Pferd und Gras

Predigt am 30. Sonntag iJ C 23.10.2022 Lk 18 9-14

In der Grundschule. Kunstunterricht. Alle Kinder malen. Nur Tobias hat ein leeres
Blatt vor sich.
Lehrerin fragt ihn: Was hast du denn die ganze Zeit gemacht?
Tobias sagt: ich hab gemalt. Hier schau mal!
Die Lehrerin schaut das Papier an.
Das Papier ist leer.
Hm, was ist denn das?
Tobias: ein schwarzes Pferd, das grünes Gras frisst.
Ok, sagt die Lehrerin, aber wo ist das Gras?
Tobias: Das hat das Pferd schon weggefressen.
L: Ok, aber wo ist das Pferd?
Das war satt und ist weggelaufen.

Hat das Kind die Aufgabe erfüllt?
Man könnte sagen: Das Kind hat viel Fantasie und ist ziemlich kreativ.
Oder : es ist ziemlich faul, findet aber tolle Ausreden.
In jedem Fall hat dieses Kind etwas vor Augen, das die Lehrerin nicht sieht. Denn das
Papier ist ja leer.
Dadurch, dass das Kind dem leeren Papier eine Deutung gibt, haben auch wir eine
Idee, ja sogar ein Bild von diesem schwarzen Pferd und dem grünen Gras vor Augen.
Das Kind sieht etwas, das gar nicht da ist.
Und wir sind in der Gefahr, uns ein wenig überheblich zu fühlen über das Kind, das
anscheinend so ganz und gar nicht der Aufgabe gerecht geworden ist.
Dabei haben wir doch jetzt auch ein Bild vor Augen vom Pferd und vom Gras.
Vielleicht sehen wir sogar, wie das Pferd aus dem Bild davon reitet.
Wir machen uns ein Bild von etwas, was wir gar nicht sehen oder beurteilen können.
Im heutigen Evangelium passiert das auch. Der Pharisäer macht sich ein Bild vom
Zöllner und fühlt sich erhaben über ihn. Er dankt Gott sogar dafür, anders zu sein als
der Zöllner. Der Pharisäer meint, alles über diesen Zöllner zu wissen.
Dabei ist der Zöllner ganz still und zurückhaltend und sich seiner Schuld bewusst!
Und Jesus spricht ja die Leute an, die sich als gerecht empfinden und andere
überheblich runter machen.
Sein Urteil ist klar:
Wer sich selbst erhöht, der wird nicht da oben bleiben. Er wird fallen und erniedrigt
werden. Gott weist solches Verhalten strikt zurück und stellt sich an die Seite der
Erniedrigten.
Das gilt in unserem Alltag auch für alle, die zum Beispiel andere mobben.
Oder sich als was Besseres empfinden, weil sie mehr Geld haben. Oder weil sie keine
Behinderung haben. Oder weil sie mehr Lebenserfahrung haben.
Wir alle machen uns Bilder.
Auch Bilder von anderen Menschen. Das gehört zum Leben dazu.
Jesus ruft uns heute auf, nicht überheblich zu sein und nichts in andere Menschen
hinein zu interpretieren, was wir gar nicht wissen können.
Und schon gar nicht so zu beten, wie das der Pharisäer tut.
Amen.

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