern Menschen einen geschützten Raum geben, in dem sie innehalten, das Wesentliche wahrnehmen und einen entscheidenden Moment ihres Lebens bewusst miteinander und vor anderen vollziehen können. Das geht komplett, ohne dass Gott dabei ausdrücklich genannt wird – aber es gelingt nur dort, wo Stille möglich ist, Aufmerksamkeit geschenkt wird und alle Beteiligten spüren: Hier geschieht gerade mehr als ein Programmpunkt, hier wird ein Versprechen zum gemeinsamen Lebensmoment.
Wir sollten nicht so tun als ob alles gleichgültig wäre, alles gleich gültig. Bei einer säkularen Zeremonie braucht man keinen Altar. Die Antwort ist nicht “ein bisschen Religion”, sondern die religiösen Riten, ganz gleich aus welcher Religion, an ihrem ureigenen Platz zu feiern, im Tempel, in der Synagoge, in der Moschee oder der Pagode. Und natürlich in der Kirche.
Ihr und euer Diakon Edgar