Das Spiel kenne ich aus meiner Kindheit, und auch mit meinen Kindern hab ich es gespielt:
Ich sehe was, was du nicht siehst – und dann sagt man eine Farbe oder eine andere Eigenschaft, und die anderen müssen den Gegenstand suchen und entsprechende Fragen stellen, um ihn zu finden.
Es gibt aber auch noch andere Situationen im Leben, in denen das zutrifft: Ich sehe was, was du nicht siehst. Das gilt vor allem dann, wenn Menschen eine ganz andere Weltsicht haben als ich. Das kann an einer ganz anderen Ausbildung und Qualifikation liegen, an besonderen Lebensumständen oder einer besonderen seelischen oder körperlichen Disposition. Und auch Krankheiten verändern die Sicht auf die Welt. Manchmal sieht man die Welt ohne Farben, obwohl sie doch da sind.
Eine solche Krankheit ist die Depression. In der letzten Zeit kommen immer mehr Menschen im Internet zu Wort, die von ihrer Erkrankung erzählen und dadurch einen Einblick geben in ihre Situation. Bei aller Verschiedenheit, die diese Krankheit mit sich bringt, ist eines doch gemeinsam: Es gibt viel Unverständnis den Kranken gegenüber, die die Welt oft ganz anders erleben und anders deuten und deswegen anderes brauchen.
Gemeinsam ist auch der Wunsch, einfach akzeptiert zu werden, ohne dass ständig Ratschläge gegeben werden, die man schon hundert Mal gehört hat, die aber nicht hilfreich sind.
Wenn es einen Menschen in eurem Umfeld gibt, der zum Beispiel Phasen von Mutlosigkeit und Kraftlosigkeit hat, und ihr wollt ihm helfen, dann ist es hilfreich, ihm eine Auswahl von Alternativen zu geben, und er kann sich dann entscheiden.
Man kann zum Beispiel sagen: „Ich vermute, dass es dir nicht gut geht. Möchtest du jetzt Zeit für dich allein, möchtest du darüber reden oder soll ich dich ein bisschen ablenken?“
Dann kann der andere Mensch frei antworten, er ist nicht festgelegt auf nur eine Option, die ihm angeboten wird.
Ich sehe was, was du nicht siehst – eine Welt ohne Farben, eine Sonne ohne Licht, eine Mahlzeit ohne Geschmack, ein Leben ohne Fröhlichkeit.
Das alles gibt es bei unzähligen Menschen, und viele davon gehören zu unserem Bekannten- und Familienkreis. Wir alle sind gerufen, einander so anzunehmen wie wir sind. Dann lernen wir anders zu sehen. Die erkrankten Menschen spüren das, und es kann ihnen gut tun.
Ihr und euer Diakon Edgar