“Nichts Menschliches ist mir fremd” – das sagte vor 40 Jahren ein sehr erfahrener Seelsorger zu mir. Er meinte damit, dass wir Menschen sehr verschieden sind und auch handeln, und dass wir als Kirche mit all dem umgehen können, weil wir unterschiedlos allen das Evangelium verkünden sollen. Er half mir damals, eine klarere Sicht zu entwickeln auf christliches Denken und Handeln.
Der Spruch kommt ursprünglich von Publius Terentius Afer, meist Terenz genannt (ca. 195–159 v. Chr.). Er war ein römischer Komödiendichter. Seine klare Sicht auf das Leben brachte ihn zur Aussage: „Ich bin ein Mensch; nichts Menschliches ist mir fremd.“ (Homo sum, humani nihil a me alienum puto).
Wenn nichts Menschliches mir fremd ist, dann ist auch der fremde Mensch nicht grundsätzlich „der Andere“, sondern zunächst ein Mensch wie ich. Und das ist seit jeher ein humanistisches Ideal.
Wir denken als Christen aber nicht einfach humanistisch, sondern auf der Grundlage des Evangeliums. Wir steigern jene Aussage. Und die christliche Steigerung liegt nicht nur in der gemeinsamen Menschlichkeit, sondern in der Beziehung zu Gott. Der andere Mensch ist nicht nur wie ich, sondern von Gott gewollt und geliebt.
Wenn ich nun beides im christlichen Denken und Glauben akzeptiere, dann kann, ja dann muss ich sogar den Ausspruch “Nichts Menschliches ist mir fremd” weiterentwickeln. Indem ich jesuanisches Denken mit hineinnehme, wird er zu: “Der Fremde ist mein Nächster.” Und das ist sicher ein Kernsatz gegen eines der größten Probleme unserer Zeit, nämlich Rassismus und Fremdenhass.
Als Auslandsgemeinde haben ein ganz besonders Verhältnis dazu. Wir erfahren oft, wie es ist, fremd zu sein. Auch wir kennen Alltagsrassismus. Und gerade wir sollten uns mit klarem Verstand gegen jede Form von Ausgrenzung stellen. Das machen wir schon seit einigen Jahren, indem wir zum Beispiel eine Willkommenskultur entwickelt haben: Jeder Mensch ist willkommen und wir bemühen uns um Herzlichkeit, Brückenbau und Integration. 2025 haben wir Menschen aus 17 verschiedenen Nationen bei uns begrüßt. Dieses Jahr werden es nicht weniger werden.
Wir müssen die richtige Lesebrille aufsetzen: Der Fremde ist mein Nächster. Das liegt in unserer persönlichen Verantwortung und auch in der Verantwortung der ganzen Gemeinde.
Kommen wir damit zu einer klaren Sicht auf das, was Gott unmissverständlich von uns möchte, und handeln wir danach.