Der Tabor-Moment

Predigt am 01.03.2026 zu Mt 17,1-9

Was für ein besonderer Moment muss das gewesen sein. Der Evangelist Matthäus berichtet davon, dass Jesus mit Petrus, Jakobus und Johannes unterwegs ist und auf einen Berg steigt, wahrscheinlich war das der Berg Tabor.
Der Tabor ist ein sehr geschichtsträchtiger Ort.
Um das Jahr 1100 vor Christus war er der Ort des Sieges gewesen über die Feinde Israels, die Kanaaniter. Und dieser Sieg wurde von Debora, das war die charismatische Führungspersönlichkeit bei diesem Ereignis, auf Gottes Auftrag und Hilfe zurückgeführt.

Der Berg Tabor wurde dadurch im Laufe der Jahrhunderte ein wichtiges Symbol für göttliche Hilfe und Befreiung. Ein Ort also, an dem Gott dem Volk Israel gezeigt hat, wie mächtig er ist und welch hohe Bedeutung er für die Menschen hat.

Nun ist also Jesus mit seinen Freunden unterwegs und steigt auf den Berg Tabor. Also auf den Berg, der historisch so wichtig für Israel war. Das hätte den Aposteln schon zu denken geben müssen. Denn schließlich: Mit Jesus unterwegs zu sein heißt ja, dass ständig besondere Dinge passieren.

Und tatsächlich: Dort, so hören wir es heute im Evangelium, wird Jesus „vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.“ (Mt 17,2).

Das war kein alltäglicher Vorfall. Das war eine Sternstunde im Leben der drei Apostel. Denn durch dieses Licht, durch das Strahlen, durch das weiß werden der Kleider Jesu gibt Jesus ihnen einen ganz besonderen Einblick, oder besser: den Durchblick. Sie können quasi durch den Menschen Jesus hindurchschauen und erkennen seine Göttlichkeit.

Nun weiß Jesus aber, dass wir Menschen Zeit brauchen, um seine Göttlichkeit zu erkennen. Uns reicht es nicht, das einmal zu sehen und dann ist das ein für alle Mal geklärt. Daher geht die Geschichte so weiter, dass plötzlich Mose und Elija bei Jesus sind und mit ihm reden. Das ist ebenfalls sehr symbolträchtig: Denn Mose steht für das jüdische Gesetz und Elija für die Propheten. Dadurch repräsentieren sie beiden die gesamte damalige heilige Schrift. Sie legitimieren Jesus dadurch: Er ist kein Blender, er ist kein Betrüger. Er ist Teil der Heilsgeschichte, ja, ohne ihn gibt es gar keine Heilsgeschichte, weil er immer schon war.

Jesus wird legitimiert als Gottes Sohn und als Messias und Heiland.

Auf diese überwältigende Szene reagiert Petrus nun ganz pragmatisch. Er möchte ein guter Gastgeber sein und gleich mal drei Hütten bauen. Er hat noch nicht verstanden, dass es hier gar nicht um seine Gastgeberqualitäten geht, sondern um die Erkenntnis, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott ist.

Und es kommt ja auch gar nicht zum Bau der Hütten. Denn weil das alles immer noch nicht ausreicht, weil Gott möchte, dass die Botschaft wirklich ankommt, weil Gott möchte, dass diese Erkenntnis in unser Herz und in unseren Kopf kommt, kommt schließlich seine Stimme aus der Wolke: „Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Gefallen gefunden, auf ihn sollt ihr hören.“ (Mt 17,5).

Das wäre doch ein wunderbarer Höhepunkt und auch Abschluss der Szene gewesen. Die Jünger wären auf höchst göttliche Weise bestärkt gewesen in ihrem Glauben, hätten Hoffnung und Zuversicht haben können: Jesus nachzufolgen ist das Beste, was wir tun können.

Und was passiert? Sie werfen sich vor Angst auf den Boden. Die Botschaft ist immer noch nicht bei ihnen angekommen. Jesu greift ein, fasst sie an und bittet sie, wieder aufzustehen. Und da sehen sie, dass nur noch Jesus da ist.

Alles ist vorbei, und sie haben nichts verstanden.

Jesus hat aber unendliche Geduld mit ihnen. Er weiß, dass sie immer noch Zeit brauchen.

So steigen sie den Berg wieder herab und dann kommt der Satz, der auf den ersten Blick schwer zu verstehen ist. Denn Jesus möchte, dass sie über das schweigen, was sie gesehen und erlebt haben, und zwar bis zur Auferstehung. Erst dann dürfen sie davon erzählen.

Man könnte ja meinen, dass sich ein solches Ereignis blitzschnell herumspricht. Aber hier geht es Jesus darum, dass keine übermäßige Begeisterung ausbricht. Ein strahlender Jesus – Besuch von Mose und Elija – Stimme aus der Wolke – das hätte zu viel Aufsehen geführt. Jesus wäre zum weltlichen König gemacht worden. Er aber wusste, dass sein Weg nicht zuerst zum Thron, sondern zuerst zum Kreuz führt.
Das war ja zentral für seine Botschaft. Und deswegen sollte über das Ereignis auf dem Berg Tabor bis zur Auferstehung nicht gesprochen werden.

Jesus hat Geduld mit den Jüngern und er hat Geduld mit uns. Wenn wir zweifeln, wenn wir die Hoffnung verlieren, dann steht er neben uns und  bietet uns seine frohe Botschaft an.

Die Verklärung Christi ist nämlich eine Vorschau auf Ostern: Jesus zeigt den Jüngern seine Herrlichkeit, damit sie den Weg des Kreuzes nicht fürchten. Hinter all dem Leid, das vor ihnen liegt, steht die Wirklichkeit der Auferstehung, die Wirklichkeit der Überwindung des Todes. Durch die Erfahrung von Ostern wird es ihnen und damit uns allen möglich, dass wir die Hoffnung nicht verlieren und mit all der Dunkelheit in unserem Leben besser zurecht kommen.

Amen.

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