Gottes Reich wächst leise

Predigt am 27.07.2025 zu Lk 11, 1–13 

Liebe Schwestern und Brüder,

das Reich Gottes – was für ein großes Wort. Ein Wort, das leicht ins Abstrakte rutschen kann. Es klingt groß und bedeutend, aber oft ist es schwer zu fassen. Gerade deshalb spricht Jesus in Bildern. Er erklärt das Reich Gottes nicht mit theologischen Definitionen, sondern mit Geschichten aus dem Alltag, mit Gleichnissen, die wir verstehen können.

Heute vergleicht er das Himmelreich mit einem Senfkorn und mit einem Sauerteig.

Beide Bilder überraschen. Sie zeigen etwas Kleines, Unscheinbares, Verborgenes – und zugleich etwas Kraftvolles, das verändert. Ein Senfkorn ist winzig, kaum sichtbar, und doch wächst daraus ein großer Strauch. Ein wenig Sauerteig durchdringt den ganzen Teig – leise, unauffällig, aber nachhaltig.

Jesus spricht hier nicht von einer fernen Welt oder einem überirdischen Paradies. Er spricht von einem Reich, das mitten unter uns wächst. Und er sagt: Das Entscheidende beginnt im Verborgenen.

Das ist eine wichtige Botschaft für uns heute. Wir leben in einer Welt, die das Große und Spektakuläre sucht: sichtbaren Erfolg, messbare Ergebnisse, beeindruckende Zahlen. Aber Gottes Reich wächst anders. Es beginnt klein, unscheinbar, oft unbemerkt – und gerade darin liegt seine Kraft. Es wirkt von innen, es durchdringt, verwandelt und erneuert.

Wenn wir genau hinschauen, sehen wir, wie viel Gutes im Stillen geschieht: eine Mutter, die ihr Kind mit Geduld begleitet; ein Mensch, der einem anderen zuhört; eine Ehrenamtliche, die treu ihren Dienst tut, ohne Anerkennung zu erwarten; ein Christ, der im Alltag betet und vertraut. Das alles sind Senfkörner. Das alles ist Sauerteig.

Die Frage ist: Vertrauen wir auf die Kraft des Kleinen? Oder meinen wir, das Reich Gottes müsse mit Macht, Größe und Lautstärke kommen?

Auch der Kolosserbrief erinnert uns heute daran, wie dieses Wachstum geschieht. Durch die Taufe sind wir mit Christus gestorben und mit ihm zu neuem Leben auferweckt. Dieses neue Leben entsteht nicht durch äußeren Druck oder Zwang, sondern durch eine innere Verwandlung. Und diese geschieht oft langsam, Schritt für Schritt, leise und verborgen.

Im Buch Genesis sehen wir ein weiteres Beispiel: Abraham tritt für die Menschen von Sodom ein. Er ringt mit Gott, bittet und verhandelt, vertraut auf Gottes Barmherzigkeit. Auch das ist ein Senfkorn: das beharrliche Gebet, das Vertrauen, dass Gott retten will. Abraham spricht mit Gott wie mit einem Freund – und Gott lässt sich ansprechen. Das Reich Gottes wächst dort, wo Menschen nicht aufhören zu beten.

Liebe Schwestern und Brüder,

Jesus lädt uns heute zur Geduld ein. Er ermutigt uns, auf das Kleine zu setzen, auf das, was heute vielleicht noch unscheinbar ist, aber morgen Frucht bringen kann. Das Reich Gottes beginnt in unserem Herzen. Es wächst in unseren Beziehungen, in unserer Gemeinde, in unserer Art zu denken, zu sprechen und zu handeln.

Auch wenn wir nicht alles sofort sehen: Der Sauerteig wirkt. Das Senfkorn wächst.

Darum halten wir fest an der Hoffnung. Suchen wir nicht das Große und Eindrucksvolle, sondern das Echte. Haben wir Geduld – mit uns selbst, mit anderen und mit Gott. Denn Gott ist am Werk, oft gerade dort, wo wir es nicht vermuten.

In den vergangenen Sonntagen haben wir gehört: Wir sind gerufen, dem Nächsten beizustehen wie der barmherzige Samariter. Wir sind eingeladen, auf Gottes Wort zu hören wie Maria. Heute kommt eine weitere Einsicht hinzu: Unser Tun, unser Hören, unser Glaube – all das trägt Frucht, wenn wir es Gott überlassen, wachsen zu lassen.

Amen.

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