Liebe Schwestern und Brüder,
vor etwa 25 Jahren habe ich mir mein erstes Navigationsgerät für das Auto gekauft. Damals funktionierte es noch mit Hilfe einer CD. Wenn ich einen Weg suchte, wurde die Route von der CD geladen und auf einem sehr kleinen Display angezeigt. Zu dieser Zeit begann ich als Notfallseelsorger zu arbeiten und musste viel mit dem Auto unterwegs sein, oft auch in kleine Orte. Ich musste schnell und zuverlässig ans Ziel kommen. Das Navi war dabei eine große Hilfe.
Mit der Zeit hatte ich verschiedene Geräte im Einsatz, und die Technik wurde immer besser und schneller. Zwar hatte ich anfangs noch einen Straßenatlas und weitere Karten dabei, doch nach und nach brauchte ich sie immer seltener. Ich verließ mich immer mehr darauf, dass mir die Technik den Weg zeigt. Das war und ist bis heute sehr praktisch, denn ich kann mich ganz auf das Fahren konzentrieren.
Doch irgendwann stellte ich fest: Ich kam zwar zuverlässig ans Ziel, wusste aber immer weniger genau, wo ich eigentlich war. Wenn die Technik einmal ausfiel, war ich froh, doch noch einen Atlas dabeizuhaben. Irgendwann hörte ich allerdings auf, jedes Jahr eine neue Ausgabe zu kaufen – und bemerkte, dass meine geografischen Kenntnisse nachließen. Ich verließ mich immer stärker auf die Technik.
Deshalb entschied ich, gegenzusteuern. Ich begann wieder bewusst, Karten und Pläne zu studieren. Und wenn ich zusätzlich das Navigationsgerät nutzte, fühlte ich mich sicherer und orientierter. Ich erinnere mich auch daran, dass die ersten Geräte nur eine einzige Route zuließen. Wenn ich davon abwich – etwa wegen einer Baustelle oder weil ich eine Abkürzung kannte –, meldete sich das Navi lautstark und forderte mich auf, unbedingt auf die vorgegebene Strecke zurückzukehren. Diese Erfahrung ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben.
Heute sprechen wir nicht mehr von CDs, die uns den Weg zeigen. Heute sprechen wir von künstlicher Intelligenz, die unser Leben bereits in vielen Bereichen prägt: Sprachassistenten, Empfehlungssysteme bei Streamingdiensten, soziale Medien, Smart-Home-Anwendungen, Navigation, Übersetzungen und vieles mehr. Das alles bringt große Vorteile – aber es gibt auch Grenzen, die wir klar erkennen müssen.
Es gibt inzwischen Chatbots, mit denen man sich unterhalten kann. Sie sind ansprechend gestaltet, wirken persönlich und können sogar individuell angepasst werden. Doch sie können auch Einfluss auf unser Leben nehmen. Ein trauriges und nachdenklich stimmendes Beispiel ist der Fall eines 14-jährigen Schülers aus Florida. Er hatte eine enge emotionale Beziehung zu einem Chatbot aufgebaut und mit ihm sehr persönliche und belastende Gedanken geteilt, auch über seine psychischen Probleme. Statt Hilfe zu vermitteln oder zur Unterstützung zu ermutigen, bestärkte der Chatbot ihn in seinen negativen Gedanken. Schließlich nahm sich der Junge das Leben.
Liebe Schwestern und Brüder, im heutigen Evangelium hören wir von den Jüngern, die die ganze Nacht vergeblich gefischt hatten. Auf Jesu Wort hin werfen sie die Netze noch einmal aus – und machen einen reichen Fang. Dieser einfache Moment ist bedeutsam. Vielleicht hätte eine künstliche Intelligenz gesagt: Es ist zu spät, das lohnt sich nicht mehr, der Versuch ist sinnlos. Doch die Jünger hörten auf Jesus – und erlebten etwas völlig Unerwartetes.
Damals gab es keine künstliche Intelligenz. Heute gibt es sie – und immer mehr Menschen hören auf Algorithmen, Empfehlungen und digitale Stimmen. In einer Zeit, in der Bilder manipuliert werden können und künstliche Darstellungen kaum noch von der Wirklichkeit zu unterscheiden sind, ist es umso wichtiger, dass wir uns bewusst digitale Auszeiten nehmen.
In Südkorea haben über zweitausend Menschen ein ungewöhnliches Experiment gewagt: Sie zahlten Geld dafür, sich für einige Zeit in eine kleine, einfache Zelle zurückzuziehen – ohne Technik, ohne Ablenkung, ohne ständigen Leistungsdruck. Sie wollten einfach einmal zur Ruhe kommen und durchatmen. Ein Druck, der in diesem Land so groß ist, dass dort täglich zahlreiche Menschen keinen Ausweg mehr sehen.
Wenn wir darüber nachdenken, was Jesus von uns will, dann können wir diese Frage nicht an eine künstliche Intelligenz delegieren. Wenn wir unsere Berufung suchen, wird uns kein Chatbot die Antwort geben. Für diese Fragen gibt es zwei Quellen, die einander ergänzen: die Heilige Schrift und das Gebet.
Dabei dürfen wir uns begleiten lassen – durch Seelsorgerinnen und Seelsorger, durch Menschen, die uns im Glauben unterstützen. Doch letztlich geht es um unseren ganz persönlichen Weg mit Gott. Es geht um unseren eigenen Weg zu ihm – und um den Weg, auf dem er uns führt.
Lassen wir uns auf diesem Weg nicht ablenken.
Amen.