In jener Zeit sprach Jesus:
Wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann
nicht eine Lampe an, fegt das ganze Haus und sucht unermüdlich, bis sie das
Geldstück findet?
Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen
zusammen und sagt: Freut euch mit mir; ich habe die Drachme
wiedergefunden, die ich verloren hatte.
Ich sage euch: Ebenso herrscht auch bei den Engeln Gottes Freude über einen
einzigen Sünder, der umkehrt. (Lk 15, 8-10)
Vor zwei Wochen hab ich mein Auto verkauft. Nachdem unser gemietetes Haus
an die Vermieter zurück gegeben war, unser Haushalt zu 90 % aufgelöst und
der Rest eingelagert oder verschifft war, war eben das Auto noch übrig.
Natürlich musste es noch komplett ausgeräumt werden. In der Mittelkonsole
hatte ich eine kleine Dose mit vielen Münzen – Kleingeld zum Parken und so
weiter. Ich hab die Dose dann umgefüllt in einen Geldbeutel, und dabei sind
mir ein paar Münzen runtergefallen. Das waren nur ein paar Cent, aber die lässt
man natürlich auch nicht im Auto, das man gerade verkaufen will, sondern
sucht sie und hebt sie wieder auf. Und das Suchen war nicht so einfach, weil es viele Stellen im Auto gibt, an denen sich so einen Münze verstecken kann.
Vorhin im Evangelium haben wir eine ähnliche Situation gehört. Die Frau hat zehn
Drachmen und verliert eine davon. In Euro umgerechnet fehlen ihr also etwa
65 Cent oder knapp 900 Won. Das klingt zunächst mal nicht so viel. Würden Sie
nun das ganze Haus auf den Kopf stellen, um diese 65 Cent, diese 900 Won
wieder zu finden?
Wir müssen aber genau hinschauen: Sie hat ja insgesamt nur 10 Drachmen, das
heißt ihr fehlen plötzlich 10 Prozent ihres gesamten Vermögens! Da sieht die
Sache schon ganz anders aus – wenn 10 Prozent des gesamten Vermögens
fehlen. So etwas würde uns wahrscheinlich auch motivieren, intensiv zu
suchen.
Diese Frau ist ganz und gar nicht reich. Sie braucht alles Geld, das ihr zur
Verfügung steht, für ihr Überleben. Sie kann es sich nicht leisten, auch nur auf
einen kleinen Teil zu verzichten. Und damit steht sie als Beispiel für viele
Menschen unserer Zeit, denen es ganz ähnlich geht. In Deutschland liegt der
Anteil der Hartz-4-Empfänger bei 7,7 Millionen. 1,1 Millionen Menschen
beziehen zudem Leistungen der Grundsicherung im Alter oder wegen
Erwerbsminderung. Und hier in Südkorea hat ein Sechstel der koreanischen
Bevölkerung weniger als das Durchschnittseinkommen zum Leben, das sind
etwa 8,5 Millionen Menschen – und das Durchschnittseinkommen liegt bei
umgerechnet 25.000 Euro. Auch alle diese Menschen müssen genau aufs Geld
schauen, machen sich tagsüber und auch nachts Sorgen, wie es weiter gehen
kann – es ist einfach schlimmer Alltag.
Unsere Frau aus dem Evangelium macht sich also auf die Suche, und sie findet
das verlorene Geldstück. Und weil sie sich so darüber freut, holt sie alle
bekannten und befreundeten Frauen zusammen und erzählt davon – und die
anderen werden sich mit ihr gefreut haben.
Die Reaktion auf das Finden weicht nun sicherlich von dem ab, was arme
Menschen der heutigen Zeit so tun. Vielleicht erzählen sie es noch ihrer
eigenen Familie – aber damit nach außen zu gehen und der Nachbarin zu
sagen, dass man sich über ein paar verlorene und wiedergefundene Cent so
sehr freut – das ist doch eher unwahrscheinlich. „Armut versteckt sich“, hat die
deutsche Caritas schon vor vielen Jahren plakatiert – und in Korea ist das
Versteckspiel noch perfektioniert worden.
Jesus spricht mit seinem Gleichnis mitten aus dem Leben – damals wie heute,
ob nun in Israel oder Palästina oder Deutschland oder Südkorea oder Brasilien
oder Kenia oder wo auch immer.
Jesus ist aber immer für eine Überraschung gut. Und daher fügt er ganz am
Schluss des Textes einen Satz hinzu, der zeigt, worum es ihm eigentlich geht.
Nachdem nun alle gemerkt haben, dass er ein treffendes Beispiel aus dem
Leben genommen hat, verknüpft er das nun mit dem Himmel, letztlich mit Gott
selbst. Jesus spricht über den Sünder, der umkehrt und sich neu auf Gott
ausrichtet. Und die Freude der Engel darüber entspricht der Freude der Frauen
über die wiedergefundene Drachme.
Ich finde das gar nicht so einfach. Jesus vergleicht also das verlorene Geldstück
mit einem Sünder, und das wiedergefundene Geldstück mit dem Sünder, der
umkehrt? Es ist wichtig, den Kontext dieses Textes zu sehen. Um dieses
Gleichnis herum erzählt Jesus erst vom verlorenen Schaf und danach vom
verlorenen Sohn. Immer geht es um das verloren gehen, wiedergefunden
werden und die Freude darüber.
Jesus ruft alle Menschen auf, umzukehren und sich neu auf Gott auszurichten –
und das galt für die Menschen damals vor 2000 Jahren und es gilt für die
Menschen heute.
Und dann sollten wir uns die Frage stellen: Was heißt das denn für mich ganz
konkret? Wo beginnt es denn, dass ich mich von Gott abwende? Es geht
nämlich nicht zuerst um die ganz großen Sünden – es geht um die kleinen
alltäglichen Dinge, die sich summieren können und wegen denen ich Gott und
das Evangelium aus dem Blick verliere.
– Wieviel Zeit nehme ich mir für Smartphone und Fernsehen und
Computerspiele – und wieviel Zeit hab ich für Stille und Meditation und auch
mal ein Gebet?
– Woran orientiere ich mein Leben? Ist es eher der Konsum, der als Grundlage
den Wunsch hat, immer mehr und immer noch besseres zu besitzen? Oder
steht im Vordergrund die Gemeinschaft mit meiner Familie, ein Spieleabend
mit den Kindern oder das Engagement in einem sozialen Projekt?
– Auf wen höre ich, von wem lasse ich mein Denken beeinflussen? Sind es
falsche Freunde und Kollegen, die nur schlecht über andere reden, die vielleicht
lügen oder nur auf ihren eigenen Vorteil schauen? Oder suche ich den Kontakt
zu Menschen, die in sich ruhen, die voller Liebe und Nächstenliebe sind, die
zuhören können und denen ich gerne zuhöre?
– Welche Münze oder welche Münzen hab ich verloren und würde sie gerne
wiederfinden? Worüber würde ich mich dann so sehr freuen, dass ich diese
Freude auch mit anderen teilen wollte?
Wenn wir auf Jesus Christus schauen, dann kann das nur gut sein. Er verlangt
im heutigen Evangelium nichts unmögliches von uns. Er sagt uns: Umkehr
heißt, sich neu auf Gott auszurichten und sie beginnt bei den kleinen Dingen im
Alltag. Es geht nicht um ein total asketisches Leben. Jesus möchte, dass es uns
gut geht. Aber in den vielen kleinen Dingen des Alltags können und sollen wir
anfangen, mal neu hinzuschauen.
Trauen wir uns! Und wenn wir nur eine einzige Gewohnheit verändern, um uns
wieder mehr den Menschen zuzuwenden, dann ist die erste verlorene Münze
gefunden – und darüber dürfen wir uns mit Fug und Recht freuen.
Amen.