Predigt am Fest Christi Himmelfahrt, 12.05.2024
Liebe Gemeinde,
in der Zeitschrift „Christ und Welt“ erschien vor ein paar Tagen ein Artikel von Hanna Jacobs, 35 Jahre jung. Sie ist evangelischen Pfarrerin. Die Überschrift wurde bewusst reißerisch gewählt. Sie lautet: „Schafft den Gottesdienst am Sonntag ab!“ Und im Untertitel heißt es: „Die Kirchen klammern sich an ein wöchentliches Ritual, das kaum noch jemanden reizt. Die Zeit ließe sich besser nutzen.“
Im Verlauf des Textes liest man dann ein sehr scharf formuliertes Plädoyer gegen den Sonntagsgottesdienst. Es gebe ein überwältigendes Desinteresse, das für Protestanten bitter sei, für katholische Geistliche „muss es ärgerlich bis absurd sein“. Und ich zitiere weiter: „Unter enormem Kraftaufwand ermöglichen die immer weniger (und älter!) werdenden Priester es den Gläubigen, ihrer Sonntagspflicht nachzukommen. Denn jeder Mensch katholischen Glaubens ist eigentlich dazu verpflichtet, am Sonntag an einer Messe teilzunehmen, wobei der Samstagabend großzügigerweise ebenfalls gilt. Doch mehr als 94 Prozent der Katholiken setzen sich über diese Pflicht hinweg, Tendenz steigend.“
Der Artikel gipfelt in der Aussage: „Dass die beiden Großkirchen stoisch am Gottesdienst als ihrem Aushängeschild schlechthin festhalten, ist Realitätsverweigerung.“
Nun hab ich nach dem ersten Durchlesen gedacht: Es ist ja tatsächlich so, dass kaum noch Menschen in den Gottesdienst gehen. Der Aufruf der evangelischen Kollegin, die Zeit besser zu nutzen, könnte also betriebswirtschaftlich gesehen sinnvoll sein. Wir suchen einfach andere Gelegenheiten, um den Menschen Gott näher zu bringen.
Die Kollegin stellt zusätzlich die Frage: „Hätte die junge Urgemeinde aus den oft blutleeren heutigen Sonntagsgottesdiensten die Kraft ziehen können, der Verfolgung standzuhalten?“ Und sie beantwortet die Frage sofort mit den Worten: „Ich denke nicht.“ Und schließlich noch ein Zitat:
„Der sonntägliche Gottesdienst bindet Personal und Geld, das man auch anderswo investieren könnte. … Die Kirche lässt sich die Pflege ihrer Traditionen ordentlich was kosten. Für 50 und mehr Personen lohnt sich das wohl, vor allem da, wo der Sonntagmorgengottesdienst noch einen echten Stellenwert im Leben hat. Für ein trauriges Dutzend allerdings lohnt es sich nicht mehr.“
Und ich meine, dass genau hier die Kritik ansetzen muss. Spätestens jetzt wird deutlich, dass die Zahl der Gottesdienstteilnehmer ausschlaggebend sein soll für den Erfolg eines Gottesdienstes. Das widerspricht aber direkt den Worten Jesu: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20). Zwei oder drei sind aber deutlich weniger als das genannte Dutzend – und doch ist der Herr dabei.
Der Verweis auf die Urgemeinde dagegen ist so schräg, dass es schon wieder lustig ist. Die Urgemeinde hat die Kraft gerade aus den kleinen Versammlungen gezogen, ganz im Vertrauen auf die Zusage Jesu, stets da zu sein.
Ganz ehrlich: Wenn ich die Möglichkeit habe, in einen Gottesdienst mit hunderten von Gläubigen zu gehen, dann tu ich das gerne. Und in Deutschland hatte ich oft Gelegenheit dazu. Denn natürlich ist das eine wunderbare, stärkende, inspirierende Erfahrung, mit so vielen Schwestern und Brüdern gemeinsam zu singen und zu beten.
Bei einem der wichtigsten Gottesdienste der Christenheit überhaupt, nämlich bei der Himmelfahrt von Jesus Christus, waren gerade mal ein Dutzend Leute anwesend – nämlich Jesus und die Apostel. Und so wurde 40 Tage nach der Auferstehung genau dieser Gottesdienst zur Bestätigung der Ostererfahrung. Es war aber ein Dreischritt: Ostern – Himmelfahrt – Pfingsten, also Geistsendung. Das feiern wir in acht Tagen. Dieser kleine Gottesdienst damals ist aber nicht wegzudenken aus der Kirchengeschichte.
Ihr alle wisst, dass ich nicht müde werde, zum Gottesdienst einzuladen. Und ich freue mich über alle, die kommen und über alle, die über YouTube dabei sind. Manchmal sind wir ein paar weniger Leute, manchmal sind es mehr. Das ändert aber nichts daran, dass wir durch den Sonntagsgottesdienst im Übermaß beschenkt werden. Ich bekomme immer wieder Rückmeldungen, dass es einfach gut tut, hierher zu kommen. Der Gottesdienst ist die Oase, die wir brauchen, um mal fern von Leistungsdruck, von Hektik und Lärm zu uns zu kommen und uns zu öffnen für das Wort und das Sakrament Gottes.
Gottesbegegnung ist vielfältig möglich, weil Gott unendlich viele Möglichkeiten dafür hat, sich uns zu schenken. Das bezweifelt niemand.
Bei der Feier des Gottesdienstes wissen und glauben wir aber, dass hier etwas Heiliges geschieht, das uns aus Gnade geschenkt wird. Daher bleiben wir dabei – die zeitliche Investition lohnt sich immer. Amen.