Erinnerung an die Sewol-Katastrophe 세월호 und Predigt

Heute vor 10 Jahren, am 16. April 2014, kenterte die Sewol-Fähre 세월호 auf ihrem Weg von Incheon nach Jejudo auf Höhe der Insel Jindo im Gelben Meer (zwischen Korea und China). Dabei kamen 304 Menschen ums Leben, darunter 250 Schüler und Schülerinnen zwischen 15 und 18 Jahren. Es ist ein stiller Tag der Erinnerung und der Trauer.

Allen trauernden Angehörigen im Gebet verbunden.

Liebe Schwestern und Brüder,

vor ein paar Tagen war es 10 Jahre her, dass die Fähre Sewol auf ihrem Weg von Incheon nach Jejudo auf der Höhe der Insel Jindo im Gelben Meer gesunken ist. 304 Menschen kamen ums Leben, darunter 250 Schüler und Schülerinnen zwischen 15 und 18 Jahren.

In vielen Kirchen und Kathedralen Koreas haben in den letzten Tagen Gedenkgottesdienste stattgefunden. Das Leid der Angehörigen wurde in den Blick genommen.

Ich erinnere mich daran, wie die Nachricht damals, 2014, durch die deutschen Medien ging – es war Mittwoch der Karwoche und ich war dabei, eine Predigt für Karfreitag zu schreiben.

Es ist schwer, angesichts einer solchen Katastrophe zur Tagesordnung überzugehen. Nach 10 Jahren ist das sicherlich bei vielen Menschen etwas anders, aber die Trauer vieler Menschen bleibt.

Und es ist gut, dass die Erinnerung an diese Katastrophe nicht unter den Tisch fällt.

Genau wie die Katastrophe von Itaewon im Herbst 2022 nicht vergessen werden darf.

Als Christen haben wir die Aufgabe, gerade an solche Zeiten zu erinnern, das Leid zu benennen und Gott anzuvertrauen.

Das ist nicht einfach, denn da gibt es die brennende Frage nach Gott, nach dem Sinn, und danach, wieso Gott so etwas zulassen kann.

Ich möchte mit Hilfe des heutigen Evangeliums ein wenig darüber nachdenken.

Wir haben es gerade gehört: Jesus ist der gute Hirt. Und Jesus beschreibt sehr ausführlich, was das bedeutet, ein guter Hirte zu sein.

Jesus sagt: Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe.

Es handelt sich beim guten Hirten nicht um einen bezahlten Knecht. Dazu müssen wir wissen, dass so ein Knecht zur Zeit Jesu meistens als Tagelöhner angestellt wurde – immer nur für einen einzigen Tag, und abends bezahlt wurde, um am nächsten Tag neu nach Arbeit zu suchen.

Damit gab es für so einen Knecht keine große Verantwortung, und vor allem keine Kontinuität – es war, neudeutsch gesprochen, ein Job, der halt gemacht werden musste.

So ein Knecht war also nicht so verantwortlich wie jemand, der sich Tag und Nacht kümmerte. Und wenn es hart auf hart kommt und der Wolf greift die Herde an, dann rennt er einfach davon und lässt die Schafe im Stich. Das tut der gute Hirte nicht.

Der gute Hirte kennt aber seine Schafe und sorgt für sie.

Wir wissen also:  Jesus kennt uns und er gibt sein Leben für uns. Das ist natürlich ein Hinweis auf den Karfreitag und den Tod am Kreuz, aber zudem steckt da auch drin, dass dieser Jesus einfach alles gibt und sich uns gerade in Zeiten von großem Leid und Katastrophen an die Seite stellt.

Er nimmt nicht das Leid komplett weg. Aber er steht an unserer Seite, wenn es passiert. Jesus als guter Hirte ist ein zuverlässiger Wegbegleiter.

Und ein weiterer Punkt ist noch wichtig:

Der gute Hirt kennt nicht nur seine Schafe, sondern diese kennen auch ihn, und zwar an seiner Stimme.

Für uns ist es schwer, Jesu Stimme zu hören. Er ist nicht so leiblich anwesend, dass wir seine Stimme hören könnten. Umso wichtiger ist es, dass wir alle Möglichkeiten nutzen, um mit ihm in Verbindung zu kommen und auch zu bleiben.

Morgens und abends könnten wir ein Gebet sprechen. Ein Vater unser. Ein Gegrüßet seist du Maria. Oder wir halten ein paar Minuten Stille und sagen zu Gott: Ich bin da, hilf mir in meiner Not.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir eine Antwort bekommen.

Jesus hat immer wieder betont, wie wichtig es ist, dass wir füreinander da sind, dass wir den Nächsten lieben. Und dass wir uns um die Verstorbenen und die Trauernden kümmern, das versteht sich von selbst.

Das Bild, das auf der Rückseite des Liedzettels abgedruckt ist, kann uns dabei helfen. Denn wir sehen hier Maria, die die Sewol Fähre auf ihrem Schoß hält. Der Künstler hat es so gezeichnet, dass wir erinnert werden an die Pietà. Die Pietà ist die Darstellung von Maria, die ihren verstorbenen Sohn auf dem Schoß hat.

So wie Maria den Sohn Gottes umsorgt und damit ein Zeichen setzt für alle Trauernden, so kümmert sie sich hier auf dem Bild auch um die vielen Verstorbenen der Sewol-Katastrophe.

Wir können darauf vertrauen, dass wir uns Maria anvertrauen können. Sie hat einen besonders guten Draht zu Gott – und zu dem, was Gott uns in solch schweren Zeiten sagen möchte.

Ich möchte mit euch beten. Der Text des Gebetes ist auf dem dritten Zettel, den ihr heute vorgefunden habt. Es ist eine Interpretation des Psalms 23, das ist der Psalm des guten Hirten. Der Text ist von Jörg Zink.

Beten wir gemeinsam:

 

Der Herr sorgt für mich, warum sollte ich mir Sorgen machen?
Mein Weg ist richtig und führt nicht in die Irre,
denn es ist Gott, der mich führt.
Der Herr versorgt mich. Warum sollte ich mir Sorgen machen?
Er gibt mir Nahrung für Geist und Herz,
wenn sonst keiner meinen Hunger stillt.
Wenn alles andere mir zwischen den Fingern zerrinnt,
mit dem die Menschen mich abspeisen.
Er gibt mir einen sicheren Schritt.
Er zeigt mir einen Weg durch das Gewühl der Menschen.
Durch die Flut der Lichter.
Durch das Rauschen der vielen Stimmen. Einen klaren Weg, so gewiss es Gott ist, der mich führt.
Und wenn die Lichter verlöschen und es dunkel wird,
wenn ich einsam bin, oder krank – und den Tod fürchte –
wenn ich schuldig bin, vor dir, Herr, –
und deine Hand scheinbar verloren glaube,
fürchte ich doch nicht, dich wirklich zu verlieren,
denn du bist bei mir.
Du bereitest mir den Tisch. Du sagst: Nimm hin und iss!
Du reichst mir den Becher und sagst: nimm hin und trink.Ich bin dein Gast in deinem Haus,
mehr noch: dein Freund und dein Kind.
Die Tür ist offen, solange ich lebe.
Und wenn ich sterbe,
ist dein Haus für mich bereit.
Glück und Frieden gibst du mir.
Was soll ich tun?
Ich habe Dir nichts zu geben als mein Gebet,
mein Lied und meinen Dank.
Ich kann Dir nichts anderes geben
als dies: Annehmen, was Du mir gibst.

Amen.

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