Predigt am 03.11.2024 Nicht verloren
Liebe Schwestern und Brüder,
der Herbst, besonders der November, ist in Europa, in Deutschland und Österreich, oft eine Zeit der Dunkelheit. Nebel, Regen, trübe Tage – der Winter kommt näher und wird immer spürbarer. Aus diesem Empfinden heraus hat man es als sehr passend empfunden, gerade im November an die Toten zu denken, an die Verstorbenen, an die Menschen, die uns vorausgegangen sind.
Aber letztlich ist das Wetter nicht entscheidend. Heute und hier sind wir zusammengekommen, um innezuhalten und voller Liebe an all jene zu denken, die wir kennenlernen durften. Menschen, die uns begleitet haben, die uns geprägt haben, die Verantwortung für uns übernommen haben – oder für die wir Verantwortung getragen haben. Menschen, die jetzt nicht mehr leiblich unter uns sind.
Unser christlicher Glaube spricht in diesem Zusammenhang vor allem von Hoffnung. Hoffnung darauf, dass diese Menschen bei Gott geborgen sind. Und ich glaube, dass wir dieses Wort „Geborgenheit“ ganz wörtlich und sehr intensiv verstehen dürfen. Es hat viel mit Vertrauen zu tun. Vertrauen, das wir in unser Gebet hineinnehmen, Vertrauen, an dem wir uns festhalten, Vertrauen auf Gottes Verheißung.
Die Bibelstellen, die wir heute gehört haben, machen es uns dabei nicht immer leicht. An einer Stelle hieß es: Man soll den Herrn fürchten. Da könnten wir zunächst denken: Muss ich Angst haben vor Gott?
Doch dieses „Fürchten“ meint etwas anderes. Es geht tiefer als unsere alltägliche Bedeutung des Wortes. Es gehört zur Wortfamilie der Ehrfurcht. Ehrfurcht bedeutet eine tiefe Achtung vor Gott – eine Achtung, die von Liebe getragen ist.
Den Herrn zu fürchten heißt also, Gott als den Liebenden zu erkennen. Als den, der uns in jeder Situation treu bleibt. Als den, der uns begleitet durch Höhen und Tiefen unseres Lebens.
Die Furcht des Herrn ist keine beklemmende Angst. Sie ist ein Aufmerken auf seine Gegenwart. Und diese Gegenwart ist immer voller Güte und voller Liebe. Wir haben Ehrfurcht vor Gott, weil wir seine Heiligkeit spüren, seine Größe, seine Macht – aber diese Macht ist immer auf unser Heil ausgerichtet, auf unser Leben. Oder wie es im Johannesevangelium heißt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“
Aus dieser Ehrfurcht wächst Hoffnung. Wenn wir Gottes Liebe und Fürsorge erkennen, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass auch unsere Verstorbenen in dieser Liebe geborgen sind. Sie sind nicht verloren. Sie sind aufgehoben in den Armen dessen, der sie erschaffen und bedingungslos geliebt hat.
Vielleicht bekommen wir eine Ahnung von dieser Liebe Gottes, wenn wir an unsere eigene Liebe denken – zu Menschen, die uns wichtig sind. Und wenn wir uns vorstellen, dass Gottes Liebe noch tiefer, noch weiter, noch umfassender ist, dann nähern wir uns dem, was es bedeutet, bei Gott geborgen zu sein.
Ein zweiter Satz aus der Lesung lautete:
„Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein.“
Das ist einer der zentralsten Sätze des jüdischen Glaubens – und damit auch ein wichtiger Satz für uns Christen. Er ist eine Einladung, unser ganzes Leben auf diesen einen Gott auszurichten. Auf den, der allein unser Vertrauen und unsere Liebe verdient.
Dieser Gott ist nicht fern. Er ist nicht unnahbar. Er ist nahe. Er schenkt uns seine Gegenwart in jeder Situation unseres Lebens. Er kennt uns – mit unseren Freuden und mit unseren Ängsten. Und so kennt er auch unsere Verstorbenen. Er nimmt sie auf in sein Licht.
Wenn wir darauf hören, auf seine Liebe und auf seine Barmherzigkeit, dann können wir auch dem Tod mit Vertrauen begegnen. Wenn Gott der Herr über Leben und Tod ist, dann dürfen wir loslassen – nicht in Gleichgültigkeit, sondern in Gelassenheit und in Hoffnung.
Denn wir vertrauen darauf, dass unsere Verstorbenen bei ihm das Leben finden. Dass sie in ihm aufgehoben und geborgen sind.
Wenn wir also heute an unsere Verstorbenen denken, dann tun wir das im Licht dieser Hoffnung. Einer Hoffnung, die kein leeres Versprechen ist, sondern tief verwurzelt in unserem Glauben an den einen Gott, der uns erschaffen hat und der uns liebt.
Wir werden jetzt ein Totengedenken halten. Ich lade Sie ein, mit all den Namen, mit all den Erinnerungen, mit all den Beziehungen, die jetzt in Ihrem Herzen lebendig werden, diese Menschen Gott anzuvertrauen – im Gebet, in der Stille und im Licht der Kerzen.
Denn der Herr, unser Gott, ist und bleibt ein Gott des Lebens – im Leben und im Tod.
Amen.