Predigt am 02.03.2025 Sehen lernen
Liebe Schwestern und Brüder,
auf das Wort Gottes zu hören, das verlangt manchmal Überwindung. Manchmal fließt es uns einfach zu. Manchmal sind wir gar nicht wirklich bereit, richtig hinzuhören. Manchmal muss man die Bibel einfach aufschlagen, und dann fällt einem etwas entgegen, das man vielleicht gar nicht erwartet hat – etwas Ungewöhnliches, das aber irgendwie doch passt.
Im heutigen Evangelium spricht Jesus in Gleichnissen. Und das Erste, was er sagt, ist: „Kann ein Blinder einen Blinden führen? Werden dann nicht beide in eine Grube fallen?“
Wenn man nichts sieht, ist man sehr eingeschränkt. Dann braucht man Hilfe. Für mich ist es ganz praktisch, dass ich eine Augenbinde wieder abnehmen kann. Aber viele Menschen können das nicht. Sie sind blind – und das hat Konsequenzen.
Kann ein Blinder einen Blinden führen?
Wenn ich jetzt Christine nach vorne bitten würde – sie ist Spezialistin auf diesem Gebiet –, dann würde sie uns sagen: Ja, das kann durchaus gehen. Ein blinder Mensch kann einen anderen führen – dann nämlich, wenn er gelernt hat, mit seiner Situation umzugehen. Wenn er eine Ausbildung hat, wenn er den Umgang mit dem weißen Stock beherrscht, wenn er seine Umwelt wahrnehmen kann, wenn er gelernt hat, wie er sich von A nach B bewegt. Dann kann er auch andere sicher führen.
Diesen Beruf der Rehabilitation für blinde und sehbehinderte Menschen gab es zur Zeit Jesu noch nicht. Wenn beide sich nicht auskennen, wenn keiner gelernt hat, damit umzugehen, dann kann es passieren, dass sie gemeinsam in die nächste Grube fallen.
Wenn wir bedenken, wie Jesus gesprochen hat, dann dürfen wir davon ausgehen, dass er hier nicht nur die körperliche Blindheit gemeint hat. Es geht auch um eine andere Form von Blindheit: blind sein im Leben, blind sein für das, was notwendig ist – oder vielleicht auch das Wegschauen und dadurch blind werden.
Ich möchte heute über eine besondere Form von Blindheit sprechen. Wenn ich auf die aktuellen Ereignisse in der Welt schaue – politische Entwicklungen, Wahlergebnisse, Entscheidungen von Regierungen –, dann habe ich manchmal den Eindruck: Da ist viel Blindheit im Spiel.
Wenn wir über Demokratie nachdenken, dann brauchen wir zuerst unseren Verstand – den Verstand, der uns geschenkt ist und den wir auch nutzen sollen. Wer diesen Verstand bewusst ignoriert oder das eigene Gewissen ausblendet, der handelt nicht nur fahrlässig, sondern aus meiner Sicht sogar verantwortungslos.
Auch die Kirche hat dazu etwas zu sagen. In der katholischen Soziallehre geht es um das Miteinander der Menschen und – auf politischer Ebene – um das Miteinander der Nationen. Zentrale Leitgedanken sind das Gemeinwohl, die Solidarität und die Gerechtigkeit.
Zunächst das Prinzip des Gemeinwohls. Politisches Handeln darf sich nicht nur an nationalen Interessen orientieren, sondern muss das Wohl aller Menschen im Blick haben. Internationale Beziehungen sollen dem Frieden dienen, der Gerechtigkeit und der Würde jedes einzelnen Menschen. Wenn wir hier wegschauen, wenn wir hier blind werden, dann verlieren wir eine entscheidende Grundlage.
Ein zweites Prinzip ist die Solidarität zwischen den Völkern. Nationen tragen Verantwortung füreinander. Papst Johannes Paul II. hat betont, dass echte Solidarität notwendig ist, um Ungleichheit, Armut und Konflikte zu überwinden. Politisches Handeln darf nicht egoistisch sein. Es geht um eine gerechtere Weltordnung – nicht darum, sie abzubauen.
Dann gibt es das Prinzip der Subsidiarität. Probleme sollen möglichst dort gelöst werden, wo sie entstehen. Man könnte auch sagen: Hilfe zur Selbsthilfe. Menschen sollen befähigt werden, ihre eigenen Probleme zu lösen, statt entmündigt zu werden.
Auf globaler Ebene bedeutet das: Wir brauchen internationale Zusammenarbeit und starke überstaatliche Institutionen, um gemeinsame Herausforderungen wie Frieden, Klimaschutz oder Migration zu bewältigen. Nationale Interessen dürfen nicht absolut gesetzt werden, wenn es um das Wohl aller geht.
Ein weiteres wichtiges Feld ist die wirtschaftliche Gerechtigkeit. Die katholische Soziallehre fordert eine Wirtschaftsordnung, die sich nicht nur am Profit orientiert, sondern an der Würde des Menschen und an fairen Lebensbedingungen.
Und schließlich das Prinzip des Friedens. Frieden hat höchste Priorität. Schon Papst Johannes XXIII. hat gesagt: Echter Friede gründet auf Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit.
Gerade bei der Wahrheit merken wir, wie wichtig sie ist. Wie viel Verdrehung, wie viel Verleumdung, wie viel Manipulation erleben wir heute? Als Christinnen und Christen sind wir gerufen, der Wahrheit zu dienen, für Gerechtigkeit einzutreten, Liebe zu leben und die Freiheit zu schützen.
Kann ein Blinder einen Blinden führen?
Diese Frage richtet sich auch an uns selbst. Wo sind wir blind? Wo schauen wir weg, obwohl wir hinschauen müssten? Wo müssten wir uns informieren, unser Gewissen schärfen, Stellung beziehen?
Das kann im persönlichen Gespräch sein, im Kollegenkreis, in der Familie, im öffentlichen Leben. Vielleicht auch dadurch, dass wir uns einsetzen für Demokratie, für Freiheit, für Gerechtigkeit.
Auch wir sind in manchen Bereichen blind. Vielleicht haben wir uns daran gewöhnt, wegzuschauen. Aber wir können lernen. Wir können unser Gewissen bilden. Wir können klarer sehen. Und dadurch können wir auch dazu beitragen, dass sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt.
Es geht um geistige Klarheit. Es geht um verantwortliche Führung. Es geht um echtes Sehen. Und es geht um Respekt.
Wo wir anfangen, entscheidet jeder und jede für sich. Aber niemand steht außerhalb dieser Verantwortung. Wir alle sind aufgerufen, unsere Blindheit abzulegen, uns weiterzubilden, einander Mut zu machen und uns einzusetzen für das, was unsere Gesellschaft trägt: Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit.
Jeder und jede nach den eigenen Möglichkeiten, nach den eigenen Talenten. Aber niemand ist außen vor.
Amen.