Die These, dass der Ständige Diakon über keine „Macht“ im klassischen Sinne verfügt, ist kirchenrechtlich und dogmatisch begründet. Während Bischöfe und Priester die potestas sacra (heilige Vollmacht) zur Leitung und zur Konsekration der Eucharistie besitzen, ist der Diakonat kirchenrechtlich als ein Amt des Dienstes (diakonia) definiert, nicht der Herrschaft.
Ich möchte das heute mal mit ein paar Gedanken aus der Befreiungstheologie beleuchten. Denn in ihr wird dieser vermeintliche „Mangel“ an struktureller Macht nicht als Defizit, sondern als prophetische Stärke interpretiert.
Die Befreiungstheologie ist in Lateinamerika entstanden und fordert eine „Kirche von unten“ und die Option für die Armen. Für diese Theologie ist der Begriff der Macht oft gleichbedeutend mit Klerikalismus und Unterdrückung.
Ein erstes Stichwort führt uns vom Herrschafts- zum Dienstmodell: Der Diakon verkörpert das Christusbild des „Dieners“. Da er keine jurisdiktionelle Macht ausübt, steht er symbolisch (und oft lebensweltlich durch Beruf und Familie) näher an den Marginalisierten.
Ein zweites Stichwort bringt uns zur Entmythologisierung des Klerus: Der Ständige Diakon bricht die hierarchische Pyramide auf. Er ist Kleriker, ist aber meistens verheiratet und hat Kinder. Das bringt ihn näher an die Welt der sogenannten Laien (über diesen Begriff wird zu einem späteren Zeitpunkt noch zu reden sein). In der Befreiungstheologie könnte man ihn als Brücke bezeichnen, die das Sakrale in den profanen Alltag der Armen trägt, ohne den Anspruch, über sie zu herrschen.
Leonardo Boff, ein ehemaliger Franziskaner (geb. 1938) ist einer der bekanntesten Systematiker der Befreiungstheologie. Er kritisierte die Machtkonzentration in der Kirche massiv und forderte eine „Ekklesiogenesis“, somit eine Kirche, die aus dem Volk neu entsteht. Ecclesiogenesis beschreibt die Neuentstehung der Kirche „von unten“, indem sie sich in kleinen Basisgemeinden durch das gemeinsame Handeln und Bibellesen der Gläubigen formt. Dabei ersetzt ein gemeinschaftliches, auf Charismen basierendes Modell die traditionelle kirchliche Hierarchie, um die Befreiung der Armen in den Mittelpunkt zu stellen. Die Hierarchie muss ihre Funktion als Dienst am Volk Gottes verstehen und nicht als Privileg oder Machtinstrument.
Auf den Ständigen Diakon übertragen heißt das zum Beispiel, dass der Diakon so etwas wie das strukturelle Korrektiv zum Priestertum sein könnte oder sollte. Da der Diakon keine „Macht“ hat, ist er am nächsten an der ursprünglichen Intention Jesu, der kam, um zu dienen.
Gustavo Gutiérrez (1928-2024), ein peruanischer Dominikaner, gilt als „Vater“ der Befreiungstheologie. Sein Fokus lag auf der spirituellen und materiellen Befreiung des Menschen. Er sah die Armut als Herausforderung für die Kirche und forderte die Kirche auf, bei den Armen zu sein, auf Augenhöhe, und ihr Schicksal zu teilen.
Für uns könnte das heißen: Da der Diakon kirchenrechtlich nicht in der „Machtzentrale“ der Pfarrei oder Diözese steht, ist er freier, die „Option für die Armen“ glaubwürdig zu leben. Seine Machtlosigkeit schützt ihn vor der Versuchung, die Institution Kirche über die Not der Menschen zu stellen.