Niemand von uns darf nach dem Taufschein fragen, wenn ein Mensch Hilfe braucht

Predigt am 23.08.2026 zu Mt 16,13-20

Vor 400 Jahren, Anfang des 17. Jahrhunderts, kamen Arbeiter und Künstler in den Petersdom in Rom. Sie hatten einen besonderen Auftrag: Sie sollten Buchstaben am Innenrand der gewaltigen Kuppel des Petersdom anbringen. Diese Buchstaben sollten etwa 2 Meter groß sein, von weitem sichtbar und vor allem eine klare Botschaft transportieren. Diese Botschaft war ein Wort von Jesus selbst. Und wir haben heute dieses Wort im Evangelium gehört: Du bist Petrus, und auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen.

Dieser Satz hat durch die Jahrhunderte und Jahrtausende immer wieder zur Auseinandersetzung angeregt. Wenn Petrus so wichtig ist, dass auf ihn die Kirche gebaut wurde, dann darf man ja da auch mal genauer hinschauen.
Petrus war kein strahlender Siegertyp, kein Unternehmer, keine charismatische Persönlichkeit.
Petrus war ein Mensch voller Zweifel und Unsicherheiten, und er hat Jesus noch kurz vor dessen Tod am Kreuz dreimal verleugnet.
Wenn man ihm dafür ein Arbeitszeugnis ausstellen würde, dann wäre das nach menschlichem Ermessen jedenfalls keine Grundlage, auf ihn die ganze Kirche zu bauen.
Der Clou ist: Es geht nicht um menschliches Ermessen. Es geht um die Sicht Gottes auf ihn und auf die Kirche.
Und Gott sieht die Dinge anders. Er sieht die Möglichkeiten eines Menschen anders. Er sah in Petrus ein Potential.
Aber auch wir Menschen können entdecken, welche Talente Petrus hatte. Und dafür schauen wir auf die Zeit nach der Auferstehung Jesu, auf die Zeit nach Ostern.

Ich habe heute mal zwei Punkte mitgebracht, die uns dabei helfen können, die richtige Brille aufzusetzen, wenn wir über diesen Petrus nachdenken.

Der erste Punkt ist: Nach der Auferstehung spricht Jesus mit Petrus und gibt ihm den Auftrag, sich um die Menschen zu kümmern. Er sagt: „Weide meine Schafe“ (vgl. Joh 21). Schafe zu weiden heißt aber vor allem, dafür zu sorgen, dass es ihnen gut geht, dass sie beschützt sind, dass sie gepflegt werden und in jeder Not Hilfe geleistet wird. Das ist bemerkenswert: Petrus’ Auftrag wird unmittelbar als Fürsorge für konkrete Menschen definiert.
Das gilt aber nicht nur für diesen einzelnen Menschen Petrus und auch nicht nur für seine Nachfolger bis zum heutigen Papst Leo XIV.
Es ist ein Auftrag für alle, die Verantwortung in der katholischen Kirche übernehmen. Der Auftrag lautet: Nicht zuerst Macht ausüben, sondern Menschen dienen. Und damit sie die gemeint, die besonders Schutz, Unterstützung oder eine Stimme brauchen.
Denn christliches Engagement für Arme, Kranke, Einsame, Geflüchtete oder Menschen am Rand ist keine Nebensache. Es ist eine konkrete Weise, den Auftrag des auferstandenen Christus weiterzuführen.
Hier in Korea heißt das, dass wir die vielen Armen in den Blick nehmen. Das sind Kinder in den Kinderheimen, die vom Jugendamt aus den Familien geholt wurden, weil sie unter unsäglicher häuslicher Gewalt litten. Oder weil sie ausgesetzt worden sind, was immer noch passiert, weil die Gesellschaft hier immer noch ledige Mütter ausschließt.
Das sind auch die Menschen, die mit über 80 Jahren noch Taxi oder LKW fahren oder den Verkehr an Baustellen regeln, weil die Rente ihnen keine Chance lässt, einfach so zu überleben.

Ich denke, dass wir alle nur die Augen aufmachen müssen, um diese Not zu sehen.

Und der zweite Punkt?
In der Apostelgeschichte (vgl. Apg 10) lesen wir, dass Petrus dem römischen Hauptmann Kornelius begegnet. Das ist der Begegnung zweier Welten, denn Petrus muss hier lernen, dass auch Menschen, die keine Juden sind, nicht einfach unrein sind, nur weil sie außerhalb seiner religiösen Grenzen stehen, sondern dass er auch für sie da sein muss.
Das bedeutet ganz konkret: Die katholische Kirche darf ihre Hilfe nicht danach verteilen, wer zu ihr gehört. Sie hat ihren Blick auf alle Menschen zu richten. Die sieben Essensausgabestellen, die hier in Seoul von der katholischen Kirche betrieben werden, die werden nicht nur von Katholiken besucht, sondern von Menschen in Not.
Niemand von uns darf nach dem Taufschein fragen, wenn ein Mensch Hilfe braucht.

Petrus erfährt nach Ostern: Christus zu verkünden bedeutet, Menschen zu dienen, Grenzen zu überwinden und sich am Umgang mit den Schwachen messen zu lassen.
Das ist das Fundament der katholischen Kirche: Die Diakonia, der Dienst am Menschen. Deswegen sagt Jesus zu Petrus, dass er der Fels sei, auf den die Kirche gebaut wird.

Wir sollen diakonisch leben und handeln und reden. Das können wir, wenn wir uns anschauen, was die Bibel uns sagt – was also das Wort Gottes für uns bedeutet – und wenn wir zudem schauen, dass wir ja nicht die erste Generation sind, die solche Gedanken hat. Seit es die Kirche gibt, ist der Auftrag Jesu, sich um die Armen zu kümmern, präsent. Es hat Tradition, das so zu tun.
Und um sich daran immer wieder zu erinnern, können die Buchstaben im Petersdom nicht groß genug sein.

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