Das Luxuswunder

01.05.2009 Predigt zu Joh 2,1–12

Ein Luxuswunder. So hat man das Ereignis genannt, von dem wir soeben gehört haben: Jesu Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana. Wenn wir sonst von den Wundern hören, die Jesus tat, dann handelt es sich ja immer darum, Menschen aus tiefem seelischen oder körperlichem Leiden, ja sogar vom Tod selbst zu befreien. Aber in Kana war ja von Not nicht die Rede. Das Problem mit dem Wein, der fehlte, musste man doch wohl als ein Scheinproblem betrachten. Da kann man sich darüber wundern, dass Gott es für notwendig erachten sollte, hier einzugreifen.

Machen wir uns klar: Gott hatte sich entschlossen, seinen Sohn auf unsere Erde zu schicken, um uns von der Sünde und vom Tod zu erlösen.

Er wollte uns damit eine völlig neue Wirklichkeit eröffnen – Jesus nannte diese Wirklichkeit das  das Reich Gottes. Und dann geht Jesus hin und tut als seine erste göttliche Handlung auf einer angeheiterten Hochzeit etwas, was der Nummer eines Zauberkünstlers glich, was dann die ohnehin schon ausgelassene Stimmung noch steigerte – kann man es da jemanden verdenken, wenn er meint, das sei ehrlich gesagt dummes Zeug? Was hat das mit den Wundern Jesu zu tu?

Aber so dachte jedenfalls der Evangelist Johannes nicht. Er behauptete ganz im Gegenteil, dass dies das erste Zeichen war, das die Herrlichkeit Jesu, seine einzigartige Bestimmung offenbarte!

Das erste Zeichen, wer Jesus war, war nur scheinbar ein verblüffender Zaubertrick, ein gesellschaftlicher Spaß. Scheinbar deswegen, weil tatsächlich ja doch Gott im Spiel war.

Scheinbar, weil die Leute damals nicht viel nachgedacht haben, sondern einfach weiter gefeiert haben.

Aber dieses Zeichen, dieses Luxuswunder Jesu bedeutete etwas ganz und gar Entscheidendes, nämlich: Verwandlung ist möglich. Im Größten wie im Kleinsten. Verwandlung von gewöhnlichem Wasser in edlen Wein.

Verwandlung des ordinären, engen, selbstgenügsamen Menschenlebens in ein Leben, das vom Geist Gottes durchglüht ist.

Verwandlung der alten, kranken und müden Welt in einen neuen Himmel und eine neue Erde.

In allen Fällen geht es um ein und dieselbe Geste von Seiten Gottes, es geht um einen Hauch der Erneuerung in eine Welt des Elends.

Es begann in Kana, es galt durch die Jahrhunderte überall, wo Jesus sich zeigte, und es gilt heute, dort wo er bestimmen kann: Dort geschieht die Verwandlung. Und wir mögen es angemessen finden oder nicht, die Verwandlung hört nicht beim rein Geistigen oder Seelischen auf, sie verbreitet sich auch in der materiellen Welt.

Es liegt an Jesus, die Verwandlung zu vollbringen – und es liegt an uns, sie auch zu sehen. Wenn an unserem Weg Krüge mit Wasser stehen, und wir gerne mehr wollen, wenn wir sein Wirken erfahren wollen – was kann uns daran hindern, Jesus zu bitten, aktiv zu werden?

Was kann uns daran hindern, anderen Menschen von der Botschaft Jesu, der Botschaft des Lebens in Fülle zu erzählen? Und dadurch diesen Menschen zu helfen, ihr Leben neu zu entdecken,  zu entdecken, dass sie in Jesus Christus verwandelt werden, zu entdecken, dass ihre Lebenskrüge statt mit alltäglichem Wasser tatsächlich mit Wein gefüllt sind?

Es ist ein Luxus, statt Wasser Wein zu trinken. Vielleicht manchmal ein etwas überflüssiger Luxus. Aber das ist nur unsere menschliche Sicht. Gottes Überfluss ist von der Art, dass er sich mit unseren Maßstäben für groß und klein, für wesentlich und unwesentlich, für angemessen und unangemessen nicht messen lässt. Es ist das Wesen der Verwandlung, nicht nur Not und Trauer zu lindern, sondern auch die Freude zu vergrößern, ja sogar die Freude zu krönen, die bereits groß ist – so wie es das Zeichen bei der Hochzeit von Kana zum Ausdruck bringt.

Ich wundere mich immer wieder darüber, dass das Christentum so sehr missverstanden wird, wie das oft der Fall ist. Wie oft trifft man nicht unter Leuten – und nicht zuletzt in den Medien – auf banale und tief unwissende Äußerungen über das angeblich unterdrückende und alle Freude zerstörende Wesen des Christentums. Wie kann man nur Jesus so sehr in den verkehrten Hals bekommen? Ihn, der nicht nur Wasser in Wein verwandelte, sondern der auch unser ganzes Leben verwandelt, indem er sich selbst diesem Menschenleben hingibt, weil er im Großen wie im Kleinen an ihm teilnimmt, in den  Augenblicken des Glücks und in den Stunden der Angst und der Todesverlassenheit. Und das alles, um uns zu sagen: Gott hat euch nicht vergessen – wo immer ihr seid, im Licht oder in der Finsternis. Er ist bei euch, um eure Trauer in Freude zu verwandeln, eure Schwäche in Stärke, euer Wasser in Wein.

Und es ist ihm nicht gleichgültig, ob wir seine Gaben annehmen, ob wir unser eigenes Leben in seinem Sinn umformen lassen. Seine Bitte an uns lautet: Gebt das Leben in Fülle weiter.

Das ist nicht zu viel verlangt. Und dennoch kommt es uns unerreichbar vor. Aber das Evangelium von der Hochzeit in Kana verkündet uns den Trost, dass Gott alles und jeden verwandeln kann.

Was er euch sagt, dass tut! So sagte Maria, die Mutter Jesu, zu den Dienern auf dem Hochzeitsfest. Und das war klug gesagt. Denn wer tut, was Jesus sagt, wird erfahren, dass für ihn oder sie alles geschehen kann. Nichts braucht mehr hoffnungslos oder zum Verzweifeln zu sein.

Die Verwandlung unseres Lebens ist möglich – jederzeit, an jedem Ort. Auch jetzt und hier.

Amen

 

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