Echo auf Itaewon

Predigt am 06.11.2022: Echo auf Itaewon

Eine brennende Kerze. Und daneben einige Teelichter, die noch angezündet
werden wollen. Das ist ein Foto unseres ökumenischen Gedenk- und
Trauergottesdienstes an Allerseelen. Nur ein paar Tage nach dem Unglück von
Itaewon, bei dem in einer Massenpanik mindestens 154 zum großen Teil junge
Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, ums Leben gekommen sind. Viele
Menschen sind betroffen. Angehörige hier in Korea und weltweit – schließlich
kommen einige der Verstorbenen aus anderen Ländern, auch aus Europa. Dazu
kommen die vielen Verletzten und außerdem die, die zwar körperlich
unverletzt sind, aber seelisch tiefe Wunden erlitten haben. Pfarrerin Mi-Hwa
Kong von der Evangelischen Gemeinde und ich kümmern uns um
deutschsprachige Betroffene, die mitten drin waren. Es ist ein für uns
selbstverständliches Angebot, hier präsent zu sein. Die letzten Tage haben wir
viele Gespräche in diesem Kontext geführt.
Zu diesem Angebot gab es nicht nur Zustimmung. Mir wurde zum Beispiel
gesagt: Wenn die nicht zur deutschsprachigen katholischen Gemeinde gehören,
dann muss man sich auch nicht kümmern. Solche Infragestellung macht mich
sehr nachdenklich. Was ist denn das eigentlich, die Gemeinde? Wenn wir uns
hier nur auf die Menschen fokussieren würden, die am Sonntag zum
Gottesdienst kommen, dann würden wir uns Lichtjahre entfernt vom Auftrag
des Evangeliums bewegen. Der Gottesdienst ist zweifelsohne ein wichtiges
Element des Christseins. Aber er ist nur Teil einer Säule der Kirche, und von
diesen Säulen gibt es mindestens vier.
Die Säulen lauten: Liturgie – Verkündigung – Diakonia – Gemeinschaft Die
Liturgie umfasst alles, was mit Gottesdienst und Gebet zu tun hat. Angefangen
vom Morgengebet über das Tischgebet bis zum Gebet mit den eigenen
Kindern, über Wortgottesfeiern und Andachten und Prozessionen bis zur Feier
der Heiligen Messe. Wörtlich übersetzt heißt Liturgie „Aufgabe des
Volkes“ oder „Dienst des Volkes“ und ist uns allen aufgetragen.
In der Verkündigung geht es darum, Zeugnis vom eigenen Glauben zu geben.
Wir sagen gerne, dass man den Glauben weiter geben soll. Das ist in gewissem
Maße richtig, weil wir alle voneinander lernen können. Aber es ist auch richtig,
dass jede und jeder von uns eine eigene Beziehung zu Gott hat, und die kann
man nicht einfach kopieren. Alle Formen der Weitergabe eigener Glaubens-
erfahrungen sind hier gemeint, ob Religionsunterricht oder Predigt oder das
einfache Bekenntnis im Gespräch im Freundeskreis, dass man an Gott glaubt.
Die Diakonia lässt sich am besten mit „Dienst am Nächsten“ übersetzen.
Überall da, wo Menschen in irgendeiner Form in Not sind, sind wir gerufen,
ihnen zu helfen. Nun kann aber niemand von uns in jeglicher Notsituation
immer und überall allen Menschen helfen. Das ist auch nicht gemeint. Statt
dessen geht es darum, zu schauen, welche Talente man hat und wie man diese
am besten einsetzt. Ich habe zum Beispiel erfahren, dass der Malteserorden
hier in Seoul regelmäßig Essen für alte Menschen kocht und ausliefert. Wer
also kochen oder Autofahren kann, könnte sich ja zum Beispiel dort melden.
Und wer sich auf Krisenintervention und Notfallseelsorge versteht, sollte das
auch tun, was er oder sie da gelernt hat.
Und schließlich die Säule der Gemeinschaft. Eigentlich heißt das Wort Koinonia,
und das bedeutet u.a. „Gemeinschaft mit Christus“. Es ist eine Säule des
Christentums, die ganz viel mit den anderen Säulen zu tun hat: In der Liturgie
gemeinsam feiern, dass Christus in unserer Mitte ist; in der Verkündigung
Worte aus dem Evangelium lebendig werden lassen und andere Menschen
neugierig machen, und in der Diakonia Christus direkt nachfolgen, der an den
Menschen in Not nicht vorbeigegangen, sondern hingegangen ist und zum
Wohl der Notleidenden gehandelt hat. Erst wenn wir alle vier Säulen in den
Blick nehmen und nach unseren Möglichkeiten auch lebendig werden lassen,
können wir von „Gemeinde“ sprechen. Die Deutschsprachige Katholische
Gemeinde in Südkorea mit Sitz in Seoul ist für alle Menschen da, die sich in der
deutschen Sprache ein wenig wohl fühlen und einen Draht zur Kirche haben.
Und für alle, die Hilfe benötigen. Unabhängig vom Taufschein und von der
Anwesenheit beim Gottesdienst. Egal, ob sie in Seoul wohnen oder in Busan.
Wir sollten gemeinsam in den Blick nehmen, was Nachfolge Christi bedeutet.
Uns dieser Frage immer wieder stellen. Und das, was wir unter der Woche in
seinem Namen getan haben, am Sonntag in den Gottesdienst mitbringen und
in Gedanken vor den Altar legen. Oder auf den Altar.
Denn dort sind alle unsere Anliegen am besten aufgehoben.
Amen.

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