Predigt am 23.03.2025
Liebe Schwestern und Brüder,
es gibt eine weit verbreitete Illusion, nämlich die, dass der Glaube früher leichter gewesen wäre. Dass es in den Zeiten der großen Propheten, zur Zeit des Mose oder auch in der unmittelbaren Begegnung mit Jesus kaum Zweifel gegeben haben könne, weil das eine so intensive Zeit gewesen sei. Und spätestens dort, wo Jesus direkt erfahrbar war, da – so denken wir – muss es doch leichter gewesen sein als heute, 2000 Jahre später, wo wir so viel Abstand haben, so wenig wissen, so wenig spüren und uns immer wieder schwertun.
Aber das ist ein Trugschluss. Die Menschen damals, die Jesus begegnet sind, haben ihn mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört – und doch haben viele von ihnen ihn für einen Betrüger gehalten. Die Propheten haben mit großer Leidenschaft gepredigt, und trotzdem haben sich viele kopfschüttelnd abgewendet. Die Unmittelbarkeit einer Erfahrung bedeutet also nicht automatisch ihre Erkenntnis.
Ein Beispiel dafür ist die Gottesbegegnung des Mose, von der wir in der ersten Lesung aus dem Buch Exodus gehört haben. Der brennende Dornbusch ist zunächst einmal ein Bild. Ich habe gestern mit den Firmlingen zu diesem Thema gearbeitet, und wir haben festgestellt, dass es in der Bibel immer wieder Bilder gibt, die uns helfen sollen zu verstehen, was so schwer zu begreifen ist. Denken wir etwa an die Taube bei der Taufe Jesu: Der Heilige Geist kam auf ihn herab, und die Menschen haben versucht, das in ein Bild zu fassen, um es sich vorstellen zu können.
Auch der brennende Dornbusch ist ein Dornbusch, der nicht verbrennt. Es geht also nicht um ein gewöhnliches Feuer, das nach einiger Zeit wieder erlischt. Der brennende Dornbusch ist keine theatralische Inszenierung göttlicher Macht, sondern ein theologisches Bild – ein Versuch, das Unbegreifliche in Worte zu fassen. Es geht nicht um ein spektakuläres Naturschauspiel, sondern um das Wesen Gottes: ein Feuer, das nicht verbrennt, ein Dasein, das nicht vergeht, ein Hinweis auf die Ewigkeit Gottes.
Zu diesen Fragen sind ganze Bibliotheken geschrieben worden. Theologinnen und Theologen haben immer wieder darum gerungen, wie man Gott verstehen und den Menschen näherbringen kann. Dietrich Bonhoeffer zum Beispiel sprach von Gott als dem „ganz Anderen“. Das macht es zugleich leichter und schwerer. Wenn Gott der ganz Andere ist, dann können wir ihn eigentlich gar nicht verstehen. Wenn er aber zugleich der Gott ist, der uns nahe ist, der seinen Sohn gesandt hat, der Mensch geworden ist und uns erlöst hat, dann kann er nicht nur ganz anders sein. Man merkt: Es ist ein ständiges Ringen um Erkenntnis, um Worte, um Annäherung an Gott.
Ein anderer Theologe, Rudolf Otto, hat dieses Erleben Gottes mit dem Ausdruck beschrieben: mysterium tremendum et fascinans – ein Geheimnis, das erschreckt und zugleich anzieht. Tremendum: Es lässt mich erzittern. Fascinans: Es fasziniert mich, zieht mich an. Beides gehört zusammen. Und genau das erleben wir auch, wenn wir uns mit Gott beschäftigen: das Erschreckende und das Anziehende zugleich.
Auch Mose erfährt diese Spannung. Die Begegnung mit Gott löst Furcht und Anziehung aus. Diese Gegenwart Gottes lässt sich nicht objektivieren, nicht wissenschaftlich festhalten, nicht analysieren und damit für alle Zeiten erklären. Das Nachdenken über Gott muss immer wieder neu geschehen. Es braucht Zeit, Energie, ein offenes Ohr und ein offenes Herz.
Denn wenn wir damals neben Mose gestanden hätten – hätten wir das Gleiche wahrgenommen? Oder hätte Gott sich uns vielleicht in einem anderen Bild gezeigt? Oder denken wir an die Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor: Hätten wir verstanden, was dort geschieht? Ich glaube eher nicht.
Das Heilige erschließt sich nicht einfach dadurch, dass man dabei ist, sondern durch ein Herz, das bereit ist zu hören.
Deshalb ist es wichtig, dass wir uns bewusst machen: In allen Religionen gibt es heilige Orte und heilige Momente. Das Betreten einer Kirche, das Feiern eines Gottesdienstes, das Geschehen am Altar, das Hören auf das Wort Gottes – all das ist nicht automatisch für jeden als heilig erfahrbar. Ich muss etwas darüber wissen. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns mit unserem Glauben beschäftigen, dass wir lernen und verstehen wollen. Und zugleich muss ich bereit sein, mich darauf einzulassen.
Denn Gott zwingt sich niemandem auf. Er liefert keine Beweise, die jeden Zweifel ausschließen. Das bedeutet auch: Zweifel gehört zum Glauben. Es gibt keinen Glauben ohne Zweifel.
Ein dritter großer Theologe, Karl Rahner, hat Gott einmal so beschrieben: als den „verborgen gegenwärtigen Gott“. Ein verborgen gegenwärtiger Gott. Das lässt sich nicht einfach auflösen. Wie kann Gott zugleich verborgen und gegenwärtig sein? Und doch beschreibt es genau unsere Erfahrung: Wir glauben, dass Gott da ist – und gleichzeitig entzieht er sich unserem Zugriff. Manchmal würden wir ihn gerne vor uns haben und sagen: Erklär mir die Welt, erklär mir, warum alles so ist, wie es ist. Aber Gott bleibt verborgen und gegenwärtig zugleich.
Der Glaube war nie eine Frage der Beweisbarkeit. Er war immer eine Frage der Offenheit und der Suche. Das gilt für uns alle. Für die Kinder, die bald getauft werden. Für die Firmlinge, die sich auf die Firmung vorbereiten. Und für uns alle, die wir gleich in der Eucharistie die Begegnung mit Christus feiern – eine Begegnung, die sich nicht allein mit dem Verstand erschließt.
Wo suchen wir Gott heute? Wenn wir darauf warten, dass irgendwo ein Dornbusch brennt, werden wir ihn wahrscheinlich nicht finden. Wenn wir aber die Augen öffnen für das Heilige im Alltag – in der Wärme einer Begegnung, in der Verlässlichkeit eines Menschen, in der Sehnsucht nach Gerechtigkeit –, dann kann sich uns etwas von jenem Licht erschließen, das Mose gesehen hat.
Gott ist nicht nur der Gott der Vergangenheit oder der Zukunft. Er ist der Gott, der da ist. Er stellt sich Mose vor mit den Worten: „Ich bin, der ich bin“ – oder: „Ich bin da.“ Die entscheidende Frage ist also nicht, ob Gott sich zeigt, sondern ob wir bereit sind, ihn zu erkennen.
Amen.