Barmherzigkeit statt Hass

Predigt am 30.03.2025 Barmherzigkeit statt Hass

Liebe Schwestern und Brüder,

so ein langes Evangelium – und in diesem langen Text steckt unglaublich viel. Im Laufe meines Lebens, und inzwischen liegen einige Jahrzehnte hinter mir, ist mir dieses Gleichnis immer wieder neu erschlossen worden.

Als ich Jugendlicher war, hat man mir erklärt: Das ist eigentlich ganz einfach. Der Text hat eine Überschrift, und die lautet: das Gleichnis vom verlorenen Sohn. So stand es auch im Religionsunterricht, so wurde es verstanden und vermittelt. Und ich hatte damals schon das Gefühl: Das ist irgendwie sehr einseitig. Aber so wurde es gesagt, also habe ich es zunächst einmal so angenommen.

Etwa zehn Jahre später hatte sich die Perspektive verändert. Während meines Studiums wurde mir erklärt: Es ist viel zu einseitig, nur vom verlorenen Sohn zu sprechen. Eigentlich geht es um den barmherzigen Vater, um die Sicht auf Gott, um seine Barmherzigkeit. Und tatsächlich fand sich diese Deutung überall – in theologischer Literatur, in Predigten, in der Religionspädagogik. Das Gleichnis wurde nun das Gleichnis vom barmherzigen Vater genannt.

Doch auch diese Sicht blieb nicht die letzte. Einige Jahre später kam ein weiterer Schwerpunkt hinzu. Man fragte: Was ist eigentlich mit dem älteren Bruder? Er kommt oft kaum vor, fällt irgendwie hinten herunter. Dabei ist seine Reaktion doch sehr menschlich. Er bleibt beim Vater, arbeitet treu, hält sich an die Regeln – und dann erlebt er, dass der jüngere Bruder, der alles verspielt hat, mit einem Fest empfangen wird. Sein Ärger, seine Enttäuschung und sein Gefühl, übersehen zu werden, gehören ebenfalls zu diesem Gleichnis.

Im Laufe der Jahre habe ich gemerkt: Es ist nicht gut, wenn man sich vorschreiben lässt, wie man eine Bibelstelle zu sehen hat. Wichtiger ist, sich selbst zu fragen: Wo stehe ich? Welcher Satz, welches Wort spricht mich an? Was berührt mich? Was stößt mich vielleicht sogar ab? Was hilft meinem Glauben weiter?

Ein Impuls durch eine Predigt kann helfen, einen neuen Zugang zu finden. Aber letztlich dürfen und sollen wir aushalten, dass ein und derselbe biblische Text unterschiedliche Zugänge und Perspektiven hat. Gott spricht durch sein Wort zu jedem Menschen persönlich. Auch wenn wir denselben Text hören – vielleicht sogar in verschiedenen Sprachen –, gilt: Gott meint dich. Es geht um deinen Weg zu ihm.

Gestern habe ich mich gefragt: Was ist für mich heute der Impuls dieses Gleichnisses? Was spricht in unsere Zeit hinein? Was berührt unsere Situation, unser Leben, unsere Gemeinde?

Dabei kam mir ein Thema in den Sinn, mit dem ich mich sehr schwer tue: das Thema Hass.

Weltweit nimmt der Hass zu. Die sozialen Medien und die Möglichkeiten des Internets verstärken das noch. Anonym kann man andere angreifen, verletzen, bloßstellen – und man weiß, dass man sie damit trifft. Warum denke ich bei diesem Gleichnis an dieses Phänomen?

Weil ich den Eindruck habe, dass das Unverständnis für das Leben anderer immer stärker wird. Wenn jemand anders lebt als ich, anders denkt, andere Entscheidungen trifft, dann wird das schnell abgelehnt. Es entsteht die Haltung: Nur ich weiß, wie das Leben richtig geht. Nur ich weiß, welche politische Meinung richtig ist. Nur ich weiß, wie man glauben muss. Und wenn jemand anders denkt oder lebt, dann kann das ja nicht richtig sein.

Diese Haltung trennt uns. Sie spaltet Familien, Gesellschaften, ja ganze Länder. Und ich glaube, dass das ein weltweites Phänomen ist.

Im Gleichnis sehen wir Entscheidungen, die man durchaus kritisieren könnte. Der jüngere Sohn verschwendet sein Erbe, lebt verantwortungslos und kehrt schließlich gescheitert zurück. Und doch wird er vom Vater aufgenommen. Barmherzigkeit.

Aber auch der ältere Bruder steht vor einer Entscheidung. Sein Ärger ist verständlich. Er fühlt sich ungerecht behandelt. Und aus dieser Verletzung heraus hätte auch Hass entstehen können.

Genau hier liegt für mich der entscheidende Punkt: Wie gehen wir mit den Entscheidungen anderer um, die wir für falsch halten? Wie reagieren wir, wenn Menschen anders leben, anders glauben, anders denken?

Das Gleichnis lädt uns ein, nicht in Ablehnung oder Hass zu verfallen, sondern barmherzig zu bleiben. Der Vater sagt zum älteren Sohn: „Alles, was mein ist, ist auch dein.“ Theologisch können wir das so verstehen: Es geht um das Reich Gottes. Gott lädt uns ein, nach seinen Maßstäben zu leben, an seinem Reich mitzuwirken. Wir gehören dazu.

Und zugleich gilt: Auch diejenigen, die sich entfernt haben, sind eingeladen umzukehren. Der Vater geht dem jüngeren Sohn entgegen. Er wartet nicht nur – er kommt ihm entgegen.

Dieses Gleichnis ist reich an Facetten. Man könnte noch lange darüber sprechen, viele Einzelheiten betrachten und vertiefen. Aber entscheidend ist: Jeder und jede von uns ist eingeladen, persönlich hinzuhören.

Was spricht mich an?
Was fordert mich heraus?
Was bedeutet das für mein Leben und meinen Glauben?

Und vor allem: Wie kann ich dazu beitragen, dass in dieser Welt weniger Hass und mehr Barmherzigkeit wächst? Wie kann ich mithelfen, dass Gottes Reich größer wird, spürbarer wird – und dass immer mehr Menschen erfahren: Sie gehören dazu.

Amen.

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