10.04.2009 Predigt an Karfreitag 2009
Die Kreuzigung war eine typische Todesstrafe im Römischen Reich – aber bei weitem nicht die einzige. Seit es Menschen gibt, haben sie sich damit beschäftigt, wie man andere umbringen kann, foltern kann, quälen kann.
Noch heute gibt es rund ein Dutzend verschiedene Arten von Todesstrafen, die weltweit angewendet werden. 2008 wurden mindestens 2500 Menschen durch staatliche Anordnung oder Gerichtsurteil hingerichtet. Die Zahl der Menschen, die ermordet wurden, ist dagegen unzählbar.
Es scheint: Viele Menschen sind sehr kreativ darin, sich auszudenken, wie sie anderen das Leben nehmen können. Und sie tun es auch. Und das zu allen Zeiten, durch alle Jahrhunderte hindurch, an allen Orten. Und sie denken sich dabei viele Varianten aus, um andere Menschen zu quälen, zu verspotten und zu verhöhnen. Vielleicht geschieht das aus einer ganz tiefen inneren Unsicherheit heraus – oder aus Neid oder Habgier.
Mord und Totschlag gibt es ja nicht erst seit Kain und Abel – die Bibel greift hier wie so oft einfach ein Motiv der Lebenswirklichkeit auf.
Man hat den Eindruck, dass es leichter fällt, sich Todesarten auszudenken, als vernünftig und liebevoll mit dem Leben umzugehen!
Mord und Totschlag unterscheiden sich letztlich von der staatlichen Todesstrafe nur dadurch, dass einmal gegen und einmal im Sinne eines konkreten Gesetzes gehandelt wird.
Der Rest bleibt sich gleich – ein Mensch wird vom Leben zum Tod gebracht.
Nun könnte man lange diskutieren, welchen Sinn die Todesstrafe hat. Das wird ja auch gemacht – es gibt so viele Befürworter wie es Gegner der Todesstrafe gibt.
Man kann sich aber auch auf die Position zurückziehen: Wenn es ein faires Gerichtsverfahren gegeben hat, und es kommt zu einem Todesurteil- na, dann ist das eben so.
Aber selbst diese Position ist kaum haltbar, da es zu fragen gilt, ob die Todesstrafe überhaupt erlaubt ist.
Außerdem finden oft gar keine richtigen Gerichtsverfahren statt vor dem Vollzug eines Todesurteils. Und viele Arten der Todesstrafen quälen den Delinquenten unnötig.
Liebe Schwestern und Brüder,
Das ist heutige Realität.
Damals, zur Zeit Jesu, war das offensichtlich nicht viel anders.
Wer die Macht hatte – und das waren die Römer – übte diese gerade im Gerichtswesen aus. Jesus Christus starb am Kreuz. Er wurde hingerichtet, er wurde vor und während seines Todes gefoltert und gequält. Das war alles ganz normal – so ging man mit verurteilten Schwerverbrechern um.
Und er wurde verurteilt, ohne dass einen fairen Prozess gegeben hätte. Denn das, was da an Beweismitteln und Zeugen vor der römischen Justiz aufgebracht wurde, ist lächerlich, widersprüchlich und verlogen.
Man kann auch nicht sagen, dass die Juden schuld am Tode Jesus seien, weil sie überhaupt nicht die Macht besaßen, jemanden zu verurteilen. Das hatten die Römer sich vorbehalten.
Und so wurde also dieser Jesus von Nazareth verurteilt und getötet, obwohl er unschuldig war.
Welchen Sinn hat dann sein Tod?
Er, der Unschuldige, muss am Kreuz sterben, verspottet, verhöhnt und gequält? Er war doch gekommen, um die Liebe Gottes zu predigen! Und er wollte den Menschen zeigen, wie man liebevoll mit dem Leben umgeht, und daher auch liebevoll mit den anderen Menschen.
Genau darum geht es ja schwerpunktmäßig im Johannes-Evangelium – immer wieder hören wir von der Liebe Gottes, die sich in Jesus Christus verwirklicht hat – eine Liebe, die wir im Handeln des Nächsten, ja schon in der Existenz des Nächsten erleben können.
Ich denke, dass es sich lohnt, da genauer hinzuschauen.
Viele Bibelstellen bleiben uns beim ersten oder zweiten Blick verschlossen. Gerade dann wenn wir den Eindruck haben, dass es gerade dieser Gott sein soll, der selbst Gewalt anwendet, der selbst Menschen zum Tod bringt, wie wir es gestern abend in der Lesung aus dem Buch Exodus gehört haben.
Wir haben aber so viele Belege in der Bibel dafür, dass es sich bei diesem Gott um einen Gott der Liebe handelt, dass wir die Bibel als Ganzes sehen müssen.
Bibel ist immer die ganz konkrete Erfahrung von Menschen, die ihr Leben im Lichte ihres Glaubens reflektieren. Und da gibt es sehr viele dunkle Erfahrungen, die mehr Schatten als Licht bringen. Streit und Gewalt, Not und Krankheit, Arbeitslosigkeit und Depression und schließlich auch der Tod dominieren immer wieder unsere Lebenserfahrung.
Die Lesung aus dem Buch Jesaja, die wir vorhin gehört haben, ist ein ganz besonderer Spiegel von diesen Erfahrungen. In diesem Text haben die Christen von Anfang an die Parallele zum Leiden Christi gesehen – eine Jahrhunderte alte Ankündigung des Leidensweges Jesu.
Und zugleich ist der Jesaja-Text ein Spiegelbild des Leidens der Menschheit, damals vor 2500 Jahren genauso wie heute.
Und in dieses ganz konkrete Leiden von ganz konkreten Menschen, das durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder erfahrbar war und ist, kam nun dieser Jesus von Nazareth mit seiner Botschaft der Liebe und des Friedens.
Aber die Leute haben das nicht verstanden. Oder sie wollten es nicht verstehen.
Bis heute tun wir uns schwer damit – und denken uns immer neue Dinge aus, mit denen wir andere quälen können – bis hin zu ihrem Tod.
In all diesem Leiden, in all diesem Schatten des Todes, der über dem Leben lag und liegt, musste eine Entscheidung getroffen werden.
Und diese Entscheidung wurde von Gott getroffen:
Er entschied, dass wir nur dann aus diesem Schatten, aus dieser Nacht des Todes herauskommen würden, wenn er selbst den Tod überwinden würde.
Also musste er selbst als Jesus Christus leiden – und damit unser Leid auf sich nehmen.
Und er musste selbst als Jesus Christus sterben – und damit unser Sterben auf sich nehmen.
Und er musste auch wieder auferstehen – und damit uns in seine Auferstehung hineinnehmen.
Liebe Schwestern und Brüder,
das Leiden und der Tod Christi haben nicht das Dunkel unseres Leidens und Sterbens aus dem Alltag verbannt. Es gehört zu unserem Leben dazu, dass wir all das erleben.
Das Leiden und der Tod Christi haben aber ein Zeichen gesetzt, dass größer gar nicht denkbar ist:
Dadurch wurde uns ein Fundament gebaut, auf dem wir unser Leben leben können. Ein Fundament unseres Glaubens, in dem wir immer wieder neu anfangen können, immer wieder neu die Liebe Gottes entdecken können, der ein Gott ist, der mit uns geht, durch die Tiefen und die Höhen unseres Lebens.
Ein Fundament, das uns so sicher stehen lässt, dass wir immer sicherer werden können – im Umgang mit dem Leben und im Umgang mit dem Tod.
Im Umgang mit unserer Unsicherheit – und auch mit den Erfahrungen von Neid und Habgier.
Der Tod Jesu Christi ist für uns die Chance, unser Leben in den tiefsten Tiefen, in den Erfahrungen von Schatten, von Nacht und Dunkelheit, zu begreifen als ein geschenktes Leben, in dem auch ein kleines Licht weiter leuchtet, weil dieses Licht uns von Christus selbst geschenkt wurde.
Machen wir uns auf den Weg zu Ostern – durch die Erfahrung von Leid und Tod hindurch. Schritt für Schritt, auf einem guten und sicheren Fundament.
Und entdecken wir dabei neu die unendliche Liebe Gottes zu uns Menschen.
Amen.