Um den Klerikalismus abzubauen, bedarf es der Kooperation und Inklusion von Laien“

06.09.2024 Interview mit Catholic News in Seoul, erschienen hier auf koreanisch. Das Interview wurde auf englisch geführt. Ich gebe hier die deutsche Übersetzung wieder.

 

[Interview] Edgar Krumpen, Ständiger Diakon der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Korea

Der Diakonat als Dienstamt – Jesus als der „erste Diakon“

Ständige Diakone in der Weltkirche auf dem Vormarsch, in Korea noch weitgehend unbekannt

In der koreanischen katholischen Kirche ist das Amt des Ständigen Diakons ein eher fremdes Konzept. Obwohl das Zweite Vatikanische Konzil dieses Amt in Anlehnung an den Dienst der Urkirche offiziell wiederhergestellt hat, wird der Diakonat in Korea meist nur als Durchgangsstufe zur Priesterweihe wahrgenommen.

Laut dem „Annuarium Statisticum Ecclesiae 2022“ sinkt die Zahl der Priester weltweit seit zehn Jahren, während die Zahl der Ständigen Diakone kontinuierlich steigt. Im Jahr 2022 gab es weltweit 50.150 Ständige Diakone (ein Plus von 2 % zum Vorjahr). Über 97 % von ihnen wirken in Amerika und Europa; auf Afrika, Ozeanien und Asien entfallen weniger als 3 %.

Am 2. September trafen wir Edgar Krumpen, den derzeit einzigen in Korea tätigen Ständigen Diakon, im Büro der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in der Internationalen Pfarrei Hannam-dong (Seoul).


Ständiger Diakon Edgar Krumpen von der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Korea. (Foto: Woori Institute of Theology)
Quelle: Catholic News Now and Here (https://www.catholicnews.co.kr)

  1. Das Amt des Ständigen Diakons existiert so in der koreanischen Kirche nicht. Bitte stellen Sie sich und die Situation in Deutschland kurz vor.

Krumpen: Ich bin Edgar Krumpen, entsandter Ständiger Diakon aus der Diözese Augsburg in Bayern. Ich bin seit 33 Jahren mit meiner Frau Christine verheiratet und wir haben zwei Söhne. Nach meinem Theologiestudium (Promotion in Liturgiewissenschaft 1998) und langjähriger pastoraler Ausbildung arbeitete ich in der Notfallseelsorge für Menschen in psychischen und physischen Krisen. In dieser Arbeit auf der Straße und mit traumatisierten Menschen fand ich meine Berufung und wurde 2002 zum Diakon geweiht.

In Deutschland gibt es seit der Wiedereinführung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil heute etwa 3.300 Ständige Diakone. Im Gegensatz zum „Übergangsdiakonat“ (als Vorstufe zum Priestertum) können Ständige Diakone verheiratet sein und ihr Leben lang in diesem Amt dienen. Wir wirken in der Sakramentenspendung (Taufe, Trauung, Beerdigung) sowie in verschiedenen pastoralen Feldern.

Der Begriff „Diakon“ leitet sich vom griechischen diakonia (Dienst) ab. In diesem Sinne kann man Jesus als den ersten Diakon betrachten, der kam, um der Welt zu dienen. Ich halte es daher für problematisch, dass Papst Benedikt XVI. im Motu Proprio Omnium in mentem (2009) den Unterschied zwischen Diakonen und Priestern/Bischöfen so stark betonte, indem er festschrieb, dass die Vollmacht, „in Persona Christi Capitis“ (als Haupt der Kirche) zu handeln, den Priestern vorbehalten bleibt. Dennoch sind wir Diakone vollwertige Mitglieder des Klerus.

  1. Was zeichnet die deutschsprachige Gemeinde in Korea aus und welche Rolle nehmen Sie dort ein?

Krumpen: Die Gemeinde besteht seit etwa 38 Jahren. Unter der Obhut der Auslandsseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz gibt es weltweit etwa 20 bis 30 solcher Gemeinden. In Korea sind wir ein Anlaufpunkt für Expats und deutschsprachige Katholiken.

Wöchentlich versammeln sich etwa 50 bis 60 Personen zur Messe in Hannam-dong. Seit zwei Jahren bin ich missionarischer Leiter der Gemeinde. Ich bereite Gottesdienste vor, halte Predigten und begleite die Vorbereitung auf Taufe, Erstkommunion und Firmung. Zudem besuche ich Kranke und Einsame – auch außerhalb Seouls. Nach der Tragödie von Itaewon 2022 habe ich mich um traumatisierte Ausländer gekümmert. Zudem repräsentiere ich die deutsche Kirche gegenüber Botschaften und fungiere als Mediator und Berater an der Deutschen Schule Seoul.

  1. Was erleben Sie in Korea als besonders positiv oder herausfordernd?

Krumpen: Das Gemeinschaftsgefühl zu fördern, empfinde ich als sehr wertvoll. Die letzten zwei Jahre waren überwiegend positiv. Wie jede Expat-Gemeinde stehen wir jedoch vor der Herausforderung, kulturelle Unterschiede zu überbrücken und uns an einen anderen sozialen Kontext anzupassen. Die Bewahrung der eigenen kulturellen Identität bei gleichzeitiger Offenheit für die koreanische Kirche ist ein spannender Lernprozess.

Das Hinweisschild der Gemeinde und die Briefkästen am Eingang des Gebäudes der Internationalen Pfarrei in Hannam-dong. (Foto: Woori Institute of Theology)
Quelle: Catholic News Now and Here (https://www.catholicnews.co.kr)

  1. Sie schrieben kürzlich, dass die koreanische und die europäische Kirche „gleich und doch verschieden“ seien. Können Sie das ausführen?

Krumpen: Beide sind Teil der universellen Kirche, aber die Verwaltung unterscheidet sich stark. In Deutschland ist die Kirche durch Dezentralisierung und eine starke Beteiligung von Laien an Entscheidungsprozessen geprägt. Die koreanische Kirche hingegen ist hierarchischer und die Entscheidungsgewalt der Kleriker ist deutlich ausgeprägter.

Interessant sind auch Details: Koreanische Frauen tragen in der Messe oft noch den Schleier, was in Deutschland kaum noch vorkommt. Dennoch empfinde ich koreanische Messen oft als sehr ruhig, warmherzig und solidarisch.

  1. Ist mehr Mitbestimmung für Laien ein Weg, um den Klerikalismus in Korea abzubauen?

Krumpen: Ja, absolut. Die Ausweitung der Mitbestimmung von Laien ist ein wirksames Mittel gegen Klerikalismus. In Deutschland führt diese Beteiligung zu einer inklusiveren Atmosphäre, in der die Talente aller geschätzt werden. Damit dies in Korea gelingt, bedarf es jedoch einer schrittweisen Umsetzung sowie Bildungsarbeit für Kleriker und Laien gleichermaßen, um eine Kultur des Dialogs und des gegenseitigen Respekts zu etablieren.

  1. Wie bewerten Sie den deutschen „Synodalen Weg“ im Kontext der Weltsynode?

Krumpen: Der Synodale Weg ist eine Reaktion auf die erschütternden Missbrauchsskandale und den daraus resultierenden massiven Vertrauensverlust. Es geht auch um den Missbrauch von Macht und um geistlichen Missbrauch. Auch wenn der Weg kontrovers diskutiert wird, halte ich ihn für einen mutigen und notwendigen Schritt zur Erneuerung. Er zeigt, dass die Kirche auf die Bedürfnisse der Gläubigen reagieren muss, um eine lebendige Gemeinschaft zu bleiben. Er kann durchaus als Modell für andere Ortskirchen dienen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.

7. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft und was erhoffen Sie sich von der koreanischen Kirche?

Krumpen: Ich möchte weiterhin die deutschsprachige Gemeinde stärken, etwa durch spirituelle Angebote wie Taizé-Gebete oder Besinnungstage. Mein Ziel ist eine glaubensstarke Gemeinschaft, die den Herausforderungen des Lebens im Ausland gewachsen ist.

Von der koreanischen Kirche erhoffe ich mir eine größere Offenheit für Dialog und Austausch. Wir können voneinander lernen. Aktuell teile ich bereits Informationen zum Weltjugendtag 2027 in Seoul mit deutschsprachigen Gemeinden weltweit und freue mich auf die Zusammenarbeit.

(Von links) Hwang Kyeong-hun (leitender Forscher am Woori Institute of Theology), der das Interview dolmetschte, der ständige Diakon Edgar Krumpen, Lee Mi-young (leitende Forscherin am Woori Institute of Theology) und Reporter Kyeong Dong-hyeon. (Foto: Woori Institute of Theology)
Quelle: Catholic News Now and Here (https://www.catholicnews.co.kr)

Quelle: Catholic News ‘Jigeum-Yeogi’ (Reporter: Kyeong Dong-hyeon)

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