Auf der Leiter: Gedanken zu Eph 5,21-32

Auf der Leiter zu stehen, die Dinge mal von oben anzuschauen, kann helfen, einen neuen Blick auf die Bibel zu bekommen. Besonders wenn es um die Forderung von Paulus geht, dass sich die Frauen den Männern in allem unterordnen sollen (vgl. Eph 5,21-32).

Gedanken zu Eph 5,21-32

Es ist scheinbar keine Sternstunde für den Apostel Paulus. Er schreibt ja Briefe am laufenden Band an die Gemeinden, die er gegründet hat oder zu denen er einen besonderen Kontakt hat. Dadurch bekommen wir einen guten Einblick in sein Denken.

Das, was wir in Eph 5 von ihm lesen, ist für viele schwer auszuhalten. „Ihr Frauen, ordnet euch in allem den Männern unter!“

Der Satz ist doch irgendwie aus der Zeit gefallen. Er passt auch überhaupt nicht zum christlichen Menschenbild, denn Gott hat ja Mann und Frau als gleichwertig geschaffen, das zeigt uns die Schöpfungsgeschichte sehr klar.

Was also soll das hier?
Vorgestern hab ich die Forderung einer deutschen Theologin gelesen, dass diese Bibelstelle komplett aus der Leseordnung der Kirche gestrichen wird.

Je aufnahmebereiter wir werden für die tatsächlichen Ungerechtigkeiten auf unserer Welt gerade in Bezug auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, desto intensiver spüren wir, dass wir uns gegen solche Bibelstellen wehren.

Was also tun?

Zunächst mal ist es sinnvoll, auf die Leiter zu steigen. Wer auf die Leiter steigt, hat einen besseren Überblick, kann besser in die Ferne schauen und bekommt etwas Abstand.

Für uns heißt das, den Text nicht nur auf diesen einen Satz zu reduzieren, sondern komplett zu lesen und ihn in der damaligen Zeit einzuordnen. Und dann stellen wir fest: In einer Zeit, in der das Patriarchat schon sehr verankert war in der damaligen Gesellschaft, fordert Paulus nämlich nicht nur dazu auf, dass die Frauen sich ihren Männern unterordnen, sondern auch, dass die Männer ihre Frauen lieben, und zwar mit jener radikalen Liebe, mit der Christus seine Kirche liebt. Und die Liebe Christi ist mehr als radikal, sie ist unendlich, nicht zu übertreffen, bedingungslos – bis hin zum Kreuz, um sich für die Menschen zu opfern.

Die Forderung ist also zuerst mal die an die Männer, ihre Frauen nicht aus patriarchalischer Überheblichkeit zu benutzen und wegzuwerfen, wenn es nicht mehr passt, sondern sie wirklich zu lieben – und wenn ich jemanden wirklich liebe, dann unterwerfe ich ihn nicht, sondern sehe ihn auf gleicher Höhe oder sogar über mir stehen. Ein Mensch, zu dem ich aufschaue, der mir viel zu geben hat, von dem ich profitiere. Das ist also schonmal ein sehr moderner Text, mit dem wir viel anfangen können.

Und diese Forderung von Paulus muss erstmal erfüllt werden. Da haben wir Männer schonmal viel zu tun.

Die zweite Forderung, nämlich die der Unterordnung der Frauen unter die Männer, könnte er genommen haben, um die Männer besser erreichen zu können, um ihnen die Radikalität der Liebe zu ihren Frauen besser verständlich machen zu können.

Das alles ist aber kein Grund, sich nicht der Frage zu stellen, ob diese Bibelstelle überhaupt noch im Gottesdienst gelesen werden soll.

Es klingt ja auch erstmal nicht richtig, zu diskutieren, ob die Kirche eine Bibelstelle im Gottesdienst einfach so weglassen darf.

Wenn man aber genau hinschaut, dann stellt man fest, dass es viele Bibelstellen gibt, die an den Sonntagen nicht gelesen werden, und zudem viele Bibelstellen, die überhaupt niemals im Gottesdienst vorkommen. Das Hohelied der Liebe, das wir im Alten Testament finden, berichtet zum Beispiel über körperliche Nähe und Zärtlichkeit – und wird sonntags nicht gelesen. Und bestimmte Psalmverse, in denen Flüche vorkommen, tauchen gar nicht in unseren Gottesdiensten und Gebetszeiten auf.

Es gibt also tatsächlich eine Auswahl von Bibelstellen, die die Kirche für die Leseordnung vorgenommen hat- es wird nicht die ganze Bibel vorgelesen.

Also gibt es Bibelstellen, die im Empfinden der kirchlichen Behörden zu krass, zu fremd, zu unpassend sind für unseren Gottesdienst.

Die Diskussion über dieses Pauluswort darf also weitergehen.

Ich schlage vor, dass wir auf unsere Leiter schauen.

Stehen wir ganz oben, vielleicht weil wir uns sehr aufgeregt haben über die Bibelstelle und deswegen an die Decke gegangen sind, dann nutzen wir doch die Gelegenheit, die Dinge von oben, mit Distanz und mit Weitblick anzuschauen. Und dabei können wir entdecken, wie radikal die Forderung von Paulus ist, dass die Männer ihre Frauen bedingungslos lieben sollen. Denn wenn die Männer das tun, spielt die Unterordnung keine Rolle mehr.

Zugleich ist aber auch klar, dass wir nicht die ganze Zeit da oben auf der Leiter bleiben können. Wenn wir aber wieder runter kommen, dann erden wir uns wieder. Und das heißt, dass wir über unser eigenes Verhalten nachdenken und uns fragen können, wie weit wir denn so leben und so lieben, wie Christus es von uns erwartet.

Es ist nicht für mich nicht entscheidend, ob die Leseordnung geändert wird oder nicht. Entscheidend ist, dass wir diesen Text, wenn wir ihn hören oder lesen, einordnen und vor allem, dass wir uns der Forderung an uns selbst stellen müssen, zu lieben, so wie Christus es uns gelehrt hat.

Damit haben wir genug zu tun.

Diakon Edgar

 

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