Predigt am 18.06.2023 zu Mt 9, 36 – 10, 8
O je!
Liebe Schwestern und Brüder,
kennt ihr diesen Ausruf?
O je! O je!
O je! Es ist ein Ausruf der Kummers, des Mitleids und des Entsetzens. Nach dem Motto: Was ist denn jetzt schon wieder passiert?
O je! Warum bitte schon wieder?
O je! Ich resigniere bald.
Angesichts des vielen kleinen und großen Leids kommt man ja manchmal gar nicht mehr aus dem Seufzen heraus. Und vielleicht kann man es auch nicht mehr hören, dass jemand so seufzt.
Dabei ist es eigentlich das Beste, was wir tun können! Das mag vielleicht ein wenig seltsam klingen. Wieso ist es denn bitteschön gut, ständig laut zu seufzen?
Das liegt daran, dass der Ausruf „o je“ eine Abkürzung ist. Eigentlich heißt er nämlich: O Jesus! Wir rufen damit Jesus an um seine Hilfe und seinen Beistand.
Dann gibt es noch O jemine! Das ist die Abkürzung vom lateinischen O Jesus domine , das heißt übersetzt: Oh Herr Jesus. Und aus „Herr Jesus“ wurde der Ausruf „Herrje!“
O je!, Herrje!, O jemine!
Aber während wir O je!, Herrje!, O jemine! durchaus laut rufen dürfen, sieht es schon ganz anders aus, wenn wir rufen würden: „O mein Jesus!“ „O Jesus!“ „O Herr Jesus!“ Das machen immer weniger Leute, den Namen von Jesus in der Öffentlichkeit laut auszusprechen. Ich könnte ja anecken, ich könnte mich politisch unkorrekt verhalten, lieber mal still sein.
Dabei ist es etwas sehr normales, dass wir als uns als Christen an Jesus wenden. Ich möchte das mit Hilfe des heutigen Evangeliums verdeutlichen.
Was hat dieser Jesus getan?
Heute im Evangelium hören wir, dass Jesus die 12 Apostel berufen hat. Man könnte meinen, dass es sich um besonders perfekte Menschen gehandelt hat. Immerhin wurden sie direkt von Jesus berufen!
Wenn wir dann aber genauer hinschauen, dann merken wir, dass dieser Jesus im Gegenteil ganz normale Menschen ausgewählt hat, Menschen mit vielen Auffälligkeiten.
Petrus zum Beispiel, immerhin der erste Papst, hat Jesus dreimal verleugnet und wirkt auch sonst ziemlich reizbar.
Jakobus und Johannes, die beiden Brüder, wollen Karriere machen und schlagen sich um den rechten Platz neben Jesus im Himmel.
Thomas ist ziemlich nervig und stellt ständig irgendwelche Fragen.
Matthäus war vorher Zöllner, hat also die Menschen über den Tisch gezogen und betrogen.
Judas scheint zwar gut mit Geld umgehen zu können, steht aber am Schluss alleine da, weil er Jesus an die Römer verraten hat.
Und so weiter.
Das klingt jetzt nicht wie einer Supertruppe. Und die sollen unsere Vorbilder sein?
Naja, wenn wir es wirklich ernst nehmen, dass es Jesus Wille war, genau diese 12 Männer zu Aposteln zu machen, dann muss das ja einen tieferen Sinn haben.
Und den tieferen Sinn finden wir darin, dass Jesus ganz gezielt Menschen mit Fehlern ausgewählt hat, um uns zu zeigen, dass es nicht um Perfektion geht, wenn wir christlich leben wollen. Das Christentum ist keine Leistungsreligion. Christentum ist eine Religion für alle Menschen, egal, welche Fehler sie haben. Eine Religion für Sünder und Sünderinnen. Eine Religion für einfach alle, alle, alle Menschen. Und das heißt, dass sich in unserer Kirche ziemlich viele Probleme versammeln, weil diese Probleme von genau diesen Menschen mitgebracht werden.
Genau deswegen hat Jesus uns erlöst. Er hat nicht gesagt: Sei perfekt! Sondern: Folge mir nach.
Und in der Nachfolge Jesu gibt es natürlich immer wieder Probleme, gerade weil wir nicht perfekt sind.
Und deswegen ist es auch richtig, in all unseren Problemen und unter all unseren Belastungen zu rufen: O je! Nur dass wir jetzt wissen, dass es eigentlich heißt: O Jesus! O Jesus, steht mir bei!
Trauen wir uns, den Namen unseres Heilands in den Mund zu nehmen. Er ist da für uns, jetzt und jeden Tag neu.
Amen.