Dialogpredigt zu Jes 9,1 zwischen Diakon Edgar und Diakon Stefan Eschey am 25.01.2026 in Augsburg-Christkönig im Familiengottesdienst. Die Fotos sind als Präsentation während der Predigt gezeigt worden.

Stefan
Edgar, wir haben gerade gehört: „Das Volk, das im Dunkel saß, hat ein helles Licht gesehen.“ Du lebst und arbeitest als Diakon in der Auslandsseelsorge in Korea und bist für das ganze Land Südkorea „zuständig“.
Sag mal: Wie ist das dort mit Licht und Dunkelheit – so weit weg von daheim und das für Jahre?

Edgar
Ich bin ja schon im vierten Jahr der Leiter der Deutschsprachigen Katholischen Gemeinde in Korea. Und das ist eine Aufgabe, bei der mir nichts menschliches fremd bleibt.
Das Dunkel sehe ich oft dort, wo Menschen weit weg von allem Vertrauten leben. Ein wichtiges Thema bei uns ist die Frage: Wo ist eigentlich meine Heimat?
Viele in unserer kleinen Auslandsgemeinde sind nur für ein paar Jahre in Korea: beruflich als Manager oder Techniker, oder im diplomatischen Dienst, oder weil ein Teil der Familie wie zum Beispiel die Ehefrau in Korea geboren ist. Es kommen Studentinnen aus Deutschland, die für ein Semester oder auch für das ganze Studium hier sind.

Wer nur kurz im Ausland ist, für den stellt sich die Frage nach der Heimat nicht. Dom von Seoul → ein wenig Heimat? Wer aber alle zwei, drei Jahre in ein weiteres Land zieht und nur noch selten in Europa ist, für den ist der Begriff der Heimat zuweilen etwas verdunkelt.
Die Menschen kommen mit Hoffnungen, mit Erwartungen, und geraten gelegentlich in Einsamkeit, Überforderung, manchmal auch in noch größere seelische Not.
Und das Licht? Das ist oft klein, unscheinbar: ein Gottesdienst in unserer kleinen Kapelle, ein Gespräch nach der Messe beim Kirchencafé, oder jemand, der sagt: Ich freu mich, dass du da bist.
Aber sag du: Wie ist das bei euch hier in Deutschland – in eurer Pfarreiengemeinschaft?
Stefan
Bei uns ist natürlich vieles stabiler. Wir kennen unsere Gemeinde, unsere beiden Kirchen, und sind ganz oft schon seit Jahrzehnten mit ihr und was es sonst alles gibt bestens vertraut. Das ist unsere Heimat und das wird sehr geschätzt, weil es übers Kirchenjahr mit vielen kleinen und so manchen großen Angeboten auch bei uns schöne Lichtblicke gibt.
Mit der Gemeinde, mit unserer Pfarreiengemeinschaft vertraut sein, Verlässlichkeit: das ist ziemlich wichtig. Natürlich gibt es da auch die Gefahr, vieles als selbstverständlich zu betrachten und wenn sich was verändern muss, ist das nicht unbedingt einfach.
Was im Dunkeln ist, kann leicht übersehen werden, ist aber auch bei uns nicht weniger real: Einsamkeit, finanzielle Sorgen, Krankheit, zerbrochene Beziehungen, auch mal ein Streit…
Du hast von deiner kleinen Auslandsgemeinde gesprochen – wie sieht das dort konkret aus?

Edgar
Wir haben bis zu 60 Menschen, die in die Kirche kommen. Manche sind für die einfache Strecke knapp 2 Stunden unterwegs zum Gottesdienst. Weitere 30-40 schalten sich über Youtube zu, weil sie zu weit weg wohnen, und etwa 300 sind an regelmäßigen Informationen interessiert.
Die Gemeinde ist dabei ständig im Wandel: Kaum haben wir jemanden kennengelernt, zieht er oder sie weiter.
Wir müssen daher immer wieder neu anfangen, neu zuhören, neu begleiten, neu kennenlernen. Natürlich haben wir auch das ganz normale katholische Standardprogramm mit Taufen, Erstkommunion, Firmung, Sonntagsgottesdienst. Kirche ist aber bei uns weniger Institution, mehr Beziehungsarbeit auf Zeit. Oder besser ausgedrückt: Dadurch, dass wir einfach da sind für die Menschen, können wir ihnen helfen, ihren Weg zu Gott wieder zu finden. Es beginnt eigentlich immer damit, dass Vertrauen wächst; dann können sich die Menschen oft auch wieder für Christus öffnen.
Mich interessiert: Ist Kirche bei euch eher „Ort der Begegnung“ oder eher „Netzwerk“?
Stefan
Eine schwierige Frage! Ich meine, beides trifft zu, wobei – der Ort spielt schon die größere Rolle. Unsere beiden Kirchen Christkönig und Sankt Franziskus, Pfarrheim und Begegnungszentrum, Hort und Kindergärten, das Zentrale Pfarrbüro – das sind alles feste Strukturen. Die geben uns den notwendigen Halt und daraus ergibt sich dann auch ein Netzwerk an Beziehungen. Doch wir merken sehr deutlich: Viele kommen nicht mehr automatisch, andere bleiben gleich ganz weg.
Ich denke: Wir müssen uns als Kirche auf den Weg machen: Türen auf, raus aus den Mauern und hin zu den Leuten.
Geht das in einem so fremden Land mit völlig fremder Kultur so einfach – Türen auf und raus zu den Menschen?

Edgar
Es ist immer ein Kulturschock, wenn man in ein so ganz anderes Land zieht. Die Art zu kommunizieren ist anders, Verabredungen werden oft im letzten Moment noch geändert, man gibt sich nicht die Hand, sondern verneigt sich. Die Sprachbarriere ist hoch, man muss immer neu Wege finden, sich verständlich zu machen. Das ist schon an sich eine große Aufgabe.

Es gibt aber auch eine körperliche Erschöpfung durch den enormen Arbeitsdruck. Korea ist ein Land, das sich über einen sehr hohen Leistungsdruck definiert, und das ist insgesamt ungut und ungesund. Da gibt es auch sehr traurige Statistiken: Südkorea ist weltweit führend bei den Suiziden von jungen Leuten zwischen 14 und 24 Jahren. Mobbing ist ebenso ein großes Thema.
Und dazu kommt oft das Gefühl: Ich gehöre nirgends ganz dazu. Und wir kommen dann mit unseren christlichen Angeboten: Da zu sein, zu den Menschen zu fahren, auszuhalten was ist.
Ich möchte noch kurz erwähnen, dass Korea ein Land ist, in dem noch viel stärker als in Deutschland die Schere zwischen arm und reich auseinandergeht.

Das Rentensystem ist kaputt. Viele Menschen sind bitterarm, aber aus kulturellen Gründen dürfen sie das nicht zeigen, denn wer arm ist, hat sein Gesicht verloren, seine Stellung in der Gesellschaft. Erst recht wenn er obdachlos ist. Die Katholische Kirche hat alleine in Seoul sieben große Essensausgabestellen, zu denen tausende von Menschen täglich kommen, die sich das Essen sonst einfach nicht mehr leisten können.
Und auch zu uns kommen Menschen, die sehr wenig Geld haben und Hilfe brauchen.
Sag mir: Erlebst du auch, dass Menschen Kirche gerade dann suchen, wenn es für sie in ihrem Leben dunkel wird?
Stefan
Ja, ganz eindeutig.
Wenn alles läuft, braucht uns scheinbar niemand.
Aber wenn das Leben ein- oder gar zusammenbricht, dann kommen Menschen: nach einer Krise, wenn eine Beerdigung ansteht, oder auch so zum Gespräch.
Dann wird Kirche wieder zu dem, was sie im Evangelium ist: Licht im Dunkeln.
Das bringt mich zum Diakonat. Wir sind doch beide Diakone! Was bedeutet es, Diakon in Korea zu sein?

Edgar
Für mich heißt Diakonat: die Not sehen und da sein, bevor jemand eine Lösung erwartet. Und dann zuhören, aushalten, begleiten.
Nicht alles erklären, nicht alles reparieren, sondern Zeichen der Hoffnung setzen. Das Gefühl vermitteln: Du bist nicht allein.
Wie siehst du das?
Stefan
Ich erlebe den Diakonat als Brücke.
Zwischen Kirche und Alltag und zwischen Kirche und Beruf, aber auch zwischen Liturgie und Lebensrealität.
Wir Diakone stehen mitten unter den Menschen – bei den Armen, den Kranken, den Trauernden, den Fragenden.
Wenn wir noch einmal auf das Evangelium schauen: Was heißt dieses Licht für deine Gemeinde heute?
Edgar
Das Licht „Kirche“ ist kein Scheinwerfer. Denn ein Scheinwerfer kann ganz schön blenden. Es ist eher wie eine Kerze: klein, mit warmem Licht. Manchmal geht sie aus, aber dann wird sie wieder neu angezündet. Oder es wird eine zweite Kerze hinzugestellt. Und Menschen passen auf das Licht auf.

Zum Beispiel treffen sich einmal im Monat junge Leute bei uns zum gemeinsamen Kochen und Mittagessen. Ich hab eine Jugendbeauftragte, eine deutsche Studentin, die Ansprechpartnerin und Koordinatorin für die Jugendarbeit ist. Und zu diesen Terminen kommen junge Studierende, die zuweilen überfordert sind mit ihrer Einsamkeit und dem Lärm und der Hektik der Millionenstadt, und können einfach da sein, Gleichaltrige kennenlernen, gut essen, Veranstaltungen planen.
Ich hab meine Gemeinde definiert als Oase, als einen Platz, an dem man nichts leisten muss, einfach da sein kann. Denn dann gibt es auch die Möglichkeit der Gotteserfahrung, der Gottesbegegnung.
Und du? Was würdest du deiner Gemeinde heute mitgeben?
Stefan
Vielleicht das:
Ob Pfarreiengemeinschaft oder kleine Auslandsgemeinde, ob Kontinuität oder ständiger Wechsel: unser aller Auftrag ist immer derselbe: Licht zu sein für Menschen im Dunkeln. Doch dieses Licht bringen wir nicht aus eigener Kraft. Es ist Christus selbst, der durch unseren Dienst sichtbar wird, als Diakone, aber genauso auch in den vielen Frauen und Männer, die sich in unserer Gemeinschaft engagieren.
Denke doch nochmal an den Psalm 16, den wir vorhin gehört haben: Da heißt es, „Du führst mich den Weg zum Leben.“ Das ist doch genau das, was wir erreichen wollen – ganz unabhängig von der Aufgabe, die jemand in der Gemeinde hat: Jesus Christus sichtbar machen und durch ihn die Menschen zum Licht und zum Leben zu führen. Darauf kommt es an.

Edgar
Ja, genau. Das Volk, das im Dunkel saß, hat ein Licht gesehen, sagt das Evangelium. Das Licht führt zum Leben bei Gott, in Korea und in Deutschland.
Und zwar überall dort, wo Menschen Kirche erfahren als Nähe, als Hoffnung, als gelebte Liebe.
Amen.