Predigt an Allerseelen 02.11.2025
Liebe Schwestern und Brüder,
Allerseelen ist ein stiller Tag. Ein Tag, der uns tief berührt. Während draußen das Leben weitergeht – der Verkehr, die Arbeit, die Hektik, vielleicht sogar ein großes Ereignis irgendwo in der Stadt – halten wir inne. Wir werden still und geben unseren Erinnerungen Raum.
Das Wort Erinnerung ist dabei besonders kostbar. In ihm steckt das Wort innen. Erinnern heißt: Es geht um das, was in unserem Inneren lebt. Nicht nur um das, was wir nach außen zeigen, sondern um das, was uns tief bewegt, was wir fühlen und bewahren.
Wir denken an Menschen, die uns nahe waren: an Eltern und Geschwister, an Freundinnen und Freunde, an Kolleginnen und Kollegen. Mit diesen Erinnerungen kommen viele Gefühle: Dankbarkeit und Liebe, Sehnsucht und Schmerz, Trauer und manchmal auch ein stiller Friede.
Allerseelen ist der Tag, an dem wir uns das besonders erlauben dürfen. Eigentlich dürfen wir das das ganze Jahr über – aber heute nehmen wir uns bewusst Zeit dafür. Wir dürfen uns eingestehen: Wir sind Menschen. Und Menschsein heißt, verbunden zu sein. Verbunden miteinander – und im Glauben auch mit Gott.
Religion führt uns in dieser Verbundenheit zusammen. Das lateinische Wort religare bedeutet: zurückbinden. Religion heißt also: sich rückbinden an den Ursprung, an den Halt, an Gott. Gerade wenn der Boden unter unseren Füßen wankt, brauchen wir diese Rückbindung. Sie erinnert uns daran, dass das Leben größer ist als das, was wir sehen und verstehen.
Wenn wir trauern, spüren wir unsere Grenzen. Wir können nicht alles erklären, nicht alles heilen, nicht alles festhalten. Aber wir können glauben. Glauben, dass es einen Gott gibt, der hält, was wir loslassen müssen.
Der Prophet Jesaja beschreibt diese Hoffnung mit einem starken Bild:
Gott wird den Tod für immer verschlingen. Er wird die Tränen von jedem Gesicht abwischen.
Ein tröstliches Bild: Gott selbst wischt die Tränen ab. Kein Engel, kein ferner Bote, kein anderer Mensch – Gott selbst. Das bedeutet: Gott sieht unsere Trauer. Er sieht auch die Tränen, die wir vielleicht nur im Verborgenen weinen. Er lässt uns damit nicht allein. Er verwandelt unsere Trauer nicht in billige Fröhlichkeit, sondern in eine neue Hoffnung.
Denn der Tod ist nicht das Letzte. Das Letzte ist das Leben – das Leben, das Gott schenkt.
Auch das Evangelium erzählt von dieser Hoffnung. Jesus begegnet im Dorf Nain einem Trauerzug. Eine Witwe hat ihren einzigen Sohn verloren. Und es heißt: Als der Herr sie sah, hatte er Mitleid mit ihr. Jesus sieht ihr Leid – und es berührt ihn. Er geht auf sie zu, spricht sie an, berührt den Sarg. Und das Unfassbare geschieht: Der junge Mann lebt.
Diese Geschichte ist keine billige Vertröstung. Sie zeigt: Jesus geht am Leid nicht vorbei. Er geht hinein in die Not des Menschen – und dort, wo er ist, wächst neues Leben.
Das geschieht auch heute. Vielleicht nicht in spektakulären Wundern, aber in stillen Zeichen: in einem tröstenden Wort, in einem Gebet, in einem Menschen, der einfach da ist.
Liebe Schwestern und Brüder,
manchmal fällt uns der Glaube schwer. Vielleicht fragen sich manche: Ist das wirklich wahr? Sind unsere Verstorbenen wirklich bei Gott?
Dann ist es gut zu wissen: Glaube ist keine Einzelleistung. Die Gemeinschaft der Kirche trägt uns – auch dann, wenn unser eigener Glaube schwach wird. So wie die Menschen den Trauerzug in Nain begleitet haben, so begleitet uns die Gemeinschaft der Glaubenden.
Gemeinschaft heißt: Ich darf schwach sein, wenn andere stark sind. Ich darf hoffen, wenn andere glauben. Ich darf getragen werden, wenn meine eigenen Schritte müde werden.
Ein anderes Wort, das mit Religion verbunden ist, heißt relegere. Es bedeutet: immer wieder lesen, immer wieder bedenken, immer wieder neu anschauen. Genau das tun wir, wenn wir beten, wenn wir die Bibel lesen, wenn wir uns erinnern. Wir holen die Verheißung Gottes immer wieder neu in unser Herz. Wir betrachten das Leben im Licht des Glaubens – und entdecken: Auch im Dunkel bleibt ein Funken Hoffnung.
Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt:
Die Auferstehung Christi macht offenbar, dass wir Zukunft haben. Leiden und Tod verlieren dadurch nichts von ihrer Bitterkeit, aber sie erscheinen in einem neuen Licht.
In diesem Licht dürfen wir heute unsere Verstorbenen sehen – und auch unser eigenes Leben.
Nehmen wir uns heute Zeit: Zeit zum Erinnern. Zeit zum Beten. Vielleicht auch Zeit zum Weinen. Aber lassen wir zugleich das Licht des Glaubens in uns leuchten.
Denn wir dürfen darauf vertrauen: Unsere Verstorbenen sind in Gottes Händen geborgen. Und auch wir sind es – heute und morgen und in Ewigkeit.
Amen.