Wenn der Glaube zur Melodie wird

Predigt am 19.10.2025 zu Lk 18,1–8

Liebe Schwestern und Brüder,

ich singe zur Zeit bei Camarata mit, das ist ein internationaler Chor, der sich jeden Sonntag Nachmittag trifft. Wir studieren gerade den Messias von Händel ein; die Aufführung ist am 6. Dezember. Die Musik hat etwas himmlisches und der Text ist aus dem Evangelium entnommen.

Wer schon einmal in einem Chor gesungen hat, weiß, dass man dort nicht tun darf, was man will. Es gibt dort keine Demokratie im eigentlichen Sinn. Wenn jede Stimme selbst entscheiden würde, wie laut, wie schnell oder in welcher Tonhöhe sie singt, entsteht kein harmonischer Klang, sondern ein Durcheinander. Ein Chor lebt davon, dass sich viele Einzelne einem gemeinsamen Takt anvertrauen; der Leitung der Dirigentin, dem Rhythmus, der Dynamik, der gemeinsamen Linie. Nicht um Unterdrückung geht es dabei, sondern um Einordnung. Es geht um das große Ziel, gemeinsam Musik zu schaffen, die das Herz erhebt.

Im Evangelium hörten wir nun von einer Witwe, die unermüdlich an die Tür eines Richters klopft. Sie lässt nicht locker, bis er ihr Recht verschafft. Dieser Richter ist kein guter Mensch – Jesus sagt ausdrücklich, dass er Gott nicht fürchtet und die Menschen nicht achtet. Aber selbst er gibt schließlich nach, weil er von der Beharrlichkeit dieser Frau überwältigt wird.

Jesus erzählt uns dieses Gleichnis, um über das Gebet zu reden. Wir sollen immer wieder beten, sollen darin nicht nachlassen. Er will uns zeigen: Gebet ist ein Rhythmus. Wie eine Sängerin, die ihren Ton halten muss, auch wenn der Einsatz des Chores noch nicht kommt, so hält die Witwe an ihrem Vertrauen fest, obwohl sich scheinbar nichts bewegt.

Ein Chor funktioniert, wenn alle auf denselben Takt hören. Der Dirigent hebt die Hand – und jeder folgt. Auch im Glauben geht es darum, dass wir den Takt Gottes hören: Der ist nicht laut, aber beständig. Nicht fordernd, aber richtungsweisend. Wer betet, stimmt sich ein auf diesen göttlichen Rhythmus.

Wer kennt das nicht: Wir meinen oft, dass Gott uns nicht hört. Wir klopfen an, doch es bleibt still. Die Witwe heute gibt uns ein Beispiel: Sie bleibt dran. Sie betet gewissermaßen ihr „Unser tägliches Brot gib uns heute“, also: gib mir die Gerechtigkeit, die mir zusteht – und sie macht das immer wieder, bis der Richter sich bewegt. Ihr Glaube zeigt, dass sie großes Vertrauen und hat auch Ausdauer.

In einem Chor herrscht keine Demokratie, sagt man. Das ist ein Ausdruck von Vertrauen. Man muss dem Dirigenten glauben, dass er weiß, wann der Einsatz kommt. Man muss den anderen Stimmen Raum lassen, damit ein Ganzes entsteht. Auch im Glauben geht es nicht darum, dass jede und jeder alles bestimmen kann, sondern darum, dass wir uns einer größeren Ordnung anvertrauen: dem Willen Gottes, der uns führt – oft anders, als wir denken, aber immer mit dem Ziel, dass unser Leben Teil seiner Melodie wird.

Wenn wir beten, wenn wir nicht aufgeben, wenn wir uns in den göttlichen Takt einfügen, dann entsteht etwas Wunderschönes: eine Harmonie zwischen Gott und Mensch. Sie ist nicht laut, nicht spektakulär,  aber sie trägt. So wie im Chor jede Stimme gebraucht wird, so ist auch im Glauben jede und jeder von uns Teil der göttlichen Partitur. Wenn einer aussetzt, wird der Klang schwächer. Wenn einer zu laut wird, überdeckt er die anderen. Nur im Hören aufeinander entsteht wahre Einheit.

Am Ende des Evangeliums stellt Jesus eine ernste Frage: Wird der Menschensohn, wenn er kommt, den Glauben finden auf Erden? Vielleicht meint er damit: Wird er Menschen finden, die sich nicht nur selbst hören wollen, sondern die bereit sind, Teil seines göttlichen Chores zu sein? Menschen, die beharrlich beten, die aufeinander hören, die sich dem Takt Gottes anvertrauen?

Liebe Schwestern und Brüder, das Evangelium und die Erfahrung im Chor lehren uns dasselbe: Wahrer Glaube ist kein Alleingang, sondern ein Zusammenspiel. Er lebt von Geduld und Vertrauen, und von der Bereitschaft, sich in eine größere Harmonie einzufügen. Wer so betet, wer so glaubt, der wird – wie die Witwe – erleben, dass Gott gerecht ist. Und dass er uns einlädt, mitzusingen in seinem großen Chor der Liebe, in dem jede Stimme wichtig ist. Und wir erkennen, dass dadurch ein himmlischer Klang entsteht.

Amen.

Entdecke mehr von Edgars Reiseblog

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen