Manchmal schlage ich die Bibel auf und suche nach bestimmten Stichwörtern. Vor ein paar
Tagen dachte ich über WEIH-NACHTEN nach, und da ergab es sich, mal nach dem Stichwort
NACHT zu suchen. Es gibt verschiedene Hilfsmittel, solche Wörter ganz schnell zu finden.
Und daher war ich nach ganz kurzer Zeit im Buch der Weisheit. Und was ich dort las, hat
mich einfach gepackt. Ich kenne die Stelle schon sehr lange, aber diesmal hab ich sie anders
gelesen als früher. Da heißt es: (Weisheit 18,14.15)
Als tiefes Schweigen das All umfing
und die Nacht in ihrem Lauf bis zur Mitte gelangt war,
da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab.
Für einen christlichen Theologen ist das durchaus eine wichtige Stelle im Alten Testament.
Denn wir sind immer auf der Suche nach der Verbindung vom Alten zum Neuen Testament.
Die Bibel von Jesus ist ja unser Altes Testament.
Und diesen Vers aus dem Buch der Weisheit hab ich zu meinem persönlichen, diesjährigen
Weihnachtsvers gemacht.
Denn da gibt es so viel zu entdecken. Ich hab ja mal gelernt, dass man in einer Predigt nur
drei Punkte nennen soll. Aber heute gilt das nicht. Heute ist Weihnachten, und da brauche
ich einen Punkt mehr.
Es sind also vier Punkte heute, die mich dazu bringen, mich weihnachtlich zu fühlen.
1. Das Schweigen
2. Die Mitte der Nacht
3. Das allmächtige Wort
4. Springt vom Himmel, vom königlichen Thron herab.
Also Punkt eins meiner Liste: Das Schweigen.
Als tiefes Schweigen das All umfing…
In einer Welt, in der es so unendlich laut zugeht, ist ein Moment des Schweigens schon ein
Segen. Aber wenn hier die Rede vom tiefen Schweigen ist, dann braucht es schon deutlich
mehr als nur einen Moment des Schweigens. Wir finden in der Umgebung von Seoul etliche
Tempel, in denen das eingeübt wird. Das Schweigen und die Meditation sind im Buddhismus
ein ganz wesentlicher Teil des religiösen Lebens. Dabei gibt es auch viele christliche
Traditionen, in denen geschwiegen wird, um offen zu werden für Gott. Wir haben das nur
zum großen Teil vergessen.
Wenn ich das Schweigen christlich anschaue, dann ist es die Möglichkeit, zunächst mal zu
mir zu kommen. Denn das ist oft genug nicht der Fall. Wir Menschen sind mit vielem
beschäftigt, was von außen an uns herangetragen wird. Das Wort PFLICHT bzw.
PFLICHTERFÜLLUNG können wir schon ganz gut buchstabieren.
Und wenn wir uns mit uns beschäftigen, dann tun wir das nur selten so, dass es uns gut tut.
Es ist oft so eine Art gestohlenes Glück. Schnell mal zwischendurch ein paar Videos auf
YouTube oder Facebook oder Instagram schauen, und dann geht es weiter. Da spricht ja
auch zunächst nichts dagegen. Nur: ist es nicht das, was uns wirklich zu uns selbst führt.
Ein echtes Schweigen ist jetzt wahrlich nicht das allerleichteste. Aber es hilft dabei, zu mir zu
kommen. Und das ist die Voraussetzung, dass ich auch zu Gott kommen kann. Oder er zu
mir.
Daher ist der erste Punkt heute: Gönnen wir uns das Schweigen. Das ist dann schon ein
bisschen wie Weihnachten.
Der zweite Punkt hat viele Bedeutungen: Die Mitte der Nacht.
Das ist in so manchem Aberglauben die Geisterstunde. In der Volksmedizin wird Kräutern,
die zu dieser Zeit gepflückt werden, eine besondere Kraft zugesprochen. Bestimmte Schätze
können nur um Mitternacht gefunden werden. Bei Shakespeares Hamlet ist Mitternacht
ebenfalls eine wichtige Zeit.
In der Bibel ist das Thema bei Mose, im Buch Ruth, bei Hiob, aber auch im Neuen Testament
zu finden. Und immer geht es um etwas wichtiges, etwas Besonderes, etwas
Außergewöhnliches.
Da wir nicht weder wissen, um wieviel Uhr Jesus geboren wurde, noch wissen, um wieviel
Uhr er auferstanden ist, ist auch hier immer wieder die Mitte der Nacht angenommen
worden.
Wenn also um diese Zeit, wenn also um Mitternacht das Schweigen das All umfängt, dann
hat dieses Schweigen noch mehr Gewicht. Und andersrum bekommt die Mitte der Nacht
durch das Schweigen eine besondere Bedeutung. Und wir spüren: hier wird etwas ganz
Besonderes angesprochen. Und das ist jetzt schon ein bisschen mehr wie Weihnachten.
Daher schauen wir auf Punkt drei: Das allmächtige Wort.
Das WORT hat eine besondere Bedeutung. Wir reden vom Wort Gottes. Jesus ist das Wort
Gottes. Jesus bringt uns aber auch das Wort Gottes.
Das, was wir heute feiern, meint beides: Wir feiern die Geburt von Jesus, des Sohnes Gottes,
der Gott und Mensch ist und der uns das Wort Gottes in all seiner Kostbarkeit näher bringt.
Wenn nun dies verbunden wird mit der Eigenschaft „allmächtig“, dann ist das nur ein
weiterer Hinweis darauf, dass es sich hier um Gott handelt.
Also: An Mitternacht kommt während eines großen Schweigens das allmächtige Wort. Es
wird immer mehr Weihnachten, oder?
Und der vierte Punkt – das Wort springt vom Himmel herab, vom göttlichen Thron –
dieser Punkt nun scheint das ganze abzurunden. Das allmächtige Wort kommt im Schweigen
an Mitternacht zu uns, und zwar vom Himmel, vom göttlichen Thron. Das ist doch der noch
fehlende Beweis dafür, dass Christus gemeint ist, oder? All unsere Bilder von Gott und von
Jesus und vom Himmelreich sind ja genau davon geprägt. Und das war auch erstmal in
Ordnung so – jedenfalls so lange, bis ich mir den Kontext dieses Bibelverses angeschaut
habe.
Denn da geht es um einen Krieg. Hören wir nochmal hin und ich füge den nächsten Vers an:
14 Als tiefes Schweigen das All umfing / und die Nacht in ihrem Lauf bis zur Mitte gelangt
war, 15 da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab / als
harter Krieger mitten in das Land des Verderbens. 16 Es trug als scharfes Schwert deinen
unerbittlichen Befehl, / trat hin und erfüllte alles mit Tod.
Und somit war meine Weihnachtsstimmung wieder weg. Musste das sein- es hätte doch
alles so schön gepasst…
Und dann hab ich mir überlegt, ob ich den Vers auch weiterhin zu meinem persönlichen
Weihnachtsvers machen konnte.
Meine Antwort ist: Ja, das kann ich.
Denn das was da geschildert wird, trifft voll und ganz in unsere Zeit, in unsere Welt.
Wir feiern Weihnachten in sehr dunkler Zeit. Wir haben zur Zeit 22 Kriege und 6 sogenannte
bewaffnete Konflikte auf der Erde. Wir haben eine Versorgungskrise zum Beispiel in
Deutschland im Bereich Energie und auch bei den Medikamenten für die Kinder. Wir haben
dort viel zu wenige Betten in den Kliniken, weil das Personal fehlt. Wir erleben einen sehr
ernst zu nehmenden Aufwind im Bereich Rassismus und Radikalismus.
Bei all diesen Krisen bleibt manchmal nur das Schweigen, auch wenn oft das Aufstehen und
Einstehen für die Menschenrechte angesagt ist.
Und all diesen Krisen ist gemeinsam, dass sie viel Dunkelheit in die Welt bringen. Da ist es
Mitternacht, weil da am wenigsten Licht da ist.
Bei all diesen Krisen brauchen wir das göttliche, das allmächtige Wort, brauchen wir Jesus
Christus, den Messias, der uns im Evangelium so oft gezeigt hat, wie das alles ganz anders
laufen könnte. Wir brauchen Weihnachten genau jetzt, mitten in diesem Chaos, mitten in all
dem Leid. Wir sind gerufen, Zeichen zu setzen. Zum Licht zu werden. Für andere
einzustehen, gerade für die, bei denen es zappenduster ist. Bei denen es permanent
Mitternacht ist.
Wir brauchen die Bilder vom Himmel und von Thron, weil sie uns zeigen, dass es da
jemanden gibt, zu dem wir aufschauen können. Der es gut mit uns meint. Der nicht nur uns
liebt, sondern der die Liebe selbst ist.
Feiern wir Weihnachten! Machen wir uns gegenseitig froh! Und weisen wir uns gegenseitig
den Weg aus dem Lärm in das Schweigen, aus dem Dunkel ins Licht, von Mitternacht in den
Sonnenaufgang hinein.
Und deswegen behalte ich diesen Vers aus dem Buch der Weisheit als meinen ganz
persönliche Weihnachtsvers.
Denn:
Als tiefes Schweigen das All umfing
und die Nacht in ihrem Lauf bis zur Mitte gelangt war,
da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab.
Amen.
Ihr und euer Diakon Edgar