Predigt am 08.12.2024
Liebe Schwestern und Brüder,
ein Prophet ist nicht in erster Linie jemand, der die Zukunft vorhersagt. Ein Prophet ist jemand, der die Wirklichkeit anschaut, wie sie ist – ohne Beschönigung, ohne Ausflüchte – und der diese Wirklichkeit in Beziehung zu Gott bringt. Ein Prophet fragt: Wo stehen wir? Und wo will Gott uns hinführen?
Der Text aus dem Buch Baruch ist genau so ein prophetischer Text. Er richtet sich an ein Volk, das Niedergang, Verlust und Unsicherheit erlebt hat. Und mitten hinein in diese Erfahrung sagt der Prophet: Steh auf. Leg die Trauer ab. Zieh den Mantel der Gerechtigkeit Gottes an. Setz dir die Krone der Herrlichkeit auf.
Das ist ein starkes Bild. Es bedeutet: Ihr seid nicht für Elend und Hoffnungslosigkeit geschaffen. Gott sieht euch anders. Und Gott selbst wird den Weg bereiten. Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel abgetragen. Was uneben ist, wird eben. Was unüberwindbar erscheint, wird gangbar.
Hier entsteht eine Vision: eine neue Ordnung. Eine Ordnung, die von Gerechtigkeit, Frieden und Würde geprägt ist – und zwar nicht nur für ein Volk, sondern für alle.
Diese Vision greift das Evangelium auf. Lukas stellt Johannes den Täufer in einen ganz konkreten historischen Zusammenhang. Er nennt die politischen Machthaber, die religiösen Autoritäten, die gesellschaftlichen Verhältnisse. Es ist eine Welt voller Machtgefälle, voller Ungerechtigkeiten und Spannungen.
Und genau in diese Welt hinein tritt Johannes.
Seine Botschaft knüpft an die Worte des Propheten an: Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel abgetragen. Was krumm ist, soll gerade werden. Was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden. Und dann dieser entscheidende Satz: Alle Menschen werden das Heil Gottes schauen.
Nicht einige oder nur die Starken oder nur die Privilegierten. Alle.
Johannes ruft zur Umkehr. Aber Umkehr meint hier nicht nur eine religiöse Haltung. Umkehr bedeutet: Die Verhältnisse müssen sich ändern. Das Leben muss gerechter werden. Hindernisse müssen beseitigt werden – in unseren Herzen und in den Strukturen unserer Gesellschaft.
Wenn wir diese Texte heute hören, dann merken wir, wie aktuell sie sind. Denn auch heute geht es um Gerechtigkeit. Auch heute geht es um die Frage, wie wir miteinander leben wollen.
Eine demokratische Gesellschaft lebt davon, dass Macht nicht einseitig konzentriert bleibt, sondern dass sie verteilt wird. Dass Ungleichgewichte abgebaut werden. Dass Menschen Rechte haben, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, sozialem Status oder religiöser Zugehörigkeit.
Das Bild der geebneten Wege passt erstaunlich gut zu dem, was eine gerechte Gesellschaft ausmacht. Schluchten auffüllen – das heißt: Armut bekämpfen. Berge abtragen – das heißt: Privilegien hinterfragen. Krummes begradigen – das heißt: Ungerechtigkeiten nicht einfach hinnehmen.
Und das Entscheidende dabei ist: Das geschieht nicht von selbst. Demokratie lebt davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen. Dass sie sich einbringen. Dass sie hinschauen und nicht wegsehen.
Genau hier berühren sich die biblischen Texte und unsere Wirklichkeit.
Baruch sagt: Zieh den Mantel der Gerechtigkeit an. Das ist kein Schmuckstück für besondere Anlässe. Das ist ein Auftrag für das Leben. Und Johannes ruft zur Umkehr – nicht als individuelle Moralübung, sondern als Vorbereitung auf eine neue Wirklichkeit Gottes mitten unter uns.
Beide Texte leben von Hoffnung. Aber nicht von einer naiven Hoffnung, die sagt: Es wird schon irgendwie gut werden. Sondern von einer Hoffnung, die sagt: Veränderung ist möglich – wenn wir bereit sind, unseren Teil dazu beizutragen.
Und noch etwas ist wichtig: Die Perspektive ist universell. Alle Menschen werden das Heil Gottes schauen. Das erinnert uns daran, dass Würde und Rechte nicht verhandelbar sind. Dass jeder Mensch zählt. Dass niemand übersehen werden darf.
Liebe Schwestern und Brüder,
wir leben in einer Zeit, in der vieles unübersichtlich geworden ist. In der Vertrauen verloren geht und gesellschaftliche Gräben tiefer werden. Gerade jetzt brauchen wir diese prophetische Perspektive.
Die Frage lautet nicht nur: Wie entwickelt sich die Welt?
Die Frage lautet: Welchen Weg bereiten wir?
Wo können wir Schluchten auffüllen, durch Solidarität, durch Unterstützung, durch Aufmerksamkeit?
Wo können wir Berge abtragen, durch Fairness, durch Ehrlichkeit, durch das Eintreten für Gerechtigkeit?
Wo können wir Krummes begradigen, durch klare Worte, durch Verantwortung, durch Engagement für das Gemeinwohl?
Baruch spricht von einem neuen Gewand. Johannes spricht von Umkehr. Beides meint dasselbe: Veränderung beginnt nicht irgendwo abstrakt. Sie beginnt bei uns.
Hoffnung ist nicht nur ein Gefühl. Hoffnung ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung, sich nicht mit Ungerechtigkeit abzufinden. Eine Entscheidung, an eine bessere Zukunft zu glauben – und heute schon danach zu handeln.
Denn Gott bereitet den Weg.
Aber er tut es durch Menschen.
Das ist die Botschaft dieses Tages:
Dass wir Teil dieser Bewegung sind und dass wir mithelfen, Wege zu ebnen.
Es gilt:
Alle Menschen werden das Heil Gottes schauen.
Amen.